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Politik

Das lange Gedächtnis der Amerikaner

Selten wohl hat das Verhältnis zu Amerika eine größere Rolle in einem Bundestagswahlkampf gespielt als im gerade zurückliegenden. DW-RADIO-Korrespondent Daniel Scheschkewitz erläutert.

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Genau so selten hat die amerikanische Öffentlichkeit so interessiert auf den Ausgang einer Wahl in Europa geblickt wie dieses Mal. Kein Wunder, denn noch nie zuvor hatte ein deutscher Bundeskanzler einen anti-amerikanischen Wahlkampf geführt - so jedenfalls kamen die schrillen Töne aus Deutschland auf dieser Seite des Atlantiks an.

Viele Missverständnisse

In einem solchen Spannungsfeld musste es notwendigerweise zu Missverständnissen kommen. Meinte der Herausforderer Stoiber nun die US-Basen in Deutschland oder meinte er die deutschen Militäranlagen, als er im Falle seiner Wahl eine Nutzung durch US-Militärs bei einem Alleingang im Irakkrieg ausschloss? Meinte Frau Däubler-Gmelin Bushs Methoden, die an die Nazis erinnerten oder meinte sie den Präsidenten persönlich als sie ihn mit Adolf Hitler in einem Atemzug nannte. Und meint man in Berlin, dass dies tatsächlich einen großen Unterschied macht?

Motivsuche führt auf Irrwege

Wer glaubt, dass dies, da die Wahl nun entschieden ist, Schnee von gestern sei, der täuscht sich. Die Amerikaner haben ein langes Gedächtnis - es reicht zurück mindestens bis in die Tage der Berliner Luftbrücke, der Carepakete für deutsche Schulkinder und den Marshallpan. Warum scheint man das in Deutschland jetzt vergessen zu haben, so fragen sich viele Amerikaner?

Bei der Motivsuche geraten manche von ihnen auf Irrwege. Einige vermuten, es seien die Ostbürger, bei denen nun die Frucht jahrzehntelanger anti-amerikanischer Propagandasaat durch die Kommunisten aufgehe. Andere wollen antisemitische Motive ausmachen, die Deutschland von der USA abrücken und an die Seite der arabischen Liga getrieben hätten.

Gesprächstermin im Weißen Haus

Die transatlantische Wahrnehmungsebene ist - wie alle diese Bespiele zeigen - in eine deutliche Schieflage geraten. Eine ausgewechselte Ministerin wird daran nicht viel ändern, wohl aber ein offener Dialog. Ein deutscher Bundeskanzler muss eben auch in strittigen Fragen den Mut haben, diese Position in Washington selbst vorzutragen und nicht nur auf Wahlkampfplattformen in deutschen Landen.

Die Amerikaner, und nicht zuletzt Präsident Bush, haben ein feines Gespür dafür, wer es ehrlich mit ihnen meint. Um die schrille Wahlkampfrhetorik vergessen zu machen, sollte der neue deutsche Bundeskanzler schleunigst um einen Gesprächtermin im Weißen Haus nachsuchen. Nicht, um dort auf die Knie zu fallen, wohl aber um einiges zurechtzurücken, was dem deutschen Ansehen in den USA geschadet hat.