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Top-Thema – Podcast

Das große Schweigen

Am 3. und 4. Juni 1989 sind bei Studentenprotesten in Peking hunderte, vielleicht tausende Menschen getötet worden. Bis heute wird in China jede Diskussion über das so genannte Tiananmen-Massaker unterdrückt.

Ein Mann steht vor vier Panzern

Panzer auf dem Tiananmen-Platz

Dicht an dicht stehen hunderte von Grabsteinen auf dem Friedhof Wan’an in Westpeking. Man muss lange suchen, bis man die Gräber mit dem Todesdatum 3. oder 4. Juni 1989 findet, wie zum Beispiel das Grab von Li Yuan. Die Grabinschrift deutet die Ereignisse nur an. " Er war noch keine 30 Jahre alt, als er dieser Welt plötzlich entrissen wurde", heißt es. Der Wan’an-Friedhof ist einer der ganz wenigen Orte in Peking, an denen die Erinnerung an das Massaker heute noch sichtbar ist.

Etwa 15 Kilometer vom Friedhof entfernt befindet sich die Peking-Universität. Besonders junge Pekinger wissen heute nur noch wenig über die damaligen Ereignisse. Viele Studenten werden bei Fragen danach nervös. Ein Wirtschaftsstudent ist sich zwar sicher, dass damals Unrecht passiert ist. Aber wie viele andere meint auch er, dass man nun nach vorne schauen sollte: "Das Vergangene ist vergangen", sagt er.

Doch es gibt auch Menschen, die gegen das Vergessen kämpfen – wie die 72-jährige Ding Zilin. 1989 wurde ihr damals 17-jähriger Sohn von Soldaten erschossen. Bis heute hat sie den Tod ihres einzigen Kindes nicht verwunden. Ding Zilin ist die Gründerin der "Tiananmen-Mütter", die jahrelang die Namen der Opfer gesammelt haben. Die frühere Professorin fordert von der chinesischen Regierung das Recht, öffentlich zu trauern. Die Verletzten von damals müssten staatliche Unterstützung bekommen. "Das ist das Mindeste", sagt Ding, "aber nicht einmal darauf will sich die Regierung einlassen."

Für die Partei und die staatlich kontrollierten Medien ist das Thema 4. Juni tabu. Debatten finden daher, wenn überhaupt, nur im Internet statt. Der kritische Journalist Lin Cangzhou sagt: "Abseits der staatlich kontrollierten Medien gibt es viele, die die Wahrheit wissen wollen. Aber bis das auch öffentlich diskutiert werden kann, werden sicherlich noch einmal zehn Jahre vergehen."

Glossar

Tiananmen – Name des Platzes in Peking, auf dem 1989 viele Studenten für mehr Demokratie demonstriert haben (auch genannt: "Platz des Himmlischen Friedens")

Massaker, das – das Töten von sehr vielen Menschen in kurzer Zeit

etwas unterdrücken – hier: dafür sorgen, dass etwas nicht passiert

dicht an dicht – eng nebeneinander

Grabinschrift, die – das, was auf einem Grabstein steht

etwas andeuten – etwas nicht direkt ansprechen und nur Hinweise geben

der Welt entrissen werden – poetisch für: getötet werden; ums Leben kommen

jemanden erschießen – jemanden mit einem Gewehr oder einer Pistole töten

etwas verwinden – etwas geistig verarbeiten; etwas vergessen

trauern – sehr traurig sein (z. B. über einen Tod oder Abschied)

Mindeste, das – das Wenigste

sich auf etwas einlassen – hier: einer Sache zustimmen

Medien, die (Plural) – Fernsehen, Zeitungen, Radio und Internet

tabu – hier: so, dass über etwas nicht gesprochen oder etwas nicht gemacht werden darf

Debatte, die – eine öffentliche Diskussion

wenn überhaupt – falls etwas überhaupt stattfindet

abseits (mit Genitiv) – hier: entfernt von etwas; weit weg von etwas

etwas vergeht – hier: etwas geht vorbei (z. B. Zeit)

Fragen zum Text

1. Viele Studenten in Peking sind der Meinung, dass …

a) man sich vor allem mit der Zukunft beschäftigen soll.

b) die Vergangenheit am wichtigsten ist.

c) die Zukunft genauso wichtig wie die Vergangenheit ist.

2. Ding Zilin verlangt …

a) eine öffentliche Entschuldigung der Regierung.

b) die Möglichkeit, ihre Trauer zeigen zu dürfe.

c) viel Geld für den Tod ihres Sohnes.

3. Welche Aussage stimmt?

a) Im Alter von fast 30 Jahren hat Li Yuan China verlassen.

b) Der 30-jährige Li Yuan wurde am 3. Juni 1989 getötet.

c) Li Yuan starb, als er jünger als 30 Jahre alt war.

4. "Der Wan’an-Friedhof ist einer der wenigen Orte in Peking, … die Erinnerung noch sichtbar ist."

a) wenn

b) als

c) wo

5. Viele Menschen in China haben keine Ahnung vom Tiananmen-Massaker, weil die chinesische Regierung Diskussionen … unterdrückt.

a) danach

b) darüber

c) davon

Arbeitsauftrag

Informieren Sie sich z. B. im Internet über die Studentenproteste in China im Jahr 1989 und beantworten Sie die folgenden Fragen: Wann und warum begannen die Demonstrationen? Was wollten die Studenten erreichen? Wie reagierte die chinesische Regierung?

Autor/in: Ruth Kirchner/Ingo Pickel

Redaktion: Shirin Kasraeian

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