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Kultur

Das Glücksversprechen der Schnapszahl

Am 11.11.2011 zieht es in Deutschland hunderte heiratswillige Paare auf die Standesämter. Die Schnapszahl im Datum soll Glück bringen. Funktioniert leider nicht so wirklich.

Brautpaar tanzt (Foto: fotolia)

Am 11.11.2011 ist Ausnahmezustand in Köln. Nicht nur im Herzen der Stadt, wo um 11 Uhr 11 offiziell die nächste Karnevalssaison eröffnet wird. Auch auf den Standesämtern wird gefeiert und "jebützt": Allein in Köln wollen an diesem Tag 133 Paare getraut werden. In diesem Jahr fällt der 11.11. auch noch auf einen Freitag, das macht ihn fast perfekt, denn so kann man sorglos ins Wochenende feiern. Kein Wunder also, dass gerade Köln, wo das Epizentrum des Karnevalsauftaktes direkt neben dem Rathaus brodelt, einen besonders großen Zulauf von Hochzeitspaaren hat. Bereits am 11. Mai konnten Kölner Paare für dieses Datum ihr Aufgebot bestellen. In der Nacht vor dem Stichtag campierten Interessierte sogar vor dem Rathaus, um ja einen der begehrten Termine zu erhaschen.

Ohne "Kölle Alaaf" geht's aber nicht

Zwei Clowns tanzen zum Karneval (Foto: ap)

Im Rathaus die Hochzeit, nebenan die Karnevalsparty

"Seitdem sind nur vier oder fünf Paare abgesprungen", weiß Angelika Barg, die Leiterin des Kölner Standesamts. Sie und ihre Mitarbeiter freuen sich über den Schnapszahl-Tag, obwohl sie wissen, dass extrem viel zu tun sein wird, im historischen Rathaus müssen sie eine Zusatzschicht machen. Die Standesbeamten haben es sich dennoch zum Ziel gesetzt, jede Trauungszeremonie im üblichen Zeitrahmen von 20 Minuten abzuhalten und, so Angelika Barg, jede Zeremonie soll individuell gestaltet werden, wie an jedem anderen Hochzeitstag auch. Aber als echte "Kölsche" wird man sich eins nicht verkneifen: Zum Abschluss werde es sicherlich das eine oder andere "Kölle Alaaf" geben, sagt Angelika Barg, "schließlich sind die meisten von uns ja auch jeck." Dennoch, bei aller Karnevalslaune: Das Standesamt sei und bleibe eine wichtige Behörde, so die Standesamtschefin, die Ernsthaftigkeit solle stets zu erkennen sein, und das wollen die Beamten in den Trauungen zum Ausdruck bringen.

Glücksbringer Schnapszahl?

Hochzeitstorte mit Datum 9.9.09 (Foto: dpa)

Ob dem Ehepaar die Torte gut bekommen ist?

Am 11.11.2011. heiraten aber nicht nur die Karnevalsbegeisterten, sondern auch die Schnapszahlfreunde. Viele Menschen seien grundsätzlich fasziniert von Zahlen, so die Psychologin und Paartherapeutin Felicitas Heyne. "Fast jeder hat eine Glückszahl. Um Zahlen ranken sich Mythen: der Sieben zum Bespiel werden magische Kräfte zugeschrieben - und bei solchen Schnapszahlen bietet es sich an, da irgend etwas hineinzudeuten."

Viele Paare betrachten es als gutes Omen, wenn sie an einem so besonderen Datum heiraten. Doch viele der an solchen Tagen geschlossenen Ehen seien bereits nach wenigen Jahren Geschichte, so der Bundesverband der deutschen Standesbeamten. Daher empfiehlt dessen Geschäftsführer Dieter Hahnel, sich lieber andere Tage auszusuchen: "Beispielsweise den Geburtstag der Braut oder des Bräutigams."

Laut Statistik werden Ehen durchschnittlich nach acht bis neun Jahren geschieden. Schnapszahl-Ehen sollen aber bereits nach drei bis vier Jahren vor dem Scheidungsrichter landen - das hat der Berliner Fachverband der Standesbeamten beobachtet.

Das frühe Ende der "Schnapszahl-Ehen" kann verschiedene Gründe haben. Nach Einschätzung der Psychologin Franziska Heyne lassen sich viele Paare schlichtweg von der schönen Zahl blenden, obwohl sie noch gar nicht reif genug für eine Ehe seien. Ein anderer Grund könne sein, so die Psychologin, dass Paare sich nur aus Gründen der Außenwirkung auf dieses Datum stürzen: "Da sieht natürlich jeder auf den ersten Blick, oh, das ist aber ein lustiges Datum, das muss ja was ganz Besonderes sein." Auch solche Paare seien stark trennungsgefährdet, da sie die inneren Werte der Ehe aus den Augen verlieren würden.

Heiraten ohne Bedenken

Solche Bedenken prallen an heiratswilligen Paaren aber eher ab. In fast ganz Deutschland sind die Standesämter am 11.11.2011 ausgebucht: In Düsseldorf, ebenfalls einer Karnevalshochburg, werden 77 Paare getraut, ganz Berlin kommt auf 74, in Nürnberg heiraten 60 Paare, Frankfurt kommt noch auf 36. Vielerorts werden solche Zahlen normalerweise in einem ganzen Monat erreicht – vor allem, wenn im Winter geheiratet wird.

Ein frisch verheiratetes Paar hält Händchen (Foto: BilderBox)

Auch am 11.11.: Blumen und Ringe, nicht nur Pappnasen

Die Schnapszahl-Hochzeit ist keine rein deutsche Angelegenheit. Massenhochzeiten gab es beispielsweise auch in China, wo am 8.8.2008 unglaubliche 314.224 Paare in den Bund der Ehe getreten sind, davon allein in der Haupstadt Peking 15.646 - eine logistische Meisterleistung. Die Zahl Acht verheißt in China Reichtum und Gesundheit.

Was alle Brautpaare am 11.11.2011 in Deutschland bedenken müssen: es wird auf den Standesämtern nicht nur närrisch oder romantisch, sondern vor allem sehr voll sein. Dewegen heißt es gerade am Schnapszahltag: Pünktlich kommen, denn, so das Nürnberger Standesamt: "Auf vergessene Trauzeugen, Omas und Ringe können wir nicht warten."

Autorin: Silke Wünsch
Redaktion: Marlis Schaum