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Global Ideas

Das Geschäft mit dem Gewissen

Klimaschutzprojekte werden häufig aus dem Emissionshandel finanziert. Das Geld kommt auch von Privatleuten, die z.B. für ihre Flugtickets freiwillig mehr bezahlen. Das ist sinnvoll – doch es ist auch Vorsicht angesagt.

Fluggäste (Foto: Fotolia.com)

Gutes Gewissen inklusive?

Konsumieren und nicht dem Klima schaden, natürlich geht das - zumindest im Marketing. Man könne beruhigt Pakete schicken, Bankgeschäfte machen, sogar fliegen und Auto fahren, suggerieren Angebote dem umweltbewussten Kunden. Für "Klimaneutralität" müsse man nur ein bisschen mehr zahlen. Damit würden Treibhausgasemissionen anderswo kompensiert. Wie etwa durch die Förderung von Solarheizprojekten im Township Khayelitsha vor den Toren Kapstadts.

"Genau hinschauen"

Eine gute Idee, meint man bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace. "Man muss halt nur sehr genau hinschauen", rät deren Klimaexperte Karsten Smid. Es gebe sehr sinnvolle Kompensationsprojekte, aber auch "viel faulen Zauber, bei dem Emissionen einfach schöngerechnet werden", sagt Smid.

Amer Centrale Geertruidenberg (Foto: FaceMePLS)

Verschmutzen im Westen...

Grob zusammengefasst funktioniert Kompensation so: Für den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen wird so viel gezahlt, dass mit diesem Geld die gleiche Menge Treibhausgase in Schwellen- und Entwicklungsländern vermieden werden kann. Festgeschrieben wurde dieser Ablauf im "Clean Development Mechanism" (CDM), einer wichtige Säule des Kyoto-Protokolls von 1997.

"Viel fauler Zauber"

Die Zahl der kommerziellen und gemeinnützigen Anbieter von Kompensationen steigt seitdem stetig. Es gibt verschiedenste Klimasiegel und Zertifikate, die nachweisen sollen, wie viel Kohlendioxid vermeintlich ausgeglichen wird. Studien, etwa von den Vereinten Nationen oder der Bostoner Tufts-Universität, kamen zu dem Ergebnis, dass nur wenige Anbieter von Emissionskompensationen wirklich nachhaltig Gutes für das Klima tun.

Beispiele für wenig sinnvoll investierte Gelder sind reichlich dokumentiert. So werden Kraftwerke mit Kompensationsgeldern modernisiert, die der Betreiber ohnehin modernisieren wollte. Er spart sich also eine Investition mit eigenem Geld. Auch gutgemeinte Bemühungen laufen häufig ins Leere, wie etwa bei den britischen Musik-Stars von