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Ostmitteleuropa

"Das große Geld am Horizont"

Rückgabe von Vermögen aus der Vorkriegszeit löst einen rücksichtlosen Kampf innerhalb der jüdischen Gemeinden in Polen aus

Warschau, 19.10.2002, POLITYKA, poln., Piotr Pytlakowski

Die Rückgabe der Güter, die den jüdischen Gemeinden in der Vorkriegszeit gehört haben, sollte ein schmerzliches Problem aus der Vergangenheit lösen. Dadurch ist jedoch ein ganz neues Problem entstanden. Innerhalb der jüdischen Gemeinden brach nämlich ein rücksichtloser und emotionsgeladener Kampf voller gegenseitiger Beschuldigungen aus. (...)

Für die jüdischen Angelegenheiten in Polen war das Jahr 1997 von enormer Bedeutung. Im Februar wurde das Gesetz über die Beziehung des Staates zu den jüdischen Glaubensgemeinden erlassen. Das Gesetz bildete unter anderem die Grundlage, um Verfahren wegen der Restitution des Vermögens einzuleiten, das vor dem Krieg den jüdischen Gemeinden gehörte. In dieser Zeit wurden aber auch die Gesetze über Kirchen und Glaubensgemeinschaften geändert. Um in ein offizielles Religionsregister beim Ministerium für Inneres und Verwaltung aufgenommen zu werden, musste eine Glaubensgemeinschaft mindestens einhundert Mitglieder haben. In dieser Zeit suchten auch die jüdischen Gemeinden fieberhaft nach Personen, die auf der Liste des Jüdischen Glaubens stehen wollten. Es musste sich dabei um polnische Staatsbürger polnischer Nationalität oder jüdischen Abstammung handeln, die der jüdischen Glaubensrichtung angehören und die dauerhaft auf dem Gebiet Polens leben.

Während der Verhandlungen über die Rückgabe der jüdischen Güter aus der Vorkriegszeit wurden die jüdischen Gemeinden von dem neu gegründeten Verband der Jüdischen Glaubensgemeinden vertreten, zu dem acht jüdische Gemeinden und insgesamt etwa 2 000 Mitglieder gehören.

Dort fanden jedoch nicht alle polnischen Juden einen Platz für sich: "Ich bin nicht besonders religiös. Das alles schien für mich eine "Chuzpe" zu sein und aus diesem Grunde trat ich diesem Verband auch nicht bei", erklärt ein alter Bewohner von Warschau, der unbedingt anonym bleiben wollte und auf dessen Arm die Nummer aus einem Konzentrationslager deutlich sichtbar ist. Er hat seine jüdischen Wurzeln niemals verheimlicht, will aber heute nicht aus seinem Leid Profit ziehen: "Am Horizont wurde das große Geld sichtbar. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Emotionen hoch kommen und dass Konflikte ausbrechen", sagt er.

In Polen leben nach ungenauen Schätzungen über 15 000 Personen jüdischer Abstammung. Die Berechnungen ergeben jedoch, dass sich die Mehrheit von ihnen an den Versuchen nicht beteiligt, das Vermögen ihrer Vorfahren zurückzubekommen. Sie sind auch nicht an Profiten aus der Rückgabe interessiert.

Boleslaw Szenicer, der von einem Teil der Mitglieder der jüdischen Gemeinde als Liebhaber von Denkmälern der jüdischen Kultur bezeichnet wird, hat sich von Anfang an in Opposition zu der offiziellen Linie gestellt. Er hat sich dem Prozedere widersetzt, das Vermögen zurückzubekommen, um es dann sofort zu veräußern: "Seit vier Jahren sind wir Zeugen, wie aufgrund des Gesetzes über die Rückgabe der ehemaligen jüdischen Güter die Reste der materiellen Kultur der Juden in Polen barbarisch vernichtet werden. Das, was von den Nazi-Vandalen nicht ausgemerzt wurde, wird vor unseren Augen vernichtet - mit Billigung des Vorstands der Jüdischen Glaubensgemeinden in Warschau und anderen Städten Polens", schrieb er im August 2002 in einem Protestschreiben, das an jüdische Organisationen und an die Botschaft Israels gesandt wurde. (...)

