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Geschichte

Das lange Sterben des Motorradbauers MZ

Vom MZ-Werk in Zschopau, der Wiege der deutschen Motorradproduktion, ist kaum noch etwas übrig. André Hunger hat den Überlebenskampf nach dem Ende der DDR 20 Jahre lang mitgemacht - und letztlich resigniert.

Der frühere Betriebsrat und Personalchef des Motorradwerkes, André Hunger, mit dem Telefonhörer am Ohr und einem Terminkalender in der Hand (Foto: Bernd Gräßler/ DW)

Auf Jobsuche - nach zwei Jahrzehnten bei MZ

"Der Tee kommt aus Malaysia", sagt André Hunger und gießt ein. Der einstige Personalchef von MZ ist vor Jahren vom Kaffee- zum Teetrinker konvertiert - damals, als Mitte der 1990er Jahre ein asiatischer Investor die sächsische Motorradfirma in Zschopau übernahm. Doch die Malaysier sind mittlerweile wieder verschwunden und mit ihnen Hungers Hoffnung auf eine Rettung der Motorradproduktion. Man habe feststellen müssen, "dass wir von der Entscheidung anderer abhängig sind, die irgendwo in Malaysia sitzen, weit weg vom Schuss, und die mit der Tradition überhaupt nichts anfangen können". Und resigniert fügt der 49-Jährige hinzu: "Von da an ging das dann nur noch bergab."

Ein Zschopauer Traum-Arbeitsplatz

Blick auf die Fertigung von MZ-Motorrädern im Jahr 1971 (Foto: dpa)

Zu DDR-Zeiten lief die Produktion auf Hochtouren

Bergab war für den Motorradbauer in Zschopau früher nie ein Thema. "Fährt bergauf so schnell, wie andere bergab" war ein Slogan der 1920er Jahre. Zu DDR-Zeiten stieg die Jahresproduktion zeitweise auf über 100.000 Stück und die leichten, robusten, anzugsstarken Zweitakt-Maschinen waren vor allem im Ostblock und der Dritten Welt gefragt. In den 1920er und 1980er Jahren war das 1906 gegründete Zschopauer Werk die größte Motorradfirma der Welt.

Im örtlichen MZ-Museum laufen auf Knopfdruck alte Fernsehberichte über glorreiche Motorsportzeiten, in denen sich MZ-Piloten Zweikämpfe mit Honda-Fahrern lieferten und die DDR-Mannschaft auf MZ die Six-Days-Trophy gewann, die schwerste Motorrad-Geländeprüfung der Welt.

Seit 1988 ist André Hunger MZler - es war damals ein Traum-Arbeitsplatz für den jungen Zschopauer. An der Seite des Großvaters hatte er schon in seiner Jugend an Motorrädern herumgeschraubt.

1990: Glaube an eine neue Chance

Als 1989 die Mauer fällt und wenig später die DDR zusammenbricht, sieht der gerade 28-jährige Maschinenbauingenieur die deutsche Einheit und die Marktwirtschaft eher als Herausforderung denn als Verhängnis. "Wir haben gedacht, jetzt geht es vorwärts. Ohne die Knappheit, mit der wir in der Materialwirtschaft immer zu kämpfen hatten. Wir dachten, jetzt könnten wir endlich zeigen, was in uns steckt."

Wie alle anderen verzichtet André Hunger damals auf zehn Prozent des Lohnes, um dem Unternehmen zu helfen. 1990 wählt ihn die Belegschaft zum Betriebsrat. Doch bald wird der Traum vom großen Auftritt in der Marktwirtschaft zum Alptraum. Der Absatz bricht ein, schon 1992 geht MZ das erste Mal in Konkurs. Zum Tagesgeschäft des Betriebsrates gehört das Absegnen von Entlassungen: Von über 3000 Mitarbeitern bleiben schon bald nur noch einige hundert.

"Der Mann ist daran Schuld"

Hunger steckt noch heute ein Erlebnis aus den frühen 1990er Jahren in den Knochen: "Da waren wir einkaufen und trafen einen Mann mit seiner Tochter, der kannte mich. Ich kannte ihn gar nicht. Die Tochter wollte einen Schokoladenweihnachtsmann. Da sagte der Mann zu dem Mädel: 'Den kann ich Dir nicht kaufen, ich bin arbeitslos geworden. Und der Mann dort', und er zeigte auf mich, 'der Mann ist daran Schuld, dass ich arbeitslos geworden bin.' Und alle Leute guckten auf mich. Da würdest du am liebsten im Boden versinken."

Betriebsrat André Hunger Anfang der 1990er Jahre im Gespräch mit Sachsens Ministerpräsidenten Biedenkopf (Foto: André Hunger)

Betriebsrat André Hunger Anfang der 1990er Jahre im Gespräch mit Sachsens Ministerpräsidenten Biedenkopf

Die wirklich Schuldigen saßen in der sogenannten Treuhandanstalt, ist André Hunger überzeugt; in jener staatlichen Behörde zur Privatisierung des früheren Volkseigentums der DDR, in der so manche Vertreter von westdeutschen Unternehmen wenig Interesse an ostdeutscher Konkurrenz hatten.

"Lernt erstmal arbeiten"

"Da hieß es dann, ihr müsst erstmal lernen, ordentlich zu arbeiten... Seitens der Treuhand war das überhaupt nicht gewollt, dass da irgendetwas erhalten bleibt", erinnert sich André Hunger. So seien viele Traditionsunternehmen "den Bach 'runter gegangen, was eigentlich nicht hätte sein müssen."

Nach zwei Jahrzehnten Überlebenskampf ist von MZ heute nicht viel übrig geblieben. Die Motorradproduktion ist eingestellt. In den Werkhallen montieren derzeit einige Handvoll Arbeiter Elektroroller und Fahrräder mit Elektromotor. Es sei geplant, künftig chinesische Modelle zu importieren und unter dem Markenzeichen MZ zu verkaufen, heißt es. Das Konzept der derzeitigen Eigentümer, zweier früherer deutscher Motorrad-Rennfahrerer, habe ihn nicht überzeugt, sagt André Hunger zurückhaltend. Er verstehe unter einem Motorradwerk etwas anderes: "Deshalb bin ich weggegangen". Mehr will er nicht sagen, denn das könnte in Zschopau als Verrat an der alten Firma verstanden werden.

Eine neue Erfahrung: Arbeitslos

Blick ins Zschopauer MZ-Museum (Foto: Bernd Gräßler/DW)

Ein Fall fürs Museum: MZ-Maschinen

André Hunger warf im August 2009 das Handtuch und kündigte. Nun erlebt der einstige Betriebsrat und spätere langjährige Personalchef als Arbeitsloser die Vorstellungsgespräche von der anderen Seite des Schreibtischs. Rund 50 Bewerbungen hat er schätzungsweise geschrieben: "Und wenn ich dann die Politiker höre, mit ihren schlauen Sprüchen, was angeblich alles zumutbar ist... die haben überhaupt keine Ahnung, was das bedeutet für einen Menschen, der aktiv im Leben gestanden hat", sagt Hunger. "Das ist schon bitter zu merken, die brauchen Dich nicht mehr."

Während des Gesprächs hat einmal das Telefon geklingelt. Eine Personalabteilung hat Interesse an Hungers Bewerbung bekundet. Mal sehen, sagt Hunger. In seiner Garage steht noch eine 1000er MZ, mit der er seine Runden durchs Erzgebirge dreht. Bergauf und bergab.

Autor: Bernd Gräßler
Redaktion: Dеnnis Stutе