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Geschichte

Das ideale Museum

… gibt es nicht. Denn wie alles ist auch das Geschmacksache. Doch was ein modernes Museum ausmacht – da sind sich die Experten erstaunlich einig.

Es ließen sich wohl mehrere Menschenleben in Deutschlands Museen verbringen. Denn es gibt Tausende - vom Apfelweinmuseum bis hin zum Zoologischen Museum. Jüngst fand ein Forscher heraus, dass ein Museumsbesucher im Schnitt elf Sekunden vor einem Objekt verweilt. Rein rechnerisch ließen sich so allein im Deutschen Historischen Museum mit seinen 700.000 Gegenständen knapp 2139 Stunden verbringen. Da das das Menschenmögliche übersteigt, braucht man Kriterien: Wie muss ein Museum heute aussehen? Was kann ich als Besucher heute erwarten?

Beate Schreiber ist Historikerin und Medienexpertin. Ihre Agentur Facts & Files wird von Ausstellungsmachern engagiert, um sie in Sachen Recherche und Aufbereitung von historischen Inhalten zu beraten. Facts & Files wirkte unter anderem mit an der großen internationalen Tutanchamun-Ausstellung, die um die Welt reist.

Deutsches Historisches Museum in Berlin (Foto: dpa)

Das Deutsche Historische Museum in Berlin

"Museen haben eine Bringschuld, nicht die Gäste", lautet Beate Schreibers Credo. Ein modernes Museum sei ein Publikumsmuseum, keine Bildungseinrichtung. Die Ausstellungen hätten heute vielmehr einen vermittelnden und nicht nur einen bildenden Auftrag als in früheren. "Den Leuten, vor allem den jungen, müssen erst einmal die Fakten vermittelt werden, daher können die Museen nicht sofort in die Vertiefung gehen."

Anja Hoffmann ist Vorsitzende des Bundesverbandes Museumspädagogik. Sie hat die Interessen und Bedürfnisse der Besucher im Blick und wünscht sich, dass Historiker, Kuratoren, Aussteller und Pädagogen an einem Strang ziehen und als gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe arbeiten. "In der Praxis ist das oft nicht so. Der Kurator gibt die Vorgabe: 'Ich will 300 Objekte ausstellen.' Der Ausstellungsbauer hat ästhetische Gesichtspunkte im Blick. Wir Pädagogen bemühen uns, die Menschen möglichst einzufangen und zu interessieren." Der Schlüsselbegriff der Museumspädagogen heißt "Besucherorientierung". Sie sehen ihre Aufgabe darin, Brücken zu bauen und zu vermitteln, damit die Objekte und ihre Botschaft auch bei den Besuchern ankommen.

Wie modern muss ein Museum heute sein?

Das Haus der Geschichte in Bonn (Foto: dpa)

Das Haus der Geschichte in Bonn

Joachim Scholtyseck ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Bonn. Der Historiker versteht unter "modern" in erster Linie, dass die Ausstellung den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen genügt: "Die Objektivität und die Wahrhaftigkeit der Darstellung müssen gewährleistet sein. Zudem ist es wichtig, die Dinge multiperspektivisch darzustellen und die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu präsentieren." Der Besucher solle sich selbst ein Bild machen können. Allerdings: " Es ist auch gut, wenn Fragen offen bleiben." Der Besucher soll angeregt werden, sich intellektuell anzustrengen und nicht nur die Ausstellung abzunicken, meint Scholtyseck.

Judith Behmer ist Medienexpertin vom Kölner Rheingold-Institut. Zu einem modernen Museum gehört neben Multimedia  für sie auch, dass das Drumherum stimmt: ein Café zum Verweilen, ein Museums-Shop für Kataloge und Souvenirs, kurzweilig-informative Führungen. "Eine gute Ausstellung soll mich dazu bringen, den Alltag mit anderen Augen zu sehen: Wie hat man früher gelebt und was hat das mit mir heute zu tun."  Ein ungewöhnliches Museumserlebnis komme nur dann zustande, wenn man den Besucher bei den eigenen Erfahrungen und Gewohnheiten abhole.

Die Lieblingsmuseen der Experten

Glashof des Jüdischen Museums in Berlin (Foto: AP)

Der Glashof des Jüdischen Museums in Berlin

Beate Schreibers Favorit ist das Jüdische Museum in Berlin. Was machen die ihrer Meinung nach richtig? "Ich finde den didaktischen Ansatz gut: Sie vermitteln erst einmal die Grundlagen, die Fakten." Medienexpertin Judith Behmers Highlights sind das Deutsche Historische Museum - ebenfalls in Berlin - und das Haus der Geschichte in Bonn. Dort schätzt sie besonders die multimediale Aufbereitung der Themen.

Joachim Scholtyseck hat sich zuletzt den Tränenpalast in Berlin angeschaut und war begeistert von der Halle am früheren Grenzübergang Friedrichstraße, in der sich Bürger aus Deutschland Ost und West oft unter Tränen verabschiedeten. "Ein Klassiker ist natürlich auch das Deutsche Museum in München", sagt der Historiker.

Museumspädagogin Hoffmann empfiehlt, sich nicht nur die großen Flagschiffmuseen wie das Haus der Geschichte oder das Deutsche Historische Museum anzuschauen. "Ich bin ein Fan von Stadtmuseen, die vor Ort und ganz lokal wertvolle Arbeit tun. Die Menschen können dort etwas über sich und ihren Lebensraum erfahren, sich selbst verorten, damit sie sich besser in ihrer Geschichte und Gegenwart zurecht finden können."

Was die Häuser noch besser machen könnten

'Tränenpalast' in Berlin (Foto: dpa)

Der Berliner 'Tränenpalast'

Medienexpertin Beate Schreiber findet, es gibt zu viele Wechselausstellungen. "Fünf, sechs Wechselausstellungen pro Jahr, da kommen die Menschen gar nicht hinterher." Sie setzt auf Klasse statt Masse, und darauf, die Bedürfnisse internationaler Gäste stärker zu berücksichtigen. Mitunter seien die fremdsprachigen Audioguides qualitativ ziemlich dürftig - selbst in der Hauptstadt. Auch beim Internetauftritt sei vielfach noch Luft nach oben: "Gerade für Schulklassen und junges Publikum ist es wichtig, dass sie den Besuch virtuell vor- und nachbereiten können."

Judith Behmer jedoch warnt davor, hier den Bogen zu überspannen: "Man sollte die Aufmerksamkeit auf die Exponate lenken, damit man sie anschaut und nicht nur die Filme." Dass eines Tages das virtuelle Museum das reale Museum verdrängt, das glaubt sie nicht. "Das Spannende ist die Begegnung mit den Gegenständen. Ein Federhalter, den Kaiser Wilhelm II. verwendet hat, hat eine materielle Qualität und übt eine andere Faszination aus als die Abbildung im Netz."

Den Schauer, der einem über den Rücken läuft, den gibt es eben nach wie vor nur real.

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