1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Das gute Spiel der Könige

"Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" , so lautete einst die Parole. Die UdSSR ist Geschichte. Aber immerhin: Auf einem Gebiet haben die Russen noch heute die Nase vorn – dem Schach. Warum?

default

Schach ist keine Disziplin bei den offiziellen Olympischen Spielen. Das stört die Schachspieler aber nicht im Geringsten. Sie haben einfach eine eigene Olympiade ausgerufen, der alle Spieler folgen, die Rang und Namen haben. So auch Vize-Schachweltmeister Wladimir Kramnik aus Russland. Noch bis zum 25. November kämpft er bei der Schach-Olympiade in Dresden um seine wichtigste Figur – den König.

Hinter ihm stehen Millionen kleiner und großer, alter und junger, weiblicher und männlicher Russen, die wie der große Meister Kramnik immer wieder um ihren König zittern. Wenn die russische Nation schon nicht mehr durch die Partei, Pioniere oder Privatisierung vereint wird, so durch die Königsdisziplin Schach. Mehr als die Hälfte aller Russen spielen aktiv Schach. Die andere Hälfte hat demnach entweder einen Schachspieler neben sich im Ehebett liegen oder mit am Frühstückstisch sitzen.

"Schach ist Gymnastik des Verstandes"

Das Schachspiel hat in Russland eine lange Tradition – es ist ein Erbe aus der frühen Sowjetunion. Ein positives. Galt Schach bis dahin als elitär und wurde nur in den Häusern der Bürgerlichen und Intellektuellen gespielt, änderte sich das in den 1920er Jahren rasant. Mit einer groß angelegten Kampagne baute die KPdSU Schach zum Volkssport aus. Man wollte das intellektuelle Niveau der Bevölkerung anheben. Grundlage war, wie so oft, ein Zitat Lenins: "Schach ist Gymnastik des Verstandes." So wurden verdiente, starke Spieler vom Staat bezahlt und waren in der UdSSR hoch angesehen. Was in der DDR das Vorrecht der Rentner war, genossen in der UdSSR die guten Schachspieler – sie durften ins westliche Ausland reisen. Ein glänzender Stern am Sowjethimmel war Michail Botwinnik, der 1948 das erste Mal den Weltmeistertitel einspielte. Der Anfang einer langen Riege.

Insgesamt acht Weltmeister hat die sowjetische Schachschule bis zum Jahr 2000 hervorgebracht. Sowjetisch noch im Jahr 2000? Durchaus, denn der letzte russische Weltmeister Kramnik gilt noch als "Kind" dieser roten Talentschmiede. Heute meidet man den Begriff "sowjetische Schachschule" – so viel political correctness muss sein.

Unterricht nach bewährtem Rezept

Also aktuell "russische Schachschule". Sie ist nicht mehr ideologisch besetzt, dafür aber immer noch wirksam. Mit Bildern an der Wand, Magnetschachfiguren an der Tafel und Schachpartien in Lehrbüchern lernen Kinder ab 6 Jahren in Schachzirkeln das Einmaleins der Königsdisziplin. Denn früh übt sich, wer ein Meister werden will. Neben Erfolgen am Brett erleben die kleinen Schachspieler auch Erfolge in der Schule, denn wer die Logik des Schachspielens versteht, dem fallen auch Mathematik und die Sprachen leichter.

Damit es nicht bei purer Theorie bleibt, wenden die Schachschüler ihr Wissen bei unzähligen Turnieren an. Und so werden aus kleinen russischen Meistern so genannte internationale Großmeister. Sie können – auch das ist eine russische Besonderheit – ihre Leidenschaft sogar studieren. In Moskau gibt es zwei Fakultäten, an denen man Schach studieren kann. Entweder an der Pädagogikfakultät, die Sportlehrer ausbildet, oder an der Fakultät für Sozialpädagogik. Denn Schach ist nicht nur ein Sport, sondern auch eine Therapiemöglichkeit für gelangweilte Rentner, bewegungsgestörte Behinderte und zappelige Kinder.

Schachschule statt Pisa-Misere?

Was in Russland längst bekannt ist, hat nun auch die Deutsche Schachstiftung erkannt. Sie fordert eine Stunde Schach pro Woche für Erstklässler und zwei Stunden für Zweitklässler. Ein methodischer Schachunterricht fördere die geistige Entwicklung der Kinder, so lautet die Aussage. Die Spieler entwickelten Kreativität, Geduld und Originalität und lernten, sich zu konzentrieren. Das russische Wissen um die Qualitäten des Schachspielens ist nun also auch im Westen angekommen. Also doch: "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen."