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Karl Marx

Das Kapital - Ein Buch, das die Welt verändern sollte

Vor 150 Jahren erschien in Hamburg der erste Band des Hauptwerkes von Karl Marx: "Das Kapital“. Es handelt sich um eines der einflussreichsten Bücher der Menschheitsgeschichte. Seine Relevanz hat es bis heute behalten.

BdT - Ausstellung Das Kapital in Hamburg (picture-alliance/dpa/G. Wendt)

Eine aufgeblasene Büste von Karl Marx steht in Hamburg gegenüber dem Eingang des Museums der Arbeit

Als im September 1867 im Hamburger Verlag Otto Meissner der erste Band des Hauptwerkes von Karl Marx "Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie" erschien, deutete wenig auf die spätere Bedeutung dieses Buches für den Verlauf der Menschheitsgeschichte an. Es ist ein sperrig geschriebener und schwer lesbarer Text, sowohl inhaltlich als auch stilistisch eine Herausforderung für die Leser.

Das ahnte auch schon der Autor. Bereits im Vorwort warnte Marx seine Leser: "Aller Anfang ist schwer", und seine Ehefrau Jenny riet einem befreundeten Sozialisten, "die dialektischen Spitzfindigkeiten der ersten Abschnitte" einfach zu überspringen. Die erste Auflage von 1000 Exemplaren brauchte Jahre, bevor sie ausverkauft wurde.

Buchcover - Karl Marx - Das Kapital (Otto-Meisner)

Veröffentlicht vor 150 Jahren

Trotzdem gilt 150 Jahre später "Das Kapital", dessen zweiter und dritter Teil erst nach dem Tod des Autors veröffentlicht wurden, als eines der einflussreichsten Bücher der modernen Geschichte - wenn auch weiterhin bezweifelt werden darf, dass viele, die sich auf das Buch berufen, es tatsächlich auch gelesen haben. Auf dem Höhepunkt der sozialistischen und der kommunistischen Bewegung in den 1970er Jahren beriefen sich weltweit Regierungen in 60 Staaten auf die Lehre von Karl Marx. Für rund zwei Drittel der Weltbevölkerung wurde "Das Kapital" in den Rang eines beinahe heiligen Buches erhoben.

Ein Philosoph wartet auf die Revolution

Marx war eine solche Kanonisierung und der damit einhergehende Personenkult fremd, er sagte einmal, er selbst sei kein "Marxist". Seine Absicht war aber durchaus, ein "Buch der Bücher" zu schreiben. Als Philosoph wollte Marx ganz im Sinne seines Vorbildes Georg Wilhelm Hegel eine Epoche "zum Begriff bringen und sie damit beenden", erklärt der kroatische Philosoph und Politologe Zarko Puhovski. Es handelt sich dabei um das Bürgertum als letzte Ära einer Klassengesellschaft. "Marx ist davon überzeugt, dass mit der bürgerlichen Epoche die Geschichte endet und eine neue Zeitrechnung beginnt, die letztendlich im Kommunismus endet, also in einer Gesellschaft, in der die Klassen aufgehoben sind", sagt Puhovski.

Marx versucht mit den Begriffen der politischen Ökonomie den Mechanismus einer kapitalistischen Wirtschaft zu analysieren. Der Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft an den Kapitalisten und bekommt dafür einen Lohn. Die Differenz zwischen dem Wert, den er geschaffen hat, und seinm Lohn ist der Mehrwert. Der Kapitalist versucht, den Lohn so niedrig wie möglich zu halten, um den Mehrwert zu maximieren. In der ständigen und ungebremsten Erzeugung dieses Mehrwertes, und damit auch der Ausbeutung der Arbeiter, besteht für Marx das Kernprinzip des Kapitalismus. Diese Ausbeutung, so seine Schlussfolgerung, wird irgendwann dermaßen unerträglich, dass die Arbeiter rebellieren und den Kapitalismus stürzen werden.

Marx-Engels Forum in Berlin (picture-alliance/akg-images)

Zur Denkmal erstarrt: Das Marx-Engels Forum vor dem inzwischen abgerissenen "Palast der Republik" in Berlin.

Was Marx übersehen hat

Diese Schlussfolgerung basiere aber auf einem Denkfehler, meint Bernd Ziesemer, Publizist und früherer Chefredakteur der Wirtschaftszeitung Handelsblatt: "Marx hat die Arbeit als einzige Quelle des Wertes gesehen und dabei übersehen, dass der Kapitalismus nicht durch die Ausbeutung der Arbeiter, sondern durch einen fortlaufenden, technischen Fortschritt funktioniert. Er hat die anderen Quellen des Reichtums, nämlich die Innovation, die Unternehmerinitiative und den technischen Fortschritt im Kern seiner Theorie unterschätzt", sagt Ziesemer.

