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Wirtschaft

Das Inflationsgespenst naht

Der hohe Ölpreis hat das Preisniveau in Nordamerika und Europa deutlich gehoben. Finanzpolitiker der Notenbanken fürchten deshalb die Rückkehr des tot geglaubten Inflationsgespenstes.

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Wenn die Verbraucherpreise steigen, verliert der Euro an Wert

Noch im Mai 2004 galt die Inflation in Europa und den USA als "ausgestorben". Hier wie dort hielten die Finanzstrategen in den Notenbanken den Anstieg der Verbraucherpreise im Jahresdurchschnitt knapp unter ihrer Zielmarke von 2,0 Prozent. Im Jahr 2003 beherrschte sogar das Thema Deflation die Debatten der Volkswirte. Einige mahnten die Europäische Zentralbank, sie möge angesichts fallender Preise die Zinsen senken. Damit sollte eine Abwärtsspirale von sinkenden Preisen und schrumpfender Wirtschaftsleistung verhindert werden.

Inflation steigt

Aber jetzt ist die Inflation offenbar wieder da: Im Mai 2004 stiegen die Preise in Deutschland im Vergleich zum gleichen Vorjahresmonat durchschnittlich um 2,0 Prozent. Das ist der stärkste Anstieg seit zwei Jahren. In der Eurozone betrug die Quote sogar 2,5 Prozent. In den USA lag sie im April bei 2,3 Prozent. Für Mai liegen dort noch keine offiziellen Zahlen vor, Volkswirte erwarten jedoch eine Teuerung gegenüber dem Vorjahr von 2,8 Prozent.

Notenbanken und Zweitrundeneffekt

Alan Greenspan

Präsident der US-Notenbank Alan Greenspan (Archiv-Foto)

Den Chefs der Notenbanken in den USA und in der Eurozone bereiten diese Preissteigerungen offensichtlich einigen Kummer. Alan Greenspan, Präsident der US-Notenbank, sagte am 8. Juni, der Anstieg der Energiepreise sei ein Besorgnis erregendes Element bei den Kosten. Er wolle alles Notwendige zur Inflationsbekämpfung unternehmen. Wenige Tage zuvor hatte schon sein Kollege Jean-Claude Trichet von der Europäischen Zentralbank (EZB) angekündigt, er werde gegen Inflationsgefahren in der Eurozone entschlossen vorgehen.

JAHRESRÜCKBLICK 2003 OKTOBER DEUTSCHLAND EZB TRICHET

Präsident der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet (Archiv-Foto)

Trichet fürchtet nach eigenen Worten nicht so sehr einen anhaltend hohen Ölpreis, sondern viel mehr einen so genannten Zweitrundeneffekt, der dadurch ausgelöst werden könnte. Als Zweitrundeneffekt gilt, wenn die Unternehmen gestiegene Kosten an die Verbraucher weitergeben und Gewerkschaften den Kaufkraftverlust mit kräftigen Lohnzuwächsen zurückholen. Dann steigt das Preisniveau auf breiter Front.

"Keine virulente Gefahr"

Dieser Zweitrundeneffekt ist auch nach Ansicht unabhängiger Volkswirte derzeit das größte Problem für die Stabilität der Preise. "Inflationsgefahren würde ich dann sehen", sagt der Volkswirt Uwe Dürkop von der Bankgesellschaft Berlin, "wenn in den Lohnverhandlungen sich die Unvernunft durchsetzen würde und nach einem Teuerungsausgleich für diesen Sondereffekt gestrebt wird. Dafür sehe ich aber im Moment wenig Anzeichen und ich halte das deshalb nicht für eine wirklich virulente Gefahr."

Signal von den Finanzmärkten

Investoren auf den Rentenmärkten sehen die Inflationsgefahr dagegen weniger gelassen. Dort entwickeln sich variabel verzinste Anleihen mit einem Inflationsschutz zum Renner. Erstmals will auch die Bundesregierung ab 2005 so genannte inflationsindexierte Anleihen begeben. Diese Anleihen schützen den Anleger vor Geldentwertung - steigt also die Inflation, erhöhen sich die Zahlungen des Schuldners.

Anders als bei festverzinslichen Anleihen liegt das Inflationsrisiko damit beim Herausgeber der Anleihen, in dem Fall also beim Bund. Für ihn zahlt sich diese Anleiheform aus, wenn die erwartete Inflation ausbleibt. Gemessen wird die Inflation am Verbraucherpreisindex. In den USA stieg der Anteil solcher variabel verzinsten Anleihen am gesamten Anleihenmarkt im Jahr 2004 bislang auf 25 Prozent. Im Vorjahr lag er durchschnittlich bei fünf Prozent. Das sind Signale, die für eine Wiedergeburt des Inflationsgespenstes sprechen.

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