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Kultur

Das große Beben

Das Erdbeben von San Francisco war die folgenschwerste Naturkatastrophe in der Geschichte der USA. Mit einer Stärke von 7,8 brachten die Erschütterungen auch die Versicherungswirtschaft ins Wanken.

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Die Stadt brennt: San Francisco am 18. April

5:12 Uhr, am Morgen des 18. April 1906: ein leichtes Zittern geht durch die Straßen San Franciscos. Für einen kurzen Moment kehrt Ruhe ein, doch nur 25 Sekunden später beginnt die Erde zu beben. Eine Reihe heftiger Stöße erschüttert die Bucht an der Westküste der USA. Das Erdbeben verwandelt Straßen in Gräben, entwurzelt Bäume und bringt tausende Häuser zum Einsturz. Viele Gebäude fangen sofort Feuer – für 3000 Menschen gibt es keine Rettung aus Flammen und Trümmern.

Vier Tage lang sind die Feuer nicht in Griff zu bekommen, dann wird das Ausmaß der Verwüstung sichtbar: San Fransisco, die größte und reichste Stadt der amerikanischen Westküste, ist zu 80 Prozent zerstört. Bürgermeister Eugene Schmitz ruft die Armee zu Hilfe; die Soldaten errichten entlang der Küste Notunterkünfte für die mehr als 200.000 Obdachlosen. Deren Interesse gilt dem Wiederaufbau: so schnell wie möglich wollen sie ihre Häuser wieder bewohnbar machen, so schnell wie möglich soll das Geschäftsleben wieder losgehen.

Nicht zahlungsfähig

Erdbeben in San Francisco 1906

Holzhäuser können dem Beben nicht standhalten

Das Geld für den Wiederaufbau soll von den Versicherungsgesellschaften kommen. Doch die sind auf eine Katastrophe dieser Größe nicht vorbereitet. 19 Versicherungen brechen nach dem Beben in Kalifornien unter ihren Zahlungsverpflichtungen zusammen. Nur wenige Gesellschaften haben sich ausreichend rückversichert und können den Schaden so stemmen.

Die Münchner Rück, Versicherer der Versicherungen, zahlt innerhalb kurzer Zeit elf Millionen Goldmark an ihre Kunden - heute wären das drei Milliarden Euro. "Das war der bisher größte Schaden in der 125-jährigen Geschichte unseres Unternehmens", erklärt Dr. Anselm Smolka, bei der Münchner Rück zuständig für Erdbebenrisiken und Überschwemmungen.

Die Versicherungslandschaft verändert sich in Folge des Bebens: Von nun an verteilen die Gesellschaften ihr Risiko auf mehrere Rückversicherer, die in unterschiedlichen Teilen der Welt tätig sind. So liegt die Last auf vielen Schultern: Kommt es zu einem Beben in den USA, dann kann auch auf die Prämien aus Japan, Europa oder Australien zurückgegriffen werden.

Entschlossener Wiederaufbau

In San Francisco zahlen die Versicherungen am Ende nur für ein Drittel der Schäden. Die Bürger bauen ihre Stadt dennoch schnell wieder auf - wer kein Geld von der Versicherung erhält, nimmt Kredit. Baumaterial wird mit der Eisenbahn herangeschafft. Aus den eingestürzten Gebäuden, dem Emporium, dem Flood Building, dem Ferry Building, erwachsen noch schönere und höhere Prachtbauten. Die Stadt boomt. Schon ein Jahr nach dem Beben wird San Francisco wieder als "der geschäftigste Ort der Welt" bezeichnet.

Das große Erdbeben in San Francisco 1906 - San Andreas-Graben

Am San Andreas-Graben ist die Erde ständig in Bewegung

Doch die Bürger San Franciscos müssen von nun an mit der Angst vor Erdbeben leben. Wann werden sich die Platten am San Andreas-Graben wieder mit einem Beben aus ihrer Verkeilung lösen? Die Seismologen haben seit 1906 immer genauere Messgeräte für Erdstöße entwickelt. Stärke, Epizentrum und Ausbreitung eines Bebens können damit sehr genau ermittelt werden. "Allerdings erst, wenn es zum Beben kommt", sagt Professor Jochen Zschau vom Geo-Forschungszentrum Potsdam. "Den genauen Zeitpunkt und Ort eines Bebens in Kalifornien könnten wir also nicht vorhersagen."

Möglich sei dafür eine so genannte Gefährdungseinschätzung. Anhand bestimmter tektonischer Verwerfungen könne man die Wahrscheinlichkeit eines Bebens in einer Region bestimmen. San Francisco liegt am San Andreas-Graben. "Dort erwarten wir mit sechzigprozentiger Wahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten 30 Jahre ein schweres Beben - eines der Stärke 6.7 oder größer", so Zschau.

Modelliertes Risiko

Transamerica Pyramid in San Francisco

Die 260 Meter hohe Transamerica Pyramid (links im Bild) gilt als erdbebensicher

Erst seit dem Beben von 1906 berücksichtigen die internationalen Versicherer diese Risikoeinschätzung für die Berechnung ihrer Prämien. "Zusätzlich fließt die Schadensanfälligkeit und der Wert von Gebäuden in die Versicherungsmodelle ein", erklärt Dr. Anselm Smolka von der Münchner Rück. Wer also ein wertvolles, aber nicht erdbebensicheres Haus im Stadtkern von San Fransisco sein eigen nennt, der muss mit einer hohen Versicherungsprämie rechnen.

Wie hoch die finanzielle Last eines erneuten Riesen-Bebens in San Francisco wäre? "Wir sind ein wichtiger Marktteilnehmer im US-Katastrophengeschäft", so Smolka; die Höhe möglicher Schadensforderungen möchte die Münchner Rück jedoch nicht nennen. Betroffen wären Millionen Einwohner in der Bucht von San Francisco – und die Softwareindustrie im Silicon Valley nahe der Stadt.

Doch die Menschen in der Region sind heute besser vorbereitet als 1906: Die Baurichtlinien Kaliforniens zählen weltweit zu den besten, Wolkenkratzer wie die Transamerica Pyramid im Stadtzentrum sollen auch schwere Erdstöße überstehen.

30 Sekunden

Außerdem existieren Notfallpläne für die mögliche Katastrophe. "Durch schnelle Reaktion können Erdbebenschäden heute gering gehalten werden", sagt Professor Zschau vom Geo-Forschungszentrum. "Meist bleiben ungefähr 30 Sekunden, bis ein Beben das Stadtzentrum erreicht hat. In dieser Zeit kann zumindest der Druck aus den Gasleitungen genommen werden." So wird die Feuergefahr eingedämmt.

Vom großen Beben vor hundert Jahren haben alle gelernt; die Einwohner San Franciscos, die Wissenschaftler, und die Versicherungen. Das zahlt sich aus: Als 1989 in Loma Prieta nahe San Francisco die Erde bebt, sind die Schäden weitaus geringer. Der Ausbruch großer Feuer wird verhindert, nur ältere Gebäude stürzen ein. Die meisten Betroffenen sind ausreichend versichert. Dennoch bleibt die Angst vor einem neuen Jahrhundertbeben in San Francisco.

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