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Globale Zusammenarbeit

Das Geschäft mit dem Hunger

Den Hunger bekämpfen - dazu bekennen sich heute praktisch alle. Doch auch von denen, die sagen, dass sie helfen wollen, verdienen viele am Elend der anderen: Regierungen aus Nord und Süd ebenso wie Hilfsorganisationen.

Zwei geöffnete Hände mit einer Geldmünze (Foto: Fotolia)

Haiti ist für den europäischen Entwicklungspolitiker Jean Feyder typisches Beispiel für eine Politik, die den Industriestaaten Gewinne bringt und den Kleinbauern des Südens schadet - und damit jenen, die weltweit am meisten unter Hunger leiden. Der Luxemburger Feyder kennt die Strukturen von seiner Arbeit bei der Welthandelsorganisation WTO und der UNCTAD (UN Konferenz für Handel und Entwicklung).

In seinem Buch "Mordshunger" schildert Feyder das Drama der Karibikinsel: Bis vor 30 Jahren produzierten Haitis Bauern noch genug Reis für die ganze Bevölkerung. Doch man zwang Haiti, die Zölle von 50 auf drei Prozent zu senken. Subventionierte US-Lebensmittelimporte ruinierten die heimische Landwirtschaft. Bauern verloren ihre Existenzgrundlage, immer mehr Menschen hungerten.

Blick auf einen Markt in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince (Foto: AP)

Auf den Märkten Haitis wurde der Reis immer teurer

Heute importiert Haiti 80 Prozent seines Reisbedarfs aus den USA - und ist damit zusätzlich abhängig geworden von den Kapriolen des Weltmarktes. Haiti war schon vor dem Erdbeben im Januar 2010 einer der ärmsten Staaten der Erde. Der frühere US-Präsident Bill Clinton, der massiv auf die Senkung der Zölle in Haiti gedrängt hatte - bereut rückblickend seine Politik: "Es war vielleicht gut für manche meiner Farmer in Arkansas, aber es war ein Fehler."

Was für Haiti gilt, sagt Jean Feyder im Interview mit DW-WORLD.DE, lasse sich auf viele Staaten übertragen. Auch die Länder der Europäischen Union verdienten an Exporten von Getreide, Geflügelfleisch, Milchpulver oder Tomatenmark zu Dumpingpreisen, die bäuerliche Produzenten in den Ländern des Südens ruinierten.

Hilfen, von denen Geberländer profitieren

Haiti und andere Staaten wurden so abhängig von Hilfslieferungen. Doch auch diese Hilfen werden nicht ohne Eigeninteresse gegeben. Feyder kritisiert das: "Die Nahrungsmittelhilfe darf nicht länger als Mittel für Geberländer herhalten, um Agrarüberschüsse loszuwerden und in neue Märkte einzubrechen."

Viele Hände tragen ein Hilfspaket der staatlichen US-amerikanischen Entwicklungsorganisation USAID (Foto: dpa)

Hilfslieferung aus den USA

Besonders deutlich wird das Prinzip von Hilfe, die den Gebern nutzt, am US-amerikanischen "Food for Peace" Programm. Die USA als größter Geberstaat binden fast ein Drittel ihrer Hilfen an die Lieferung von Gütern und Dienstleistungen. So werden US-Agrargüter von US-Unternehmen unter Flagge der USA über weite Strecken verschifft. Die Empfängerländer müssen nachweisen, beklagt Feyder, "dass sie zu Absatzmärkten für US-amerikanische Agrarprodukte werden können". Dort werden die Lebensmittel verteilt - oder verkauft, um weitere Hilfsaktionen zu finanzieren.

Am Verkauf und Transport verdienen Dritte. Die Leistung für die Empfänger schrumpft um bis zu 50 Prozent. Die heimischen Kleinbauern leiden. Ein Vertreter der Hilfsorganisation CARE in Kenia sagte, man zerstöre, was man aufbauen wolle. Wo man versucht hatte, Bauern mit Sonnenblumenöl eine Existenz aufzubauen, wurde tonnenweise subventioniertes Speiseöl aus Hilfsprogrammen auf den Markt geworfen.

Die US-Behörde für internationale Entwicklung USAID will Reformen. Doch Versuche, die Monetarisierung von Lebensmittellieferungen zu beenden, scheiterten im Kongress. Neben der Agrar- und Transportbrache protestierten auch Hilfsorganisationen, weil sie auf die Finanzmittel für ihre Programme nicht verzichten wollten. Während die US-Regierung noch um Reformen ringt, erwarb das World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen 2010 schon "78 Prozent der eingekauften Nahrungsmittel in Entwicklungsländern".

Afrikaner stehen in einer Schlange, um Lebensmittelhilfen abzuholen (Foto: dpa)

Entwicklungshilfe verstärke die Abhängigkeit vieler Länder in Afrika, sagen Kritiker

Besserungsversuche der Geberstaaten "ernüchternd"

Die Entwicklungshilfe aller Staaten effektiver machen, das hatten 2005 in Paris Geberstaaten und Entwicklungsorganisationen mit den Ländern des Südens beschlossen. Man wollte sich besser abstimmen, an den Bedürfnissen der Empfänger ausrichten und die Ergebnisse bewerten. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD zog 2011 Bilanz. Von 13 Zielen für 2010 wurde nur eines erreicht. "Ernüchternd" nennt das die OECD.