So blieben einige von Marx vorhergesagte gesellschaftliche Entwicklungen aus. Die fortschreitende Industrialisierung und eine dauerhafte Technologisierung der Produktionsprozesse führte zwar zu ständig sinkenden Produktionskosten und zu einer Verkürzung der Arbeitszeit, eine gleichzeitig wachsende Verarmung und Verelendung der Arbeiter ging damit aber nicht einher.

Der Kapitalismus erwies sich als extrem wandlungs- und anpassungsfähig, betont Zarko Puhovski, "so dass inzwischen auch in der Freizeit eine sogenannte Freizeitindustrie entstanden ist - zu Marx Zeiten noch völlig unvorstellbar".

Wo Marx Recht hatte

Nicht in allen Punkten aber lag Marx mit seiner Analyse des Kapitals daneben. So ist beispielsweise seine Beschreibung des Kapitalismus als eines permanenten Prozesses, in dem das Geld immer wieder akkumuliert und neu investiert wird, heute aktueller denn je. Gerade diese Dynamik führte vor wenigen Jahren zu der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.

Auch seine Beschreibung der zwangsläufigen Neigung des Kapitals zur Monopolisierung erwies sich als zutreffend: Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes von 2012 machten in Deutschland die Großkonzerne zwar nur ein Prozent der Firmen aus, sie generierten aber 68 Prozent des gesamten Umsatzes. Gleichzeitig waren 81 Prozent aller Firmen Kleinstbetriebe, die zusammen nur auf sechs Prozent des Umsatzes kamen.

Deutschland | Trier Karl Marx bekommt zum 200. ein Denkmal aus China (picture alliance/dpa/H. Tittel)

Ein Geschenk aus der Ferne: Trier, Geburtstadt von Karl Marx, bekommt zum 200. Geburtstag ein Denkmal aus China

Ein Vordenker der Globalisierung

Aktueller als je zuvor ist auch die Marx‘sche These von der ungerechten Verteilung des Profits. 2014 zeigte der französische Ökonom Thomas Piketty in seinem weltweit erfolgreichen Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert", dass die stetig wachsende und übermäßige Ungleichheit von Vermögen und Einkommen ein notwendiges Merkmal des global agierenden Kapitals ist.

Schon für Marx war es klar, dass der Kapitalismus von seinem Naturell her in seiner Ausbreitung und Wirkung keine Grenzen kennt. Wirtschaftspublizist Bernd Ziesemer betont, dass es im "Kapital" und auch im "Kommunistischen Manifest" Passagen gibt, in denen Marx darüber spricht, dass der weltweite Siegeszug des Kapitalismus zum Verschwinden alles Althergebrachten führe. Daher "können wir Karl Marx als den ersten wirklichen Theoretiker der Globalisierung begreifen", ist Ziesemer überzeugt.

Das Kapital hat gesiegt

Eine Weltrevolution blieb aber bekannterweise aus, und wenn es zu großen revolutionären Umstürzen kam, war das vor allem in den unterentwickelten, vorindustriellen Bauernstaaten. Trotzdem beriefen sich Revolutionäre aller Welt auf Marx, ohne sich um die Voraussetzungen, die seiner Theorie zu Grunde liegen, viel zu kümmern.

Das gilt auch für die Rolle von Marx in China, sagt Ziesemer: "Ich glaube, dass sich der chinesische Marxismus in weiten Teilen ohne genaue Kenntnis des Werks von Karl Marx entwickelt hat." Und auch für die Verbrechen des stalinistischen Regimes solle man Marx nicht verantwortlich machen: "Natürlich beruht der Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung auch auf Gedanken von Karl Marx. Ich würde aber keine gerade Linie von Karl Marx zu der sowjetischen Massentötung in den 1930er Jahren ziehen wollen", sagt Ziesemer.

Der wirkliche Misserfolg von Karl Marx liege aber nicht in den Verbrechen, die auch in seinen Namen begangen wurden, betont der kroatische Philosoph Zarko Puhovski. Marx war überzeugt, dass ein Zusammenbruch des Kapitalismus von innen heraus unvermeidbar sei und bald erfolgen werde. Das ist aber nicht geschehen. Auch 150 Jahren nach der Veröffentlichung des ersten Bandes von "Das Kapital" sind soziale Spannungen genau so vorhanden wie die Klassenunterschiede, Ausbeutung ist immer noch die Grundlage der herrschenden Produktionsverhältnisse. "Marx' Scheitern liegt in der Tatsache, dass er immer noch aktuell ist", sagt Puhovski.

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