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Wirtschaft

Das Glück beginnt nach Feierabend

Länger arbeiten und kürzere Ferien? Oder lieber Teilzeit und flexibel bleiben? In Deutschland wird das Verhältnis von Beruf und Freizeit neu überdacht. Was ist das Erfolgsrezept?

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Die Deutschen kümmern sich wieder mehr um sich selbst

Die meisten Menschen beziehen positive Gefühle, Selbstbestätigung und Erfolgserlebnisse aus ihrer Arbeit. In die stecken sie auch die meiste Energie. Forscher kamen diesem paradoxen Trend auf die Spur. Denn eigentlich haben heute Spaßgesellschaft, Feierabend und Freizeit einen so hohen Wert wie nie zuvor. Selbst die Profis der IT-Branche, einst die Dauerarbeiter schlechthin, haben die Freizeit für sich entdeckt.

Workoholics sind verschwunden

Münchner Forscher führten im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung Interviews mit Software-Entwicklern, Beratern,
Führungskräften und Verwaltungsgestellten von IT-Unternehmen. Ergebnis: Berufliches und Privates will man wieder deutlich trennen. Lange Abende oder gar Nächte vor dem Computerbildschirm sind nicht mehr modern.

Frau telefoniert im Büro

Es gibt wieder einen Feierabend

Andere wissen einen pünktlichen Feierabend schon lange zu schätzen, wie zum Beispiel Angelika. Die ehemalige Unternehmerin gab vor Jahren ihre Selbstständigkeit auf zu Gunsten eines festen Jobs als Buchhalterin - mit festen Bürozeiten. Für Angelika ist Arbeit heute vor allem eine Möglichkeit, sich die Zeit danach schön zu machen: "Am liebsten treffe ich mich mit netten Leuten und unterhalte mich. Ich finde es schön, einfach mit anderen zusammen zu sein und brauche für mich selbst auch viel Ruhe. Ich bin gern zuhause", sagt die 50-Jährige.

Angelika ist kein Einzelfall. Studien sprechen von der neuen "Wohlfühlwelt" der Deutschen. Gemütlichkeit in den eigenen vier Wänden steht wieder oben an. 68 Prozent genügt schon ein Fernseher, 40 Prozent ein Radio, 46 Prozent eine Zeitung und ein gutes Essen zu Hause, um in der Freizeit glücklich zu sein. Dem modernen, fast unüberschaubaren Freizeitangebot setzen plötzlich immer mehr Menschen die Muße entgegen - ein Wort, das fast vergessen schien.
Doch nach wie vor geben es nur wenige zu.

Heidi Klum und Tochter Leni

Zu Hause ist es am Schönsten

"Ich habe mal eine ganze Zeit lang gedacht, ich müsste unbedingt ein Hobby haben", sagt Angelika."Und habe mit meiner Freundin überlegt und überlegt und nichts gefunden. Wir kamen uns schon ganz minderwertig vor, weil wir kein Hobby haben. Bis wir irgendwann merkten, wir brauchen gar keins! Wenn wir damit zufrieden sind, unsere Freizeit einfach zu vergammeln, ist das auch in Ordnung."

Hobbies dürfen teuer, aber nicht stressig sein

Andere setzten sich weiter dem Leistungsdruck in der Freizeit aus. Montags Inline-Training, dienstags und donnerstags joggen, dann vielleicht noch Tanzkurs und
Englisch-Aufbauunterricht einmal in der Woche - wer so lebt, muss seine Freizeit genauso durchorganisieren wie den Job.

Norbert, 48 Jahre alt und Zahntechniker, sieht sich auf der
Skala zwischen Müssiggänger und Freizeitaktivist eher in der Mitte: "Für mich hat Freizeit einen ganz hohen Stellenwert und ich muss schon sagen, dass ich auch arbeiten gehe, um mir gewisse Hobbies zu finanzieren. Ich finde zwar eine gewisse Erfüllung in meiner Arbeit, gerade weil ich da auch Verantwortung spüre. Aber das kann ich in der Freizeit eben auch."

Manchmal würde Norbert, der nebenbei in einer Rockband spielt, seine kreative Neigung gern stärker ausleben. Doch er weiß: Als Profi-Musiker unterläge er dem gleichen
Leistungsdruck wie jetzt als Zahntechniker.

Nur noch Ausnahme: Hobby als Beruf

Andere haben ihr Hobby zum Beruf gemacht - doch sie sind angesichts wachsender Arbeitsplatznot und schlechter Auftragslage die Ausnahme. Wie der Kabarettist Stefan Reusch. Bei ihm gelten die üblichen Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit nicht: "Es gibt eigentlich keinen typischen Feierabend", sagt er. "Wenn ich abends fernsehe, dann ist das für mich auch immer halb beruflich." Oft gebe es Nachrichten von Schröder oder Merkel, die irgendetwas gesagt hätten, was für ihn als Kabarettist verwertbar sei. "So hört immer ein professionelles Ohr mit."

Drei Tage so richtig durcharbeiten und dann wieder eine längere Pause zu haben, das gehört für Stefan Reusch zum Glück. Ab und zu mal joggen, radfahren und ein bisschen Fussball spielen - die arbeitslose Zeit nimmt der Kabarettist, wie sie gerade kommt. "Ich sage jetzt nicht, das ist für mich die beste Art von Freizeitbeschäftigung, hier tanke ich Energie oder so etwas. Man wurschtelt eben auch in der Freizeit."

Keine Lust mehr auf Druck

Familie unter einem Baum

Dem Freizeit-Stress nicht in die Falle gehen!

Dass bei den meisten Menschen hierzulande Arbeit und Freizeit nicht so ideal ineinanderfließen, weiß Reusch. Und er kennt auch den Druck, der auf vielen lastet - vor und nach Feierabend: "Unsere Gesellschaft krankt nicht an einer Trennung von Freizeit und Beruf, sondern eher, dass beides mit Angst betrieben wird. Also Leute joggen, um nicht dick zu werden oder alt zu erscheinen. Nicht aus Spaß am Joggen", glaubt Reusch.

Wenn zum Beispiel jemand die Woche über arbeite, stehe er Samstags unter Freizeit- und Spaßdruck. Jüngere Leute würden dann durchfeiern, Familienväter mit ihren Kindern irgendetwas machen. "Das heißt, wenn dann noch das Wetter schlecht ist und man sitzt zuhause, dann steht man sehr unter Druck und kann es nicht mal irgendwie im Spiel rauslassen", sagt Reusch. "Ich glaube, das ist schon ungesund und nicht schön."

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