Ernüchtert fordert der kenianische Ökonom James Shikwati ein Ende der Entwicklungshilfe. Nach seiner Überzeugung dient sie vor allem den politischen und wirtschaftlichen Interessen der Geber. In Afrika profitierten davon korrupte Regierungen. Abhängigkeiten würden verstärkt. Die Ankündigung des deutschen Ministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel, er wolle mehr Wert auf die Interessen der deutschen Wirtschaft legen, begrüßte Shikwati als ehrliche Aussage. Im Interview mit dem "European" bat er Niebel, "Afrikas wirtschaftlichen Interessen nicht durch Hilfe zu schaden", sondern für fairen Handel zu sorgen.

An einem Marktstand verdecken Frauen ihr Gesicht, die hinter geöffneten Säcken mit Nahrungsmittelhilfen sitzen (Foto: AP)

Somalische Frauen verkaufen Hilfslieferungen

Besonders in Kriegs- und Krisengebieten gerät Nothilfe oft in falsche Hände. So berichtete die Nachrichtenagentur AP im August 2011 aus Somalia, tausende Lebensmittel-Säcke für die Opfer der Hungerkatastrophe seien gestohlen worden. Das WFP erklärte, man untersuche die Diebstähle. Bewohner eines Flüchtlingscamps erzählten, nachdem man sie mit Mais-Säcken fotografiert habe, sei ihnen die Nahrung wieder abgenommen worden. Auf den Märkten der Hauptstadt Mogadischu wurden Nahrungsmittel aus Säcken verkauft, die Aufdrucke des WFP, von USAID oder der japanischen Regierung trugen.

Hilfe für Hungernde kann Kriege verlängern

Schon 2010 stellte ein Bericht der UN-Monitoring Group für Somalia fest, die Hälfte der WFP-Nahrungsmittelhilfe im Wert von über 200 Millionen US-Dollar pro Jahr sei von Warlords, korrupten Geschäftsleuten und korrupten Mitarbeitern des WFP gestohlen worden. Das WFP dementierte.

Die niederländische Journalistin und Autorin Linda Polman ("Die Mitleidsindustrie. Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen") kennt den Missbrauch von Hilfe. Während der Hungersnot in Somalia in den 1990er Jahren erlebte sie, wie Warlords den hungernden Menschen Hilfsgüter stahlen und vom Erlös Waffen kauften. Hilfe kann Kriege verlängern, davon ist Polman überzeugt, denn "Nahrung ist im Krieg eine Waffe".

Cover des Buches von Linda Polman 'Die Mitleidsindustrie'

Cover von Linda Polmans Buch "Die Mitleidsindustrie"

Im Interview mit DW-WORLD.DE warnt Polman davor, Hilfsorganisationen zu verklären. Sie spricht von einer "Hilfsindustrie", von konkurrierenden Organisationen mit kommerziellen Interessen. Auch wenn sie positive Ziele verfolgten, verdienten Hilfsorganisationen an der Hunger- und Nothilfe. Sie konkurrierten um Hilfs- und Spendengelder und arbeiteten viel zu wenig zusammen. Das nutzten Machthabende in Empfängerländern aus.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen gibt es weltweit über 37.000 internationale Hilfsorganisationen. Dazu kommen ungezählte private Initiativen. Polman fordert Geberländer und Spender auf, Helfer und Projekte besser zu kontrollieren. Wo Regierungen bestimmten, wer Hilfe bekommt, wie in Äthiopien oder Sudan, verlangt Polman, sollten Hilfsorganisationen sich zurückziehen oder alle gemeinsam die Bedingungen ihrer Hilfen aushandeln.

Webseite der Open Aid Bewegung in Deutschland

Die Webseite der Open Aid Bewegung in Deutschland

Transparenz gegen Korruption – Open Aid

Dr. Wolfgang Wodarg hat früher als Mitglied des Bundestagsausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung viele Hilfsprojekte besucht. Heute arbeitet Wodarg im Vorstand von Transparency International Deutschland. Im Interview mit DW-WORLD.DE schätzt er, von 100 Prozent Hilfe kämen im Extremfall nur 10 Prozent bei den Menschen an, für die sie gedacht sei.

"Korruption und Interessenkonflikte sind integraler Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit", klagt Wodarg. Dagegen helfe nur mehr Transparenz. Dafür kämpft auch die Open Aid Bewegung: Geber und Hilfsorganisationen sollen auf einer Plattform ihre komplette Förderung publizieren, die Empfänger sollen einbezogen werden. Am Ende soll ein System stehen, das jedem Menschen mit Internet-Zugang jederzeit in jedem Land einen Überblick über alle Hilfsaktionen, Projekte und die Ergebnisse ermöglichen soll. Dann könnte man auch sehen, wer tatsächlich profitiert hat.

Autorin: Andrea Grunau
Redaktion: Matthias von Hein

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