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Kultur

Das Lévi-Strauss-Jahrhundert

Mit Claude Lévi-Strauss ist einer der letzten großen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts gestorben. Er wurde 100 Jahre alt. Seine Warnung vor den Gefahren des Fortschritts hat heute größte Brisanz.

Claude Lévi-Strauss vor einem Bücherregal mit Buch in der Hand blickt in Kamera, 13. Januar 1967 (Foto: AP)

Claude Lévi-Strauss im Januar 1967

Zu einem großen Intellektuellen gehört die Kontroverse – oder das wilde Denken, wie es bei Lévi-Strauss besser heißen sollte. Wildes Denken in der Praxis demonstrierte Lévi-Strauss beispielsweise 1971: Die UN hatte ihn damals gebeten, das internationale Jahr des Kampfes gegen den Rassismus mit einem Vortrag zu eröffnen. Das tat er dann auch, sein Vortrag wurde allerdings unbequem. Er sagte, alle Bemühungen der Vereinten Nationen seien zum Scheitern verurteilt.

Lévi-Strauss (Archivfoto: dpa)

Lévi-Strauss wurde am 28. November 1908 in Brüssel geboren (undatierte Aufnahme)

Rassismus sei eine kulturelle Störung, sagte Lévi-Strauss, deren Ursachen in tieferen Problemen zu suchen seien. In der Überbevölkerung beispielsweise oder in der Zerstörung natürlicher Ressourcen und Lebensräume. Bei der UN wurden diese Faktoren damals einfach ignoriert. Man setzte auf das westliche Entwicklungsmodell, das zu globalem Wohlstand führen sollte. Lévi-Strauss glaubte dagegen, man müsse viel eher von einer Vielfalt gleichberechtigter aber unterschiedlicher Wertesysteme ausgehen. Es gebe keine objektiven Gründe, die den modernen Westen gegenüber anderen, oft als „primitiv“ bezeichneten, Gesellschaften überlegen mache.

Vom heutigen Standpunkt aus gesehen erweist Lévi-Strauss sich immer wieder als Querdenker mit visionärer Treffsicherheit. Inzwischen ist auch die UN auf Prozesse aufmerksam geworden, die sich mit konventionellen Modellen nicht mehr erklären lassen. Heute werden sie oft als die negativen Auswirkungen der Globalisierung beschrieben.

Mehr Schriftsteller als Wissenschaftler

Mit "Traurige Tropen", seinem Bestseller aus dem Jahr 1955, hat Lévi-Strauss als einer der Ersten für ein breites Publikum fassbar gemacht, wie dramatisch die Lebensbedingungen auf der Erde sich vor unseren Augen verändern. Sein Buch verdeutlicht, wie kulturelle und biologische Vielfalt durch gigantische Umwälzungsprozesse rasend schnell vernichtet wird. Ein Umstand, der ihn zutiefst beunruhigte.

Den Begriff Globalisierung benutzte Lévi-Strauss noch nicht, doch fand er eine authentische Sprache um ihre Auswirkungen zu beschreiben: "Heute findet sich die Menschheit mit der Monokultur ab", schreibt er zum Beispiel. "Sie schickt sich an, die Zivilisation in Massen zu erzeugen wie Zuckerrüben. Und bald werden diese auch ihre einzige Nahrung sein."

Lévi-Strauss begründete mit "Traurige Tropen" einen innovativen literarischen Diskurs, der zwischen Kunst und Wissenschaft steht. Eine ganze Generation ließ sich von den Beschreibungen des Forschungsreisenden entführen, der im Brasilien der 30er Jahre die Bororo, Nambikwara und Tupi-Kawahib besuchte. Aber auch Beobachtungen über Indien und Pakistan fließen ein, Länder die er im Auftrag der UNESCO besuchte. So entsteht eine globale Perspektive mit faszinierenden Querverbindungen.

Hin und her gerissen zwischen Wanderlust und Trauer über eine verlorene Welt notierte er ethnographische, autobiographische und assoziative Skizzen. Vor allem wegen "Traurige Tropen" wird Lévi-Strauss heute oft weniger als Wissenschaftler, sondern eher als Schriftsteller gewürdigt.

Suche nach der Weltformel der Kultur

Lévi-Strauss mit J. Robert Oppenheimer und Fred L. Whipple. Whipple hält Teil eines Meteorits in der Hand (Archivfoto: ap)

Lévi-Strauss mit J. Robert Oppenheimer und Fred L. Whipple im Jahr 1965 (v. l.)

In den Fachkreisen der Soziologen und Ethnologen gilt der Gründungsvater der so genannten "Strukturalen Anthropologie" dagegen oft als überholt. Mit Claude Lévi-Strauss verbindet man wissenschaftlich vor allem die Hoffnung, eine Metatheorie der Kultur entwickeln zu können, die allgemeine Gültigkeit besitzt. So etwas wie die Weltformel der Physiker.

Die Idee des Strukturalismus basiert auf der Existenz von invariablen Bestandteilen menschlicher Kultur. Dazu zählt beispielsweise die Tatsache, dass in jeder Kultur Konzepte von Mutter, Vater oder Geschwistern vertreten sind. Aus solchen kulturellen Konstanten versucht die "Strukturale Anthropologie" Modelle zu entwickeln, die so natürliche Gültigkeit besitzen sollen, wie linguistische Modelle menschlicher Sprache.

Die Linguistik sah Lévi-Strauss als die fortschrittlichste Sozialwissenschaft an. Mit der "Strukturalen Anthropologie" hat er versucht das linguistische Denken auf die Ethnologie auszudehnen. Im New-Yorker Exil war er 1942 dem russischen Linguisten Roman Jakobson begegnet. Ihm verdankt Lévi-Strauss entscheidende Anregungen. Gemeinsam mit anderen Sprachwissenschaftlern hatte Jakobson den Strukturbegriff in der Linguistik etabliert. Die "Strukturale Anthropologie" lehnt sich hier an und versucht über Kultur auf einer Ebene zu sprechen, die dem Abstraktionsgrad universalistischer linguistischer Ansätze entspricht.

Warnung vor Gefahren des Fortschritts

Während des Jahrhunderts, das Lévi-Strauss erlebte, wurden mehr als eine Million Quadratkilometer Amazonaswald abgeholzt. Auf vielen der ehemaligen Regenwaldgebiete, die er in den 30er Jahren besucht hatte, erstrecken sich heute Monokulturen aus Zuckerohr, Soja, Ölpalmen oder auch gigantische Viehweiden. Weltweit werden die Folgen des Klimawandels schmerzhaft spürbar. Er ist Zeitzeuge des wahrscheinlich größten Artensterbens seit dem Ende der Dinosaurier, vor etwa 65 Millionen Jahren.

"Wir verehren bestimmte Synthesen von hoher Komplexität", sagte er einmal im Gespräch mit Jean-Marie Benoist. "Es erschiene uns als ein Desaster, eine Weltkatastrophe, wenn alle Werke Rembrandts oder Michelangelos vernichtet würden. Wenn es sich aber um noch unendlich komplexere und unersetzlichere Synthesen handelt, nämlich um Arten von Lebewesen, Tiere oder Pflanzen, dann handeln wir mit völliger Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit."

Die Menschheit hat einen gefährlichen Weg eingeschlagen, das ist die Warnung von Lévi-Strauss. Um als Spezies zu überleben, muss der Mensch lernen, dass er nur ein Lebewesen unter anderen ist.

Autor: Martin Heidelberger

Redaktion: Martin Schrader

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