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Afrika

Das ist kein Krieg der Religionen in Zentralafrika

Die letzten verbliebenen Muslime flüchten aus Zentralafrikas Hauptstadt Bangui. Sie fühlen sich nicht sicher. Die Kirchen bemühen sich, den Gewaltrausch der christlichen Milizen zu stoppen.

Die Ali Babolo ist eine der letzten drei Moscheen, die in Bangui noch nicht zerstört ist. Es ist ein kleines Gebetshaus an der Straße, die vom Zentrum der zentralafrikanischen Hauptstadt zum Flughafen führt. Hunderte Männer und Jungen kommen zum Gebet. Ein Hubschrauber kreist über dem Stadtviertel. Die einst so geschäftigen Gassen rund um die Moschee gelten als heiße Zone. Hier hatten einst muslimische Händler ihre Läden, hier lebten muslimische Familien: Zentralafrikaner, Tschadier, Sudanesen.

Umzingelt von Jugendlichen mit Macheten

Heute stehen hier fast nur noch Ruinen. Wochenlang haben christliche Jugendbanden - Anti-Balaka genannt - hier gewütet. Sie haben hunderte Muslime im Gewaltrausch in Stücke gehackt oder bei lebendigem Leib verbrannt. Es gab Fälle von Kannibalismus. Die meisten Einwohner sind geflohen. Den Männern, die noch verblieben sind, stehen Angst und Trauma ins Gesicht geschrieben. "Nachts können wir nicht schlafen. Wir haben Angst“, berichtet Nassour Brahim. In seinen Augen ist der psychische Stress deutlich sichtbar. Er erzählt, er sei einmal etwas kräftiger gewesen. Jetzt wirkt er mager, fast ausgezehrt. "Ich kann selbst tagsüber nicht schlafen. Ich habe solche Angst."

zerstörte Moschee in Miskine in Bangui (Foto: DW/S. Schlindwein)

Zerstörte Moschee in Miskine in Bangui

Die Muslime seien in der Hauptstadt Zentralafrikas stets als Bürger zweiter Klasse behandelt worden, so Brahim. Jetzt bleibe ihnen nichts anderes übrig, als irgendwo Zuflucht zu suchen. Die Läden in diesem Stadtteil seien alle geschlossen. Die Eigentümer seien bereits geflohen. "Wir haben auch schon unsere Sachen gepackt. Doch dieses Land ist ohne uns Muslime nichts mehr. Wir haben den Handel geleitet, von uns hängt die Wirtschaft ab.“

Keiner holt die Leichen ab – kein Zugang zum Friedhof

Die Muslime sind nur eine Minderheit von nicht einmal zehn Prozent. Dennoch galten sie als wirtschaftlich einflussreich. Sie leiteten den Handel von Waren aus der Sahelzone nach Subsahara-Afrika. Sie dominierten die Diamantengeschäfte. Doch politisch hatten die kleinen muslimisch geprägten Gruppen im Norden des Landes keine Vertreter in der Regierung in der südlichen Hauptstadt Bangui. Vor knapp einem Jahr putschten sich schließlich die Anführer der Seleka an die Macht, eine Koalition verschiedener Rebellengruppen aus dem muslimischen Norden. Sie installierten ein Terrorregime. Sie exekutierten die Angehörigen der alten Regierung unter dem gestürzten Präsidenten François Bozizé. Dieser mobilisierte schließlich aus dem Exil im Nachbarland Kamerun Massen Jugendlicher, sich gegen die Seleka aufzulehnen. Doch was als Machtkampf begann, endete in extrem

brutalen Gewaltakten

gegen die muslimische Minderheit.

Imam Mohamoud Awadalkarim in Bangui, Zentralafrikanische Republik (Foto: DW/S. Schlindwein)

Imam Mohamoud Awadalkarim

"Im Hinterhof der Moschee liegen Dutzende Leichen", berichtet Imam Mohamoud Awadalkarim. Die Toten, deren Familien noch hier seien, würden zu Hause in ihren Gärten beerdigt, wenn die Angehörigen sie hier abholen. Doch die meisten Angehörigen seien geflohen. Viele Leichen bleiben liegen, berichtet der Imam: "Wir waschen sie. Wenn sie niemand abholt, dann kommt das Rote Kreuz und holt sie und beerdigt sie in einem Massengrab." Der muslimischer Friedhof sei drei Kilometer entfernt, erzählt der Imam. "Wir können dort nicht hin. Es ist nicht sicher für uns. Das ist sehr schrecklich."

Die noch verbleibenden Muslime in diesem Stadtteil leben wie in einem Gefängnis, umzingelt von den Jugendbanden der Anti-Balaka. Bewacht von einigen Soldaten der Afrikanischen Union, die die Anti-Balaka daran hindern, weitere Gewaltakte zu begehen. Nicht immer gelingt ihnen das. Noch immer werden täglich verstümmelte Leichen in die Moschee gebracht.

Verzweifelte Jugend - Entwaffnung der Herzen

Nur wenige Kilometer entfernt predigt Pfarrer Blaize Kongomatchi am Sonntag für die Jugend in der Kirche St. Paul. Der katholische Priester ist selbst erst 40 Jahre alt. Er wird von den Jugendlichen respektiert. Kongomatchi gilt als Leitfigur, auf dessen Worte sie hören - jetzt, da die Schulen und Universitäten aufgrund des Krieges geschlossen sind.

Sonntagsmesse in St. Paul in Banugui (Foto: DW/S. Schlindwein).

Sonntagsmesse in St. Paul

Die Situation der Jugendlichen ist dramatisch, klagt Pfarrer Kongomatchi. Die Politiker, der Staat, die Regierung kümmere sich nicht um die Jugend. Die Bildung werde vernachlässigt. Es gebe eine hohe Arbeitslosigkeit. "Sie sind alle leicht manipulierbar, von Revolutionären und Rebellen. Jetzt tun sie, was sie wollen. Dies hat das Land in eine Katastrophe getrieben“, sagt Kongomatchi. "Wir, als Kirche, müssen jetzt die Entwaffnung der Herzen vorantreiben und ihnen klarmachen, dass die Spirale der Gewalt keine Lösung ihrer Probleme darstellt." Es sei jedoch nicht leicht, dem Hass zu begegnen, bedauert der Pfarrer. "Wir müssen eine Atmosphäre für Dialog und Toleranz schaffen, um Versöhnung und Vergebung möglich zu machen."

Die

religiösen Vertreter

beider Seiten, der Erzbischof und der führende Imam des Landes, haben sich öffentlich die Hand gereicht. Sie leben derzeit zusammen. Sie treten gemeinsam auf. Sie wollen beweisen, dass dies kein Krieg der Religionen in Zentralafrika ist. Jetzt ist es an den politischen Führern, die Manipulation der Massen für ihren Machtkampf zu stoppen und zu Friede und Versöhnung aufzurufen, um die Gewalt zu stoppen.

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