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Wissen & Umwelt

Das lange Warten

"Ja" oder "Nein" oder lieber gar nicht erst darüber sprechen - beim Thema Organspende schalten viele Deutsche auf stur oder blenden es aus. Würde es helfen, sie zu einer Entscheidung zu zwingen?

Neben dem Bett von Jürgen Stouwe klackert und dröhnt es - Tag und Nacht. In dem Körper des 51-Jährigen stecken Schläuche. Sie führen zu einem schwarzen Kasten, der neben seinem Bett steht. Mit wachen Augen blickt der Mann von seinem Krankenbett auf. Von den kleinen, holprigen Aussetzern seiner Stimme lässt er sich nicht beirren.

Ich war fit!", erzählt er. "Ich bin viel Ski und Fahrrad gefahren und habe hochalpines Wandern gemacht." Sein Blick schweift aus dem Klinikfenster. Jürgen Stouwe ist einer von 256 Patienten, die in Europas größtem Herzzentrum in Bad Oeynhausen auf ein geeignetes Spenderherz warten. Fünf von ihnen sind noch keine sechzehn Jahre alt.

Die Patienten warten zum Teil zwei Jahre oder länger auf eine Organtransplantation", erklärt Jan Gummert, der Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirugie. Wer auf der "hochdringlichen Warteliste" steht, müsse im Schnitt drei Monate warten, so der Herzchirug.

Herztransplantation (Foto: dpa)

In Deutschland müssen sich die Menschen aktiv äußern, ob sie einer Organspende nach ihrem Tod zustimmen

Theo Ingerberg wartet schon seit acht Monaten auf ein Spenderherz. "Die psychische Belastung ist der schwerwiegendste Faktor", sagt der 61-Jährige, der aufrecht in seinem Klinikbett sitzt. Ihn verwundert es nicht, dass für einige Patienten das lange Warten unerträglich wird. "Wann geht es endlich voran mit mir?", sei die Frage, die die Betroffenen am meisten beschäftigt. "Ohne den Rückhalt in der Familie geht man da hoffnungslos unter", betont er.

"Es stehen viel zu wenig Spenderorgane zur Verfügung", erklärt der Herzspezialist Jan Gummert. Ungefähr 20 Prozent der Patienten auf der Warteliste sterben, weil sie nicht rechtzeitig ein lebensrettendes Organ bekommen. "Das ist eine ganze Menge", sagt der Mediziner.

Gleichgültigkeit bei den Menschen

Anders als in Österreich oder Spanien müssen sich die Menschen in Deutschland aktiv äußern, ob sie nach ihrem Tod Organe spenden möchten. Dafür müssen sie einen Organspendeausweis ausfüllen. Sie können es aber auch sein lassen. Jan Gummert ist sich sicher, dass viele Menschen das Thema komplett verdrängen. "Ich glaube, dass hier eine gewisse Gleichgültigkeit eine Rolle spielt", sagt er.

Das größte Problem sei aber, dass viele Menschen einfach nicht bereit sind, sich mit ihren Angehörigen über die Organspende zu unterhalten. "Sie müssen sich das so vorstellen", erzählt der Spezialist: "Ein junger Mensch stirbt, und dann werden die Eltern gefragt, ob sie zustimmen, dass die Organe ihres Kindes gespendet werden." In einer Situation, wo die Familie erst einmal mit der Trauer und dem Verlust des Angehörigen befasst ist, sei das das Schwierigste, was man einem Menschen zumuten kann, so der Arzt.

Der Bundestag hat im Mai eine Reform des Verfahrens für Organspenden in Deutschland beschlossen. Sie tritt am 1. August in Kraft. Ab da soll es in den Kliniken einen Transplantationsbeauftragten geben. Ab November sollen die Krankenkassen ihren Versicherten zudem Informationsmaterialien zur Organspende per Post zukommen lassen. Das soll mehr Menschen dazu anregen, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden. "Ich glaube nicht, dass das die Organspendesituation verbessern wird", sagt Gummert energisch.

Vielmehr würde er die gesetzliche Verankerung der sogenannten "Widerspruchslösung" begrüßen. Sie gilt in vielen europäischen Nachbarländern und besagt, dass jeder Mensch als ein potentieller Spender infrage kommt, es sei denn, er legt einen Widerspruch ein. Aber der Mediziner hält auch andere Beispiele für sinnvoll. "In einigen Staaten von Amerika werden die Menschen bei ihrer Führerscheinprüfung gefragt, ob sie spenden wollen".

Politiker sollen mehr Mut zeigen

Auch für ein mögliches "Nein" habe er Verständnis, versichert der Experte. Vielmehr ginge es darum, den Menschen einen "kleinen Schubs" zu geben. "Was mich immer wieder aufregt ist die breite Masse der indifferenten Menschen, die sich bei Umfragen für eine Organspende aussprechen, dann aber nicht entsprechend handeln."

Die Umfragen in Deutschland besagen, dass gut 80 Prozent der Bevölkerung einer Organspende gegenüber positiv eingestellt sind. Trotzdem fällt die Gruppe derjenigen, die einen Organspendeausweis ausfüllt, mit nur 20 Prozent eher klein aus. "Wenn doch 80 Prozent der Bevölkerung dafür sind, dann sollten unsere Politiker auch etwas mutiger sein und die Widerspruchslösung im Gesetz verankern", sagt Jan Gummert.

Professor Dr. med. Jan Gummert, Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirugie in Bad Oeynhausen (Foto: DW/Vera Freitag)

Prof. Jan Gummert ist der Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirugie

Um die Zahl der Organtransplantationen in Deutschland zu erhöhen, könnte die Rolle eines medizinischen Koordinators hingegen eine entscheidende Rolle spielen. "Der hauptamtliche Transplantationsbeauftragte ist das Geheimnis, warum in anderen Ländern viel mehr Organspenden realisiert werden", erklärt der Professor.

Auch im Herzzentrum von Bad Oeynhausen gibt es einen Transplantationsbeauftragen, der seine Arbeit "mehr oder weniger ehrenamtlich und nebenbei macht", wie der Mediziner erklärt. Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, potenzielle Organspender zu erkennen und die Angehörigen auf eine mögliche Spende anzusprechen. "Diese Aufgabe ist sehr zeitintensiv und um sie überhaupt richtig wahrzunehmen, reicht das Zeitbudget gerade bei den Intensivmedizinern nicht aus", sagt Professor Jan Gummert.

In seinem Klinikzimmer deutet Theo Ingerberg auf die Tablettendose, die auf seinem Nachttisch steht. "19 Tabletten muss ich heute zum Abendbrot nehmen", sagt er. Auch die Medikamente halten seine Herzfunktion aufrecht. Theo Ingerberg wartet weiter auf ein geeignetes Spenderherz. Tausende in Deutschland warten mit ihm.

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