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Kultur

Das Glückskonzept von Christoph Eschenbach

Im kriegszerstörten Deutschland fand der junge Christoph Eschenbach neuen Halt - in der Musik. Jetzt feierte der weltberühmte Dirigent seinen 75. Geburtstag. Die Musik halte ihn jung, sagt der Grammy-Gewinner.

Christoph Eschenbach ist wieder in den Schlagzeilen: Ein Jahr nach der Verleihung des Grammys erhält er im Mai den Ernst von Siemens-Musikpreis für sein Lebenswerk. Er habe bereits den Schlüssel zum Erfolg und Glück gefunden, so der Direktor des National Symphony Orchestra in Washington gegenüber der DW. Sein Rezept: jeden Tag mit Musik füllen und immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen bleiben. "Jeder Tag zählt. Routine ist ein fürchterliches Wort, es sollte nicht existieren. Ich predige das praktisch gebetsmühlenartig", erklärt er, und sein Lebensmotto scheint zu funktionieren. Eschenbach ist fit und geistig auf der Höhe.

Obwohl er einer der berühmtesten lebenden Dirigenten ist, bleibt der Mann geerdet und bescheiden. Er denke nicht nach über seinen Ruhm, sagt er. Er arbeite einfach weiter und folge seinem Motto: Wer sucht, der findet. "Und ich finde immer etwas", resümiert Eschenbach. Aber es ist nicht nur Schönheit, nach der er sucht. "Musik geht tiefer, da gibt es auch das Gegenteil von Schönheit: Aggression. Es geht bei Igor Stravinskys 'Sacre du Printemps' nicht um Schönheit; es geht um Naturkräfte und auch um Gewalt. All das ist Musik."

Christoph Eschenbach denkt nicht oft an sein Alter - er macht einfach immer weiter mit dem, was er liebt: Musik. Außerdem möchte er die Menschen inspirieren. "Jeder Schritt ist wichtig, wenn es ein Schritt vorwärts ist, neue Welten zu entdecken", sagt er. "Und ich bin froh, dass es mir immer gelingt, neue Welten zu entdecken und nicht zu stagnieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit Musik aufhöre und andere mit eben dieser Musik nicht mehr anrege."

Christoph Eschenbach (Foto: Margot Ingoldsby)

Wer sucht, der findet - so das Credo des Maestro

"Heimat ist in mir"

Es gebe vieles, so Eschenbach, was er an Washington liebe: die Kirschblüten im Frühling, die Größe der Stadt, ihr kosmopolitisches Flair. "Es ist die Hauptstadt, aber man ist nicht überheblich", sagt er. Dennoch fühlt er sich keinem Ort und keiner Nationalität besonders verbunden. Der Deutsche hat während seiner langen Karriere in vielen Städten Europas und der USA gelebt, arbeitete mit dem Tonhalle Orchester Zürich, dem Houston Symphony Orchestra, dem NDR Symphonie Orchester in Hamburg, dem Chicago Symphony Orchestra, dem Orchestre de Paris und dem Philadelphia Orchestra. "Ich werde oft gefragt, wo meine Heimat ist", sagt Eschenbach. "Aber meine Heimat ist in mir, in meiner Seele."

Als Direktor des National Symphony Orchestra hat Eschenbach seit 2010 frischen Wind und einen europäischen Touch in die Musiklandschaft der US-amerikanischen Hauptstadt gebracht. Und die Stadt dankt es ihm. Mit seiner schlanken Gestalt und den freundlichen braunen Augen erscheint er abseits der Bühne eher sanft und unauffällig, aber sobald er den Taktstock ergriffen hat, erwachen seine Leidenschaft und sein Enthusiasmus. "Er ist voll und ganz in der Musik, und manchmal haben wir Angst, dass er nach hinten vom Podium fällt", scherzt Robert Oppelt, erster Bassist beim National Symphony Orchestra. "Mehr als die meisten anderen Dirigenten ist Christoph mit Herz und Seele bei der Musik. Das ist nie aufgesetzt, immer überzeugend und ehrlich."

"Meine Welt ist die Bühne"

Christoph Eschenbach kontrolliert das Orchester. Während langsamer Passagen dirigiert er ausschließlich mit seinen Augenbrauen oder mit einem Wink, aber wenn die Musik anschwillt, hüpft er auf und ab und bringt seinen gesamten Körper mit ein. "Ich spare meine Energie für die Bühne - man kann nicht immer dramatisch sein", sagt Eschenbach mit einem Augenzwinkern. "Meine Welt ist die Bühne. Dort hole ich Musiker in mein Gebiet der Interpretation. Es muss sowohl in mir als auch in ihnen brennen. Und das tut es."

Christoph Eschenbach und das National Symphony Orchestra, Washington (Foto: Margot Ingoldsby)

Musik geht tiefer als Schönheit, meint Eschenbach

Die Beziehung zwischen Eschenbach und dem National Symphony Orchestra ist gezeichnet von gegenseitiger Wertschätzung. Nach den Proben verbringt der Dirigent gerne einige Zeit zusammen mit den Musikern. "Da gibt es keine Berührungsängste, zu ihm zu gehen und ihn etwas über die Musik zu fragen, oder was in seinem privaten Leben passiert, und umgekehrt", sagt Oppelt. Die Mitglieder des Orchesters schätzen Eschenbachs Freundlichkeit, seine Hingabe und Liebe zum Detail. "Seine Musik ist so abwechslungsreich und ausdrucksstark", sagt Assistant Principal Hornist Bennert Ohlson. "Ein Stück ist jedes Mal ein bisschen anders. Wir müssen also immer auf Draht sein, aufmerksam und bereit für kleine Nuancen."

Musik als Lebensretter

Die Musik war für Christoph Eschenbach als Kind im damaligen Breslau, heute Wroclaw in Polen, wie ein Lebensretter. Seine Mutter starb bei der Geburt, sein Vater fiel als Oppositioneller in einem sogenannten Bewährungsbatallion. So kam er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Waise zu einer Cousine seiner Mutter, wo er ein Jahr lang aufhörte zu sprechen. "Ich war abgefüllt mit furchtbaren Eindrücken, die meinen Mund versiegelten", erinnert er sich. Seine Stiefmutter - die Cousine seiner Mutter hatte ihn adoptiert - spielte Instrumente und sang. "Ich erkannte Musik als die Art von Ausdruck, die ich brauchte. Da tauchte ich ein, und ich war plötzlich glücklich, konnte wieder atmen und sprechen. Die Welt hatte sich komplett verändert."

Damals war Eschenbach sechs Jahre alt und noch heute ist er überzeugt: "So sollte Musik sein: ohne Worte sprechen und alle Menschen erfüllen. Dieses Wunder ist jeden Tag neu, und deshalb wird man auch nicht alt."

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