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Kultur

"Das letzte ungelöste Problem zwischen Deutschland und Frankreich"

"Kinder der Schande" hießen die Kinder deutscher Soldaten in Frankreich. Das gleichnamige Buch erzählt von ihren Schicksalen. DW-WORLD sprach mit Autor Jean-Paul Picaper kurz vor Erscheinen der deutschen Ausgabe.

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DW-WORLD: Herr Picaper, 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges veröffentlichen Sie ein Buch über das Schicksal deutscher Besatzungskinder in Frankreich. Wie kam es dazu?

Jean-Paul Picaper: Ich hatte in Frankreich einen Artikel über den Sohn eines GI's veröffentlicht, der seinen Vater suchte. Damals war ich Deutschland-Korrespondent des "Figaro". Auf diesen Artikel hin bekam ich den Brief eines Franzosen, der Sohn eines deutschen Besatzungssoldaten war und mich fragte: "Wir sind mehrere tausend, wenn nicht mehrere zehntausend Kinder von deutschen Soldaten in Frankreich. Wollen Sie nicht über uns schreiben?" Ich antwortete, wenn es Zehntausende sind, dann ist es kein Artikel, sondern ein Buch. Für dieses Buch fand ich zunächst keinen Verlag. Die Verlage sagten, dies sei ein heikles Thema und werde manche Leute in Verlegenheit bringen. Schließlich fand ich eine Verlegerin, die für das Thema sensibilisiert war: Ihre Tante war das Kind eines deutschen Soldaten.

Wie sind Sie bei ihrer Recherche an die Namen der "Deutschenkinder" gekommen?

Anfangs war dies die größte Schwierigkeit. Dann lernte ich 2002 Ludwig Norz kennen, einen Historiker im Wehrmachtsarchiv in Berlin. Er erzählte, dass das Wehrmachtsarchiv viele Briefe von Franzosen bekommt, die ihren deutschen Vater suchen. So kam es zur Zusammenarbeit zwischen Norz und mir. Das Wehrmachtsarchiv schrieb 30 bis 40 Personen an und fragte, ob sie bereit seien, mit mir zu sprechen. Fast alle haben zugesagt. Ich reiste durch Frankreich und interviewte 15-20 dieser Personen. 15 oder 16 Fälle habe ich in meinem Buch bearbeitet. Ich bin auf Leute gestoßen, die nicht wussten, dass es neben ihnen noch andere solcher Fälle gab und waren erleichtert, davon zu erfahren.

Mehrere Personen in Ihrem Buch bleiben anonym. Warum?

Manche wollten ihre Identität nicht preisgeben, weil sie Angst vor der Öffentlichkeit hatten. Da gab es den Fall einer Mutter, die als vermeintliche Kollaborateurin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war und nicht wollte, dass die Nachbarn davon erfahren. Sie hatte nichts anderes verbrochen als die Liebe zu einem deutschen Soldaten. Aber so arbeiteten die Gerichte 1944-46 in Frankreich: Das waren keine Prozesse, sondern standrechtliche Verurteilungen, häufig ohne Zeugen und ohne Beweise. Es gab auch den Fall eines höheren Beamten, der seine Stelle bekommen hatte, weil er der Neffe eines prominenten Widerstandkämpfers war. Er fürchtete das Ende seiner Karriere, wenn bekannt würde, dass er der Sohn eines deutschen Besatzungssoldaten ist. Von den 16 Personen, die ich in meinem Buch vorstelle, tragen vier Pseudonyme.

Lesen Sie in Teil 2 über das Schicksal der "Deutschenkinder" und ihrer Mütter