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Fokus Südosteuropa

Das griechische Inferno

Wenn es in Athen brennt, dann ist das Feuer auch aus Sofia, Skopje oder Tirana zu sehen. Die Rauchwolke hat die Hauptstädte der Nachbarländer erreicht. Einige sind von der Krise stärker betroffen als andere.

Griechenlandkarte schwebt über der Akropolis (Grafik: DW)

Das griechische Finanzbeben breitet sich aus

Wir schreiben das Jahr Drei des griechischen Finanzdramas. Die Nachrichten aus Athen werden nicht weniger und auch nicht positiver: Zuletzt hat die bekannte Ratingagentur Standard & Poor die griechische Kreditwürdigkeit erneut herabgestuft. Es wurde sogar über die Wiedereinführung der Drachme spekuliert. Diese Hiobsbotschaften aus Athen erreichen ein Ausmaß weit über die nationalen Grenzen hinaus. Vor allem in den benachbarten Ländern schlagen sie hohe Wellen. Allein die Nähe zu Griechenland könnte dem Ansehen der Staaten Südosteuropas auf den internationalen Finanzmärkten schaden, sagt Jens Bastian, Wirtschaftswissenschaftler an der unabhängigen Hellenischen Stiftung für Außen- und Europapolitik in Athen. Wenn die Staaten Südosteuropas zum Beispiel Staatsanleihen platzieren möchten, müssten sie einen viel höheren Preis zahlen als vor der Krise, so der Experte.

Flaute auf dem griechischen Arbeitsmarkt

Gruppe von albanischen Arbeitern im Freien (Foto: DW)

Albanische Arbeiter in Griechenland

Noch vor wenigen Jahren was Griechenland ein attraktiver Arbeitsmarkt für Albaner, Mazedonier und Bulgaren. In Scharen sind sie auf die hellenische Halbinsel ausgewandert, wo sie seitdem vorwiegend im Dienstleistungssektor arbeiten. Für die Arbeitsmigranten war das eine gute und sichere Einnahmequelle. So konnten sie das Ersparte nach Hause zu ihren Familien schicken. Jetzt stehen viele von ihnen ohne Job da. Es zeichne sich eine Arbeitsmigration in die umgekehrte Richtung ab, meint Jens Bastian: "Albaner, Mazedonier oder Serben kehren zurück in ihr Ursprungsland oder gehen gegebenenfalls in ein Nachbarland, wie in die Türkei, die jetzt gerade ein starkes Wirtschaftswachstum hat."

Von der Spitze verdrängt

Pedestrians walk outside Gebäude einer Piräus Bank (Foto: AP)

Griechenland - bedeutender Investor

Griechenland gehört neben Österreich, Italien und Deutschland zu den bedeutendsten Investoren in Südosteuropa. Im Banken- und Bauwesen, in der Telekommunikation oder in der Nahrungsmittelbranche sind viele Unternehmen in griechischer Hand. Doch durch die Finanzkrise sind die griechischen Anleger nicht mehr in der Lage, in diese Region zu investieren, sagt Jens Bastian. Südosteuropa-Experte Dusan Reljic glaubt jedoch nicht an einen kompletten Rückzug griechischer Investoren: "Es gab vor zwei Jahren, als die große internationale Finanzkrise ausbrach, ein Treffen der ausländischen Banken, die in Südosteuropa aktiv sind. Es wurde eine Deklaration angenommen, in der sich diese Banken verpflichteten, sich nicht aus der Region zurückzuziehen."

Je weiter weg von Athen, desto besser?

Landkarte von Kroatien unter einer Lupe (Grafik: DW)

EU fordert mehr Transparenz

Eigentlich könnte man sagen, dass Kroatien Glück hat. Es scheint, dass je weiter man vom Epizentrum der Krise entfernt ist desto geringer sind auch die Auswirkungen zu spüren. Die Verflechtungen etwa zwischen Kroatien und Griechenland seien relativ schwach, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Sinisa Kusic: "In Kroatien ist der Bankensektor fest in italienischer, österreichischer und deutscher Hand. Der Anteil der kroatischen Exporte nach Griechenland beträgt lediglich 0,3 Prozent." Im Vergleich dazu ist die wirtschaftliche Interaktion zwischen Griechenland und seinen unmittelbaren Nachbarn viel stärker ausgeprägt. Aber auch Kroatien ist nicht ganz von der Krise verschont geblieben. Der EU-Beitrittskandidat wird jetzt noch strenger unter die Lupe genommen. Kroatien müsse zwar keine höheren Auflagen erfüllen, aber die EU schaue genauer hin in punkto Transparenz und Berichtspflicht, sagt Jens Bastian.

Auch in der Türkei fürchten Experten keine direkten Auswirkungen der Krise. Der Handel mit Griechenland mache gerade mal ein Prozent des gesamten Außenhandels der Türkei aus, sagt Burak Saltoglu, Wirtschaftswissenschaftler an der Bosporus Universität in Istanbul. Und dennoch können die Türken nicht sorgenlos zuschauen, wie der Nachbar Griechenland unter der Schuldenlast zusammenbricht: "Die größte Gefahr der Griechenland-Krise besteht darin, dass sie auch den anderen europäischen Wirtschaften schaden könnte. Fast 50 Prozent der türkischen Exporte gehen in die EU-Länder. Wenn die EU-Wirtschaft schrumpft, dann werden auch die türkischen Exporte darunter leiden", sagt Saltoglu.

Nach Einschätzungen des Vorsitzenden der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, Thomas Mirow, sind die Auswirkungen der Krise auf Südosteuropa noch beschränkt. Auch Dusan Reljic meint, dass sich die Griechenland-Krise zunächst im Kopf abspielt und erst dann auf der wirtschaftlichen Ebene.

Autorin: Rayna Breuer
Redaktion: Mirjana Dikic