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Politik

Das Laster mit der Lust

Sex ist in den USA ein heikles Thema. In einem Land, in dem Hochglanz-Hefte mit nackten Frauen darauf unter der Laden-Theke gehandelt werden, treibt die Moral-Erziehung sonderbare Blüten, wie Ralf Hoogestraat berichtet.

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Sexuelle Lüste sind in Amerika schon immer ein Problem gewesen, vor allem Sex vor der Ehe. Die tägliche Opferzahl der US-Soldaten im Irak wird von der Öffentlichkeit stoisch hingenommen, aber die nackte Brust von Janet Jackson löste ein moralisches Erdbeben aus. Und damit das im konservativen Amerika auch so bleibt, muss man schon bei den Kindern mit der richtigen Erziehung anfangen.

Ralf Hoogestraat

"Abtreibung führt zu Unfruchtbarkeit und Selbstmordgedanken, die Hälfte aller schwulen Teenager Amerikas haben Aids und schon das bloße Berühren der Genitalien kann zur Unfruchtbarkeit führen."

Das sind einige der Weisheiten, die amerikanischen Kindern in den so genannten Abstinenz-Programmen beigebracht werden. Als konservative amerikanische Christen in den 80er und 90er Jahren die Sexualkunde-Erziehung ihrer Kinder an den Schulen nicht mehr ertragen konnten, starteten sie einfach ihr eigenes Programm. Und das folgt dem Motto: Kein Sex ist der beste Sex, bis man in den sicheren Hafen der Ehe eingefahren ist, und dann darf man, um Kinder zu machen.

Das ist zwar tiefstes Mittelalter, aber es war sehr erfolgreich. Seitdem haben sich Millionen amerikanischer Teenager dieser Erziehung unterzogen. Holde Maiden und Jünglinge legten stolz und öffentlich an den Schulen ihre Jungfrauen-Schwüre ab und versprachen, mit dem sexuellen Tun bis nach dem "I do" zu warten.

Budget-Recht

Und das ganze wurde mit Geld der Bundesregierung in Washington finanziert. Der wiedergeborene Christ George W. Bush war schon ein begeisterter Fan des Programms, bevor er ins Weiße Haus einzog. Als Präsident gibt er den willigen Jüngern des christlich-sexuellen Fundamentalismus das Geld in immer größeren Mengen.

Aber da das Bundesmittel sind, hat das Parlament das Recht, diese Programme zumindest einmal anzuschauen, das hat ein Ausschuss jetzt getan und fand Erstaunliches.

In diesen Jungfrauen-Programmen wird zum Beispiel gelehrt, dass ein Fötus mit 43 Tagen schon ein denkendes Wesen ist, dass der HIV-Virus, der Aids verursacht, schon durch Schweiß oder Tränen übertragen werden kann und Kondome in 43 Prozent der Fälle versagen, die Übertragung von Aids zu verhindern.

Das sind alles Aussagen, die andere US-Regierungsuntersuchungen und wissenschaftliche Erkenntnisse schon längst widerlegt haben. Es scheint so, als ob das meiste in diesen Jungfrauen-Programmen nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, auch der Erfolg der Abstinenz-Schwüre.

Eine Untersuchung der New Yorker Columbia-Universität fand zum Beispiel heraus, dass 88 Prozent der Schüler beim Highschool-Abschluss - in etwa mit dem deutschen Abitur zu vergleichen - schon mehrfach gesündigt hatten. Wenn man die Jungfrauenschwüre abrechnet, hätten es eigentlich weniger sein müssen.

Doppel-Moral

Aber statt gesicherte Fakten zur Schwangerschaftsverhütung zu lehren, geht es den Initiatoren dieser Programme wohl eher um die Moral-Erziehung, genauer gesagt, die Doppel-Moral-Erziehung.

Und dabei geht es vor allem zurück in die längst vergangenen Golden Zeiten amerikanischer Männerherrschaft. In einem Jungfrauen-Programm wird zum Beispiel folgendes gelehrt:

Es sei wissenschaftliche Tatsache, dass der Mann in der Ehe Bewunderung und sexuelle Erfüllung brauche, die Frau dagegen vor allem finanzielle Sicherheit. Und Frau vermeide es am besten, den Mann zu kritisieren, oder zu viele gute Vorschläge zu machen.

Ein Buch aus der Reihe "Choosing best" erzählt die Geschichte eines Ritters, der das Mädchen aus dem Volke heiratet und nicht die örtliche Prinzessin. Die Prinzessin hätte ihm nämlich zu viele Ratschläge für das Töten des Drachens gegeben.

Die Moral der Geschichte, und das ist ein Zitat und nicht erfunden oder verändert: "Gelegentliche Vorschläge und Unterstützung sind in Ordnung, aber zuviel davon untergräbt das Selbstbewusstsein des Mannes und kann ihm seine Prinzessin verleiden."

Das klingt doch sehr nach dem Rollenverständnis des 19. Jahrhunderts.