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Kultur

Das Leben zum Film

Weil ein Heckenschüzte Washington und Umgebung terrorisiert, kommt der Heckenschützen-Thriller "Phone Booth" vorest nicht in die Kinos. Hollywood wurde wieder einmal von der Wirklichkeit überholt.

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Angst vor dem Scharfschützen und ums Geschäft

Das Spiel mit der Angst gehört zu den einträglichsten im Filmgeschäft. Am 15. November 2002 sollte "Phone Booth" in die US-Kinos kommen. Ein irrer Scharfschütze bedroht darin einen Mann in einer Telefonzelle. In Action-Filmen und Thrillern gewinnt zum Schluss jedoch, zumal wenn sie aus Hollywood stammen, meistens das Gute. Übertrifft die mörderische Wirklichkeit an ganz alltäglichen Tankstellen allerdings die Phantasie der Drehbuchautoren Hollywoods so eklatant wie derzeit in Washington, dann ist dem zahlenden Kinopublikum anscheinend kein Scharfschützenfilm zu verkaufen.

Pietätvolles Abwarten

Pietät und Moral werden dabei in Presseerklärungen gerne als vornehmste Gründe genannt, doch die Rücksichtnahme soll sich natürlich auch an den Kassen auszahlen, nur eben später. Allerdings ist zwischen Kalkül und echter Betroffenheit sicher nicht klar zu unterscheiden. "Natürlich ist Hollywood nicht sehr moralisch. Es macht zwar sehr moralische Filme, aber bei deren Verwertung ist es keineswegs sehr moralisch. Wenn sich etwas rentiert, ist die Pietät vorbei", meint der Filmredakteur des deutschen Fachmagazins "Blickpunkt:Film", Thomas Schultze im Gespräch mit DW-WORLD.

Peter Schulze von 20th Century Fox Deutschland findet Starttermin-Verschiebungen nun wirklich nichts besonderes. Im Gespräch mit DW-WORLD schätzt er, dass fast ein Drittel der oft lange im Voraus angesetzten Starttermine verschoben werden. Der häufigste Grund für die Verleihfirmen seien inhaltliche Überschneidungen: "Der Zuschauer schaut sich nicht das gleiche Genre innerhalb von drei Wochen an". "Damit alle was davon haben", nimmt man bei der genaueren Starttermin-Planung aufeinander Rücksicht. Anders ausgedrückt: Man nimmt sich lieber nicht die Zuschauer gegenseitig weg, sondern verteilt sich bekömmlicher.

Tücken der Realität

Die Wirklichkeit hat nicht erst seit dem 11. September 2001 Filmemachern einen Strich durch die Endabrechnung gemacht. Ein berühmtes Beispiel für einen unglücklichen Zufall ist die Geschichte um Billy Wilders heute legendärer Kalte-Kriegs-Komödie "Eins, Zwei, Drei". Gedreht im politisch streng geteilten, aber noch nicht abgeriegelten Berlin der späten fünfziger Jahre, schlägt der Film absurden Witz aus der direkten Konfrontation zweier Welten, die sich durch halbwegs offenen Grenzen in Berlin noch berührten. Nachdem 1961 über Nacht die Mauer hochgezogen worden war, konnte erst mal keiner lachen. Der Film floppte total.

Nach dem 11. September 2001 wurden gleich mehrere Filme verschoben. Schwarzeneggers rachedurstiger Feuerwehrmann in "Collateral Damage" oder Disneys "Big Trouble" mit einer Bombe im Flugzeug wurden damals in beruhigtere Zeiten verschoben. Aus dem schon fertigen "Spiderman" wurden die untergegangenen Türme herausgeschnitten. Etwas anders war es dann schon bei Martin Scorseses 100 Millionen Dollar Projekt "Gangs of New York". Der für Ende 2001 geplante Starttermin wurde eindeutig nicht aus Rücksicht auf wahre oder eingebildete Empfindlichkeiten verschoben, man war schlichtweg nicht fertig geworden. Und lag dann noch Monate im Streit um Überlänge und Schnitt. Jetzt kommt er Weihnachten heraus, kurz vor dem Fest in den USA, kurz danach (16. Januar 2003) in Deutschland.