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Europa

Das Gesicht des Gottessohnes?

Ob das Grabtuch im Turiner Dom wirklich das Antlitz des gekreuzigten Jesus Christus zeigt, ist umstritten. Das hält 1,8 Millionen Menschen nicht davon ab, in den nächsten sechs Wochen nach Turin zu pilgern.

Papst Johannes Paul II. betet vor dem Grabtuch (Foto: AP)

Prominenter Pilger am Grabtuch: Papst Johannes Paul II. im Jahr 1998

Bis Pfingsten (23.05.2010) werden von diesem Samstag an (10.04.2010) fast zwei Millionen Katholiken aus aller Welt nach Norditalien reisen, um einen Blick auf das etwas mehr als vier Quadratmeter große Leinentuch zu werfen, schätzt die Stadtverwaltung von Turin. Der Ansturm dürfte damit fast genauso groß sein, wie vor zehn Jahren als die Reliquie zum letzten Mal öffentlich ausgestellt wurde. 2002 wurde das mysteriöse Tuch restauriert.

Echt oder gut gefälscht?

Das Gesicht auf dem Grabtuch (Foto: AP)

Jesus Christus? Leonardo da Vinci? Ein Unbekannter?

Seit gut hundert Jahren debattieren Wissenschaftler, ob das Grabtuch wirklich 2000 Jahre alt ist und das Abbild des Religionsstifters Jesus Christus zeigen könnte. Das Tuch, das die Gesichtzüge eines gefolterten, bärtigen Mannes mit langen Haaren zeigt, wurde 1988 mit Hilfe mehrerer Radiokarbon-Tests auf die Zeit um 1300 datiert. Andererseits wurden in dem Tuch Blütenpollen und Mineralienspuren aus Jerusalem aus der Zeit um Jesu Kreuzigung gefunden.

Zahlreiche Forschungsprojekte in aller Welt sind dem Tuch mit Röntgenstrahlen, Infrarot, Spektralanalysen und vielen anderen Methoden zu Leibe gerückt. Abschließende Erkenntnisse gebe es trotzdem nicht, stellt Bruno Barberis von der Internationalen Gesellschaft für Grabtuchforschung in Turin fest. Die 2009 in den USA aufgestellte These, es handele sich bei der Abbildung auf dem Tuch um ein Selbstbildnis Leonardo da Vincis, hält Barberis für ziemlich weit hergeholt.

Der Glaube zählt

Der Turiner Erzbischof Serverino Poletto sagte in seiner Osterbotschaft, das Grabtuch sei kein Beweis für die Auferstehung von Jesus. Der christliche Glaube stütze sich auf die Evangelien, nicht auf das Stofftuch. Die Wissenschaft habe nachgewiesen, so Kardinal Poletto, dass es sich nicht um eine Fälschung oder Nachahmung, sondern tatsächlich um ein Grabtuch handele. Ob es tatsächlich das Grabtuch von Jesus Christus sei, sei wahrscheinlich. Warum das Gesicht auf dem Tuch abgebildet sei, könne die Wissenschaft bislang nicht erklären. Die Reliquie sei durch die Jahrhunderte lange Verehrung zu einem Zeugnis des lebendigen Glaubens geworden.

Papst pilgert nach Turin

Spuren auf dem Grabtuch (Foto: AP)

Blutspuren an Händen und Füßen von einer Kreuzigung

Prominentester Pilger wird am 2. Mai 2010 Papst Benedikt XVI. sein. Eine offizielle Stellungnahme des Vatikan zur Echtheit des Grabtuchs gibt es bislang nicht. Papst Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. sagte 1998 bei seinem Besuch in Turin, unvoreingenommene Wissenschaftler sollten diese Frage entscheiden und dabei die Gefühle der Gläubigen berücksichtigen.

Das Grabtuch wurde im 14. Jahrhundert in Frankreich gefunden und gelangte über Umwege nach Turin, wo es seit 1578 aufbewahrt wird. Das Abbild des Gesichts wurde erst 1898 entdeckt, als das erste Foto von dem Grabtuch gemacht wurde. Auf der Negativplatte war deutlich das Gesicht des bärtigen Mannes, der Jesus sein könnte, zu sehen. Das Grabtuch gilt heute als einer der größten Schätze der katholischen Kirche.

Im vergangenen Jahrhundert wurde es nur vier Mal öffentlich ausgestellt. Pünktlich zu jeder Ausstellung tauchen neue Thesen im Zusammenhang mit der Stoffbahn auf. Diesmal berichtet eine italienische Zeitung unter Berufung auf kirchliche Historiker, dass der deutsche Diktator Adolf Hitler das Grabtuch angeblich rauben wollte. 1939 wurde das Tuch aus dem Turiner Dom evakuiert, offiziell um es vor Bombenangriffen zu schützen. Angeblich aber wollte man den Nazis den Zugriff auf das Tuch erschweren, so Andrea Davide Cardin, Direktor der Staatlichen Bibliothek in Montevergine.

Autor: Bernd Riegert , KNA, AFP
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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