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Kultur

Das Haus der schönen Exotik

In Paris hat das direkt neben dem Eiffelturm gelegene "Musée du quai Branly" gerade seine Türen für das Publikum geöffnet. Das umstrittene Projekt vereint zwei große völkerkundliche Sammlungen unter einem Dach.

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Das "Musée du quai Branly" in direkter Nachbarschaft des Eiffelturms

Seit 1996 lagen die Pläne für dieses über 235 Millionen Euro teure Prestigeprojekt in der Schublade von Staatspräsident Jacques Chirac. Wie bereits seine Vorgänger will auch das amtierende französische Staatsoberhaupt mit Ende seiner Amtszeit ein kulturpolitisches Erbe hinterlassen. Georges Pompidou hatte sein "Centre national d’art et de culture", François Mitterand seine Nationalbibliothek, da wollte Chirac nicht hinten anstehen.

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Staatspräsident Jacques Chirac bei der Eröffnung "seines" neuen Museums

Seit den ersten Planungen, die vor allem durch den inzwischen 98-jährigen Ethnologen und Anthropologen Claude Lévi-Strauss und den Kunstsammler Jacques Kerchache unterstützt worden waren, ist das Museum ein umstrittenes Projekt. Einer der Gründe dafür ist die Herkunft der Sammlung, die zum großen Teil aus dem ehemaligen "Musée de l'homme" und dem "Musée National des Arts d’Afrique et d’Océanie" stammt.

Eine Oase in der Metropole

"Den ersten Aufschrei gab es, da das Museum ursprünglich in den alten Räumen des 'Musée de l'homme' enstehen sollte, also im Palais Chaillot", weiß die Frankfurter Kulturwissenschaftlerin Nina Gorgus, die sich seit Beginn der Planungen mit dem Projekt auseinandergesetzt hat. "Das 'Musée de l'homme' hätte geschlossen werden sollen und es sollte dort etwas Neues entstehen. Vor allem jedoch hätte auch das Marinemuseum geschlossen werden müssen und das war schon sehr problematisch."

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Am quai Branly steht die Schönheit der Objekte an erster Stelle

Also wurde ein neuer Bau geplant, der durch den französischen Architekten Jean Nouvel in direkter Nachbarschaft zum Eiffelturm am "quai Branly" entstanden ist - ein komplexes, großflächig verglastes Ausstellungshaus, das durch geschicktes Anschmiegen an das Seine-Ufer Platz für 18.000 Quadratmeter Garten lässt. Von der viel befahrenen Straße durch eine 120 Meter lange und 12 Meter hohe Mauer getrennt, bietet er Platz für 178 Bäume und 15.000 Pflanzen. So haben die Pariser jetzt eine wahre Oase mitten in ihrer französischen Metropole, ein Konzept, das sich auch in der Sammlung fortzusetzen scheint.

Um sich greifender Kulturpessimismus

Vielen Kritikern nämlich stößt die wissenschaftliche Aufarbeitung der Objekte sauer auf. "Im 'Musée de l'homme' wurden die Objekte als Dokumente, als Zeitzeugen gesehen und ethnographisch bewertet", sagt Nina Gorgus. "Jetzt, im 'Musée du quai Branly', erfolgt jedoch ein ästhetischer, also eher kunsthistorischer Zugang." Und tatsächlich scheinen es eher optische Gründe gewesen zu sein, die Jacques Kerchache bei seiner Auswahl berücksichtigt hat. Passend zu dem gerade um sich greifenden Kulturpessimismus, den die graue Eminenz Claude Lévi-Strauss in einem einzigen Satz zu bündeln vermochte: "Keine völkerkundliche Sammlung kann heute mehr glaubhaft den Anspruch erheben, über ihre Objekte ein wahres Bild der jeweiligen Kultur zu vermitteln".

Nina Gorgus

Die Frankfurter Kulturwissenschaftlerin Nina Gorgus

Vermitteln scheint auch im "Musée du quai Branly" nicht mehr vorrangiges Ziel zu sein: Auf 10.000 Quadratmetern wechselnder Ausstellungsfläche und 6500 Quadratmetern permanenter Sammlung reihen sich schlicht schöne, exotische Objekte aneinander. Anscheinend will man dem Zuschauer keine wissenschaftlichen Exkurse mehr zumuten. "Es passt zu unserer Zeit, dass man den Dingen nicht mehr auf den Grund gehen möchte, sondern an der Oberfläche bleibt. So wie man im Fernsehen verschiedene Programme gleichzeitig anschaut", sagt Nina Gorgus zu diesem Phänomen. Zwar gibt es auch im neuen Haus noch erklärende Texte zu den jeweiligen Objekten, ihre eigentliche, kulturelle Bedeutung verschwindet jedoch erst einmal hinter einem Blendwerk aus Architektur und Licht.

Eine mittelgroße Blamage

Die letzten Jahre der Entscheidungsfindungen und Planungen waren sowohl für Befürworter, als auch für die Gegner des Museums keine leichte Zeit. Die Kritiker liefen mit ihren Argumenten meist ins Leere, hatten doch die Macher Geld und politische Macht auf ihrer Seite. Doch auch der Direktor Stéphane Martin geriet immer wieder in die Kritik. So etwa, als er vor sechs Jahren drei Tonfiguren aus Nigeria einkaufte, die sich im Nachhinein als illegal nach Frankreich gebracht erwiesen. Eine mittelgroße Blamage, die inzwischen dadurch beseitigt werden konnte, dass die nigerianische Regierung sich mit dem Museum auf einen 25-jährigen Leihvertrag geeinigt hat.

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Das "Musée du quai Branly" aus der Luft

Ohnehin ist Martin eher ein Verwaltungsdirektor als ein Kunstkenner. "Ich denke, dass er das Museum so managt, wie man eine größere, kulturelle Institution managt", sagt Nina Gorgus. "Ich glaube nicht, dass er einen besonderen Bezug zu den Objekten hat, die er ausstellt." Eine der schwierigsten Entscheidungen mussten Martin und seine Berater über den Namen für das neue Haus treffen. Eigentlich war die Bezeichnung "Musée des arts premiers", Museum der frühen Künste, vorgesehen. Da dieser jedoch lediglich durch seine Schwammigkeit besticht, einigte man sich darauf, das Haus schlicht nach der Straße zu benennen, an der es steht, "Musée du quai Branly" - eine Verlegenheitslösung. "Ich persönlich hätte den Vorschlag 'Musée des arts et civilisations bevorzugt", sagt Nina Gorgus. "Er bringt Kunst und Zivilisation zusammen. Aber wer weiß, vielleicht heißt das Ganze in einigen Jahren auch 'Musée Chirac'."

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