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Filme

Das Kino ist ein privilegierter Ort

Der deutsche Starregisseur Wim Wenders im Gespräch mit DW-WORLD über Filme, Konzepte, Politik und Projekte.

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Regisseur Wim Wenders

Herr Wenders, Sie haben jetzt gerade einen Ruf an die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg angenommen. Sie werden dort den Lehrstuhl für "Bildwissenschaften" übernehmen. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

Ich hab ja schon des öfteren mit Studenten gearbeitet, zum Beispiel als Honorarprofessor in München an der HFF, an der ich selbst studiert habe. An dem Ruf nach Hamburg hat mich gereizt, dass ich dort an dem Konzept mitarbeiten könnte, wie man heutzutage überhaupt "Film" unterrichten sollte. "Bildwissenschaften" ist ein provisorischer Titel, aus Mangel an besseren Bezeichnungen. Das finde ich aufregend, gerade jetzt, in dieser historischen Umbruchphase des Films.

Historische Umbruchphase?

Die Umstellung auf digitale Techniken ist eine Revolution in denselben Dimensionen wie in den Zwanziger Jahren der Schritt vom Stummfilm zum Tonfilm. Diesen riesigen Umbruch, dieses Umdenken, das geschehen wird, sehe ich als eine große Chance für das Kino. Was da alles wieder möglich sein wird, kann man nur ahnen, auch wenn sich das eine oder andere schon zeigt.

Es gibt ja schon wieder Filme, die vor ein paar Jahren noch als ausgestorben galten: Dokumentarfilme, die Dogma-Filme, Musikfilme, B-Movies im besten Sinne des Wortes, ganz realistische Filme, Autorenfilme, lokale Komödien. Das gab es ja lange gar nicht mehr, was da jetzt mit wenigen Mittel und im besten Sinne des Wortes unabhängig produziert werden kann. Es gab ja nur noch die Blockbuster. Schon deutet sich wieder die ganze Spannbreite des Kinos an. Für junge Filmemacher ist die Digitalisierung fantastisch: Sie müssen nicht mehr jahrelang warten, bis sie das Geld zusammengekratzt haben, sondern sie können einfach loslegen. Im Großen und Ganzen sehe ich dies als einen Sieben-Meilen-Schritt nach vorne.

Unlängst war ein Artikel von Ihnen zu lesen, in dem Sie die digitalen Bilderfluten verdammten. Bilder würden in ihrer Masse so belanglos, dass man irgendwann überhaupt nichts mehr sehen würde.

"Verdammen" kann man die sicher nicht, so wenig wie das Wetter. Die sind halt da. Aber gerade das Kino ist ja die große Ausnahme dieses "Nichts-mehr-sehen-Können-vor-lauter-Bildern". Das ist der einzige Ort, wo man sich überhaupt noch auf eine Stimme und einen Erzähler einlässt - überall sonst kann man ja schnell vor- oder zurückspulen, zappen oder überhaupt aussteigen. Das Kino ist der einzige privilegierte Ort des Bildererzählens geblieben.

Was steht bei Ihnen auf der Agenda, wenn ihr Blues-Film in den Kinos, das Konzept für den Lehrstuhl geschrieben ist?

Ich werde mit Sam Shepard einen Spielfilm namens "Don`t Come Knockin`" drehen.

Worum geht's?

Die Geschichte haben Sam und ich zusammen geschrieben, das Drehbuch schreibt der Sam alleine. Das heißt, wenn ich daneben sitze. Wenn ich nicht daneben sitze, schreibt er auch nichts. Das wird ein Familiendrama, eine Tragikkomödie, eine "Farce", wie wir's inzwischen nennen. Irgendwie gelingt es mir nie, in einem einzigen Genre zu bleiben: Dies wird also eine Familien-Road-Farce werden.

Wird es wieder ein Wüstenfilm?

Nein. Höchstens ein wüster Film. Er startet in Arizona und geht durch Nevada bis hoch nach Montana, wo der größte Teil des Films spielen wird. Das ist eine meiner Lieblingslandschaften – von Dreharbeiten fast unberührt. Ich freue mich riesig drauf. Ich mag den ganzen amerikanischen Westen gern, nicht nur die Wüstenlandschaften im Süden, wo wir "Paris, Texas" gemacht haben.

Wenn wir gerade beim Thema Amerika sind: Hat Sie das Wahlergebnis überrascht?

Sie meinen das Qualergebnis? Ich habe das eigentlich erwartet. Gegen diese nationalistische Welle zu laufen, die Bush losgetreten hat, ist im Moment sehr schwer. Ich finde auch, dass sich die Demokraten dieser unentschlossen, um nicht zu sagen feige stellen. Ich glaube aber, dass sich ganz allmählich ein größerer Widerstand formiert. Im Moment ist ja noch jeder, der etwas gegen Bushs Politik sagt, gleich ein Vaterlandverräter. Man hat den Eindruck, die USA bewege sich auf eine neue McCarthy-Ära zu. Als Reagan Präsident wurde, bin ich damals aus den USA weggezogen. Diesmal denk ich mir: Verflixt noch mal, jetzt bleib ich erst recht, das wird schon wieder vorbeigehen.

Sie scheinen Geduld zu haben ...

Braucht man auch als Regisseur. Es gibt gerade in Hollywood, wo ich lebe, eine starke "liberale" Opposition und viele Menschen, die dezidiert gegen die Bush-Politik auftreten. Ich habe gerade einen offenen Brief von Sean Penn an den Präsidenten gelesen, der, glaube ich, in der Washington Post abgedruckt wurde. Viel radikaler kann man die US-Politik gar nicht kritisieren. Aber die Mehrheit der Amerikaner reitet auf dieser Welle von missverstandenem Patriotismus. Wie in Trance kommt einem das vor. Latent ist der ja immer da, aber unter der Regierung Bush eben umgekippt in einen kleinkarierten Nationalismus. Wie sie sich damit isolieren, merken die Amerikaner erst, wenn sie mal durch Europa reisen. Aber nun reisen sie ja kaum noch, aus Angst, sondern bleiben zuhause und schmoren in ihrem eigenen Saft aus Uninformiertheit und Überheblichkeit.

Gibt es außer der Sprache Dinge, die Sie vermissen, wenn Sie in Amerika sind?

Ich vermisse überhaupt viel, wenn ich irgendwo länger festsitze. Reisen hat nicht nur mit Sehnsucht zu tun, sondern ist, wie der Name schon sagt, auch eine Sucht. Ich bin ein süchtiger Reisender. Wenn ich hier bin, vermisse ich Los Angeles, wenn ich dort bin, Berlin - einschließlich des Wetters. Die Jahreszeiten fehlen einem nach einer Weile schon sehr. Ich habe mir jetzt in L.A. eine Satellitenschüssel aufs Dach gestellt - ausschließlich um Fußball schauen zu können. Obwohl natürlich die Zeitunterschiede schlecht sind: Bei der WM war das verheerend – ich musste morgens um halb vier aufstehen.

Symbolbild Film Festival roter Teppich

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