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Asien

Das Leid der Hausmädchen in Indien

Sie werden oft gehalten wie Sklavinnen: Hausmädchen in Indien. Bislang interessiert sich niemand recht für ihr Schicksal. Doch nun wollen Menschenrechtler das Problem ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Es war ein besonders scheußlicher Fall, der Indien im April beschäftigte. Eine 13-Jährige aus Jharkhand, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens, war vom Balkon eines Hauses in Neu-Delhi gerettet worden. Das Mädchen war bereits sechs Tage in dem Haus in einem der bestem Viertel der indischen Hauptstadt eingesperrt gewesen, bevor es in seiner Verzweiflung auf den Balkon stieg und lautstark um Hilfe schrie. Die junge Frau arbeitete als Hausmädchen bei einem Ehepaar, das in den Urlaub nach Thailand geflogen war. Seit Tagen hatte sie nichts mehr zu Essen bekommen. Ihr ausgemergelter Körper war von Blutergüssen übersät.

"Viele denken, dass sie mit Geld alles kaufen können"

Ravi Kant, der Vorsitzende der Kinderhilfsorganisation "Shakti Vahini" in Neu-Delhi, sieht den wirtschaftlichen Aufschwung Indiens seit den 1990er Jahren als Auslöser der Problematik: "Was wir in Indien sehen, ist, dass es der Mittelschicht immer besser geht. Den Menschen steht inzwischen sehr viel Geld zur Verfügung. Sie denken deshalb, dass sie sich mit Geld alles kaufen können. Und das heißt für sie auch, dass sie ihre Bediensteten so behandeln können, wie sie wollen." Zwar bekommen die Mädchen in aller Regel einen kargen Lohn - eine Garantie für auch nur erträgliche Arbeitsbedingungen ist das aber keineswegs.

Da in den großen Metropolen Indiens wie Neu-Delhi, Mumbai, Chennai oder Kolkata immer mehr Frauen einem Beruf nachgehen, steige die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften für die Hausarbeit, so Ravi Kant. "In dem Moment, wo Frauen und Mädchen zu Bedarfsartikeln verkommen, die man kaufen und verkaufen kann, kann ihnen alles Mögliche zustoßen. Sie können wie Sklavinnen gehalten und zwangsverheiratet werden, oder sogar als Prostituierte enden."

Mädchen hinter einem vergitterten Fenster (Symbolbild: TAUSEEF MUSTAFA/AFP/Getty Images)

Hausmädchen werden auch häufig Opfer von Menschenhandel

Drängendes Problem

Noch gibt es keine gesicherten Zahlen, die belegen, wie viele Frauen und Mädchen zur Arbeit in Haushalten gezwungen werden. Die indische Regierung gibt an, dass im Jahr 2011 etwa 125.000 Kinder aus der Zwangsarbeit befreit wurden. Das sind 27 Prozent mehr als noch 2010. Die Zahl wäre noch um ein Vielfaches höher, wenn man junge Frauen über 18 Jahren hinzurechnen würde, so Menschenrechtsorganisationen.

Die Indienexpertin Nisha Varia von Human Rights Watch in New York beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Menschenhandel. "Frauen und Mädchen haben in der indischen Gesellschaft seit jeher geringere Möglichkeiten, wenn es um das Thema Bildung geht." Dies führe dazu, so Varia, dass sie auch schlechtere Chancen haben, eine qualifizierte Arbeit zu finden und aufzusteigen: "Ihr schlechter Status in der Gesellschaft führt dazu, dass sie meistens in extrem schlecht bezahlten Jobs arbeiten müssen, zum Beispiel als Hausmädchen, wo sie noch dazu in keiner Weise geschützt sind."

Eune junge Frau trägt zwei Wassermelonen über einen Markt (Foto: NOAH SEELAM/AFP/Getty Images)

Ware statt Mensch: Viele der jungen Mädchen und Frauen werden gnadenlos ausgebeutet

Mafiaähnliche Strukturen

War es lange Zeit so, dass arme und kaum gebildete Mädchen aus Indien als Hausmädchen in den Nahen Osten und in die arabische Welt verschleppt wurden, bringen zwielichtige Agenturen die jungen Mädchen nun in die indischen Millionenstädte. Dort arbeiten sie als Hausmädchen, manchmal auch in kleinen Fabriken oder im Straßenbau.

Die Menschenrechtsorganisation ActionAid schätzt, dass es allein 2300 Vermittlungsorganisationen in der indischen Hauptstadt Neu Delhi gibt. Noch nicht einmal 20 Prozent davon sind bei den Behörden registriert und halten sich an Gesetzesvorgaben zu Mindestgehalt, Arbeitszeiten und Art der Arbeit. "Manchmal ist es sogar ein entfernter Familienangehöriger, ein Nachbar oder ein anderes Mitglied der Gemeinschaft, der die jungen Frauen mit dem falschen Versprechen auf einen guten Job in die Falle lockt", sagt die Aktivistin Nisha Varia. Oftmals kassiere er eine kräftige Provision, sobald das Mädchen weiter vermittelt wird. Die Vermittlungsagenturen wiederum behalten ihrerseits teilweise mehrere Monate das Gehalt der jungen Mädchen ein und machen mit der Provision, die sie von den neuen Arbeitgebern bekommen, einen saftigen Gewinn. Die Mädchen werden systematisch eingeschüchtert. Zurück in ihre Heimatdörfer können sie aus Angst vor sozialer Ausgrenzung oft nicht.

Ruf nach Gerechtigkeit

Indiens Premierminister Manmohan Singh (Foto: EPA/STR/dpa Bildfunk)

Die Regierung von Premier Manmohan Singh versucht, das Problem in den Griff zu bekommen

Im Jahr 2011 hat die indische Regierung begonnen, in den Polizeistationen im ganzen Land Abteilungen einzurichten, die sich nur mit dem Thema Menschenhandel beschäftigen. 225 solcher Einrichtungen gibt es, 2013 sollen noch einmal 110 dazu kommen. Sie sollen Informationen zusammentragen und eine Datenbank pflegen, in der Straftäter registriert werden können. Darüber hinaus sollen sie Hinweisen zu vermissten Kindern und Frauen nachgehen und enger mit den Kinder- und Menschenrechtsorganisationen im Land zusammenarbeiten. In ganz Indien gültige Gesetze gibt es bisher nicht. Wohl haben aber die einzelnen Bundesstaaten bereits auf regionaler Ebene Gesetze verabschiedet. "Die indische Justiz hat sich endlich des Problems angenommen", sagt Ravi Kant von der Kinderhilfsorganisation Shakti Vahini. Die Organisation hilft den Opfern, Entschädigungen zu erhalten und Straftäter vor Gericht zu bringen. "Doch die Dimension des Problems, mit dem wir es heute zu tun haben, rührt daher, dass über Jahre hinweg nichts unternommen wurde. Es hatte einfach keine Priorität."

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