Er protestierte aber auch gegen den Verkauf des jüdischen Krankenhauses aus der Vorkriegszeit in Siedlce, das vor kurzem an die jüdische Gemeinde zurückgegeben wurde. Die Gemeinde verkaufte diese Immobilie für 610 000 Zloty (etwa 152 500 Euro): "Alles wurde geheim gehalten. Es ist nicht bekannt, an wen es verkauft und wofür das Geld aus dieser Transaktion verwendet wurde. Ein ähnliches Geheimnis umgibt auch den Verkauf des jüdischen rituellen Bades und der Ruinen der Synagoge in Otwock für 216 000 Zloty (etwa 54 000 Euro), sowie des Gebetshauses in Sokolowo für 100 000 Zloty (etwa 25 000 Euro) und des Badehauses in Minsk Mazowiecki für 190 000 Zloty (etwa 47 500 Euro)", zählt Boleslaw Szenicer auf.

Andrzej Zozula, Direktor des Verbandes der Jüdischen Glaubensgemeinde und (...) Vizevorsitzender der jüdischen Gemeinde in Warschau, der gleichzeitig als wichtigster Befürworter des schnellen Immobilienverkaufs gilt, währt sich gegen diese Vorwürfe: "Wir sind über die Tatsache, dass wir verkaufen müssen, überhaupt nicht erfreut. Die Wahrheit jedoch ist, dass sich der Verband die Unterhaltungskosten für alle zurückgegebenen Immobilien nicht leisten kann". Auf die Frage, was mit dem Geld aus den bisherigen Verkäufen passierte, antwortet Andrzej Zozula, dass er nicht ins Detail gehen wolle. Er sagt, dass dies eine Angelegenheit sei, die die Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft betreffe, die berechtigt sei, mit dem Geld nach eigenem Ermessen zu verfahren.

"Das ist so", kommentiert Boleslaw Szenicer. "Sie drücken sich immer auf diese Weise um eine Antwort. Ich gehöre aber auch der jüdischen Gemeinschaft an und ich verlange klare Kalkulationen", fügt er hinzu.

Je weniger jüdische Gemeinden es gibt, desto weniger Berechtigte kommen in Frage, um das Vermögen wiederzubekommen. Das Recht auf Rückgabe haben nur die Gemeinden, die zum Verband gehören" erklärt Jakub Szadaj, der ehemalige Schatzmeister des Verbandes der Jüdischen Gemeinden, der jetzt als Vorsitzender der unabhängigen jüdischen Gemeinde des mosaischen Glaubens in Gdansk (Danzig) agiert, die von dem Verband nicht anerkannt wird.

Jakub Szadaj und die Aktivisten des Verbandes der Jüdischen Glaubensgemeinden tragen ihre Konflikte vor Gericht aus. Die Auseinandersetzung dauert schon einige Jahre. Jakub Szadaj behauptet, dass er in Ungnade gefallen sei, weil er sich dem Transfer des Geldes, das aus der Rückgabe stammte, ins Ausland widersetzte: "1968 wurde ich zu zehn Jahren Gefängnis wegen meiner politischen Tätigkeit verurteilt und ich habe die Hälfte absitzen müssen. Darüber hinaus habe ich doch das Recht, mich als einen echten polnischen Patrioten zu bezeichnen. Als Patriot bin ich aber nicht damit einverstanden, dass auch nur ein Zloty aus diesem Land weggebracht wird", verkündet Jakub Szadaj.

Die Aktivisten des Verbandes der jüdischen Glaubensgemeinden behaupten hingegen, dass die Entlassung Szadajs deswegen erfolgte, weil er gegen Geld die Entehrung des jüdischen Friedhofs in Lebork zugelassen hat. An dieser Stelle wurde von dem norwegischen Konzern Statoil eine Tankstelle gebaut und Jakub Szadaj soll von den Norwegern 200 000 Zloty kassiert haben, weil er die Ansprüche zurücknahm. (...)

In den Jahren 1998-1999 fanden schwierige Verhandlungen zwischen der World Jewish Restitution Organisation und den Aktivisten des Verbandes der jüdischen Glaubensgemeinden in Polen statt. Es wurde unter anderem über die Gründung einer gemeinsamen Stiftung diskutiert, die sich mit der Rückgabe und der Verwaltung des zurückgegebenen Vermögens beschäftigen sollte. Aus den Aufzeichnungen dieser Verhandlungen geht hervor, dass dabei die finanziellen Aspekte überwogen. Die polnischen Juden haben ausgerechnet, dass die World Jewish Restitution Organisation (WJRO) zuerst ein zinsloses Darlehen in Höhe von 800 000 Dollar gewähren müsste, da mit diesem Betrag die Kosten für die Vorbereitung formeller Anträge auf Rückgabe der Güter gedeckt wären. Dabei wurde nicht verheimlicht, dass es sich um ein gutes Geschäft handelt. Die Vertreter der WJRO versuchten zu handeln und zu überzeugen, dass am Anfang 500 000 Dollar ausreichen würden. Die Vertreter des Verbandes blieben jedoch standhaft.

Der inzwischen verstorbene Feliks Lipmann, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Katowice (Kattowitz), erklärte direkt, warum die WJRO viel und schnell geben sollte: "Wir sprechen hier über enorm große Profite, aber ich sehe das Geld nicht. Ehe uns das Geld erreicht, das nur die Anfangsausgaben decken soll, werden wir schon graue Haare haben". (...)

Es wurde über die Aufteilung der Woiwodschaften gestritten, das heißt, welche der jüdischen Organisationen für die Rückgabe in den einzelnen Woiwodschaften zuständig sein soll. Die polnischen Juden haben vorgeschlagen, der WJRO die "wiedergewonnenen Gebiete" (die Westgebiete Polens – MD) zuzuteilen. Die Vertreter der WJRO haben protestiert und argumentiert, dass es ungerecht sei, weil es dort vor dem Krieg keine jüdischen Ballungsgebiete gab und es darüber hinaus auch nicht viel zurückzuerstatten gibt. Die polnischen Juden versuchten wiederum zu argumentieren, dass es doch etwas gibt, da sich dort jüdische Friedhöfe befinden und dies mit kleinen Kosten und großen Gründstücken verbunden ist. Andrzej Zozula sagte direkt: "Wir könnten in diesen Gebieten Entschädigungen für verschiedene Dinge verlangen, die sich auf den Friedhöfen befinden. Sie würden zahlen, aber wir wissen nicht, ob wir dafür Geld nehmen dürfen. Nachdem wir verschiedene Rabbiner befragt haben, wurde uns gesagt, dass wir das nicht machen dürfen. Ich denke jedoch, dass ihr bestimmt Rabbiner finden könnt, die dies erlauben würden".

In dieser Atmosphäre eines Wettbewerbs um Synagogen, Friedhöfe und rituelle Badehäuser fühlen sich die normalen Mitglieder der jüdischen Gemeinden verwirrt und verbittert. Marta Banaszynska, Mitglied der jüdischen Gemeinde in Warschau ist im Sommer nach Krzeszowice in der Nähe von Krakau gefahren. Dort erfuhr sie, dass die jüdische Gemeinde in Krakau das vor kurzem zurückgegebene Gebetshaus und das rituelle Badehaus gerade verkauft hatte: "Ich sprach mit der Käuferin. Sie will im alten Gebetshaus eine Metzgerei einrichten. (...). Das hat mich entsetzt und erschreckt", erzählt sie. (...) (Sta)

  • Datum 24.10.2002
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