Das Kottbusser Tor – Ein Ort voller Geschichten | Spurensuche | DW | 11.11.2016
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Spurensuche

Das Kottbusser Tor – Ein Ort voller Geschichten

An diesem Platz in Berlin zeigt sich, dass Barmherzigkeit zum Glauben gehört.

Nicht schön, aber beliebt

Berlin – Kottbusser Tor. Jeder Reiseführer weist auf diesen Platz im Nordosten Kreuzbergs hin. Nicht, weil er besonders schön wäre. Im Gegenteil: Am Kotti sind höchstens die niedrigen Mieten charmant. Alles, was einmal historische Bedeutung hatte, ist längst abgerissen. Geblieben sind die Hochbahn, ein unübersichtlicher Kreisverkehr und verschachtelte Wohntürme. Was also zieht Menschen an diesen Platz?

Wer sich hier einmal umschaut, blickt auf ein Kaleidoskop von Kulturen und Milieus, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf engstem Raum treffen sie alle aufeinander: Araber, Türken, Kurden, Muslime, Aleviten, Sunniten, Roma, Obdachlose, Junkies und Alkoholabhängige, Dealer, Gewerbetreibende und Touristen. Deutsche gibt es natürlich auch, vor allem Neuberliner, die darauf Wert legen, nahe an einem angesagten Stadtquartier zu wohnen. Die Mieten steigen.

„Mach meinen Kotti nicht an“

Angesichts solcher Gegensätze müßte man eigentlich mit gewalttätigen Zusammenstößen rechnen. Dazu kommt es jedoch erstaunlich selten, auch wenn der Kotti als  Ort mit hoher Kriminalität gilt. Denn der andere Kotti wächst ebenfalls: Menschen, die sich kümmern. Ihr Slogan „Mach meinen Kotti nicht an“ findet sich auf Plakaten und Handzetteln in den Geschäften und Hausfluren. Auch nach außen hin soll deutlich werden: Wer hier wohnt und arbeitet, steht für diesen Platz ein.

Da sind zum Beispiel die Polizisten, die hier täglich Streife laufen. Jeder Anwohner kennt sie mit Namen und man begrüßt sie mit Handschlag. Zusammen mit Hausverwaltungen, Gewerbetreibenden und Anwohnern sorgen sie dafür, daß am Kotti niemand einfach sich selbst überlassen bleibt. „Hier gibt einer auf den anderen acht“, sagt einer von ihnen. Vielleicht ist es das, was den Kotti so besonders macht und ihn unterscheidet von anderen großstädtischen Plätzen.

Für manche Anwohner spielt ihr Glaube eine große Rolle, wenn es um Hilfe für andere geht. Da kocht zum Beispiel eine koptische Christin Mittagessen für Roma-Kinder. Türkische Großmütter versorgen Obdachlose. Und beim muslimischen Besitzer vom Spätkauf, von allen „Papa“ genannt, kann man anschreiben lassen, wenn das Geld zum Monatsende nicht reicht. Die Not anderer soll gelindert werden. Ob Christentum, Islam oder jüdischer Glaube: Barmherzigkeit gehört zum gelebten Glauben dazu.

Sie gilt den Lebenden, aber auch den Toten.

Ein Toter auf dem Spielplatz

Eines Morgens klingelt das Telefon bei einer der Polizeistreifen. „Hier liegt einer auf unserem Spielplatz!“ Die Polizistin macht sich auf den Weg. Tatsächlich liegt ein Junkie lang ausgestreckt auf der Tischtennisplatte. Das Spritzbesteck liegt daneben und sie ahnt bereits, dass sich hier jemand den goldenen Schuss gesetzt hat. Natürlich könnte sie nun den Krankenwagen rufen, damit er die Leiche abtransportiert. Aber sie überlegt nicht lang, fasst den ausgemergelten Körper, zerreisst das fleckige Hemd, Herz-Druck-Massage, pumpt minutenlang. Auch ein Junkie hat schließlich ein Recht darauf, daß man ihn nicht dem Tod einfach preisgibt. Aber schließlich muss sie anerkennen, dass ihr Bemühen vergeblich ist. Später wird sie gefragt, warum sie sich überhaupt die Mühe gemacht hat: „Der war doch schon tot, sein Arm war doch schon ganz blau.“ Eine wirkliche Begründung hat sie für ihr Handeln nicht: „Der lag einfach da, mit weit ausgebreiteten Armen. Wie Christus am Kreuz.“ Ein Bild des Jammers am Kottbusser Tor. Ein mahnendes Bild. Aber vielleicht auch eines, das tröstet.