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Afrika

Das Leid der Kindersklaven

Joseph Kony galt in Norduganda als der Kinderschreck. Jetzt überfallen seine Rebellen auch im Nachbarland Kongo Schulen. Wie Sklaven aneinandergefesselt entführen sie Kinder in den Dschungel.

Der LRA entkommen (Foto: Simone Schlindwein)

Richard konnte sich aus den Fängen der LRA befreien

Vor einer Lehmhütte spielen Kinder mit einem alten Fahrradreifen. Es ist Vormittag in Dungu, einem Dorf im Nordosten des Kongo. Eigentlich wäre es Zeit für die Kinder, zur Schule zu gehen. Aber alle Schulen in der Region sind geschlossen. Besorgt sitzt Vater Kisala im Schatten des Mangobaumes. Er lässt seine Jungs nicht aus den Augen. Neben ihm hockt sein ältester Sohn Richard. Der 18-Jährige kaut an seinen Fingernägeln. Seine Brüder versuchen Richard aufzumuntern. Sie zupfen ihn am Ärmel. Doch Richard reagiert nicht. Er starrt vor sich hin. Er ist traumatisiert. Er isst nicht, kann nicht schlafen, redet wenig. Er hat Furchtbares erlebt.

Geschlossene Schule im Kongo (Foto: Simone Schlindwein)

Die Schulen sind geschlossen - in den Klassenzimmern hausen Flüchtlinge.

Wie jeden Vormittag kommt Richards Schuldirektor zu Besuch. Bien Aimé Mihidipako setzt sich neben ihn, redet mit Richard. Mihidipako hat miterlebt, was mit Richard und seinen Mitschülern geschehen ist: "Es war 12.30. Ich wurde von Schreien überrascht, bin aus meinem Büro gerannt. Da standen schwer bewaffnete Rebellen im Hof. Sie stürmten die Klassenzimmer. Ich war entsetzt: Sie holten ein langes Seil heraus. Ein Kind nach dem anderen banden sie an das Seil.“

Kindersoldaten und Sex-Sklaven

Wie Sklaven aneinander gekettet mussten die 60 Schüler abmarschieren. Tagelang trotteten sie tief in den Dschungel hinein. Die Rebellenmiliz von Joseph Kony ist bekannt für systematische Kindes-Entführungen. Über 20 Jahre lang haben sie im Nachbarland Uganda Kinder entführt. Jungen wurden zu Kindersoldaten ausgebildet, Mädchen als Sex-Sklavinnen benutzt. Lord-Resistance-Army nennt Kony seine Rebellenarme. Kurz: LRA. Vor drei Jahren zog sich Kony in den kongolesischen Dschungel zurück. Nun entführen sie auch im Kongo systematisch Kinder. Richard wusste nicht einmal, wer Kony überhaupt ist: "Er hat mit einem Satellitentelefon telefoniert. Als er uns sah, hat er aufgelegt. Er kam näher, um uns genauer anzusehen. Ich wusste nicht, wer er war. Jemand fragte‚ Kony bist du zufrieden mit der Auswahl?‘ Er antwortete: ‚Ja, ich bin sehr zufrieden‘.“

Schuldirektor einer geschlossenen Schule im Kongo (Foto: Simone Schlindwein)

Schuldirektor Bien Aimé Mihidipako

Die LRA besteht überwiegend aus Soldaten, die als Kinder entführt wurden. In Trainingslagern wird ihr Wille gebrochen, sie werden zum Töten gezwungen, dann zum Töten angespornt. Schließlich töten sie freiwillig, um in der Rebellen-Hierarchie aufzusteigen. Richard hat diese Hierarchie selbst erlebt. Als "Frischling“ wurde er einem der Rebellen zugeteilt. Morgens musste er ihm das Bett machen. Den ganzen Tag hat er dann auf dem Acker geschuftet. Abends musste er Wasser aus dem Fluss holen, damit sein Vorgesetzter mit dem Namen "Akudu“ baden konnte. Er musste Holz für das Feuer anschleppen, sein Essen kochen. Und jeden Tag hatte Richard Angst, getötet zu werden, erzählt er. "Zwei Kinder haben versucht zu fliehen. Die Rebellen haben sie eingefangen und zu uns gebracht. Mit der Machete haben sie ihnen den Kopf abgehakt. Vor unseren Augen sind sie gestorben.“

Konys Harem: 50 Frauen und 100 Kinder

Konys LRA ist bekannt für ihre Grausamkeiten. Und auch in den vergangenen Wochen sind seine Kindersoldaten wie im Blutrausch durch die kongolesischen Dörfer gezogen. Mit Macheten haben sie fast eintausend Menschen abgeschlachtet. Um Kony zu fassen, starteten die kongolesische und die ugandische Armee eine gemeinsame Militäroffensive. Mit Hubschraubern warfen sie Bomben über der Dschungel-Siedlung ab, in der die LRA sich eingerichtet hatte. Richard hatte Angst: "Jeden Tag fielen zwei Bomben vom Himmel. Wir sind hinter den Rebellen her gerannt, tief in den Dschungel hinein. Fünf Tage lang sind wir marschiert. Dann haben sie mich zum Fluss geschickt, Wasser holen. Da konnte ich davonlaufen. Ich bin so froh, wieder bei meinen Eltern zu sein.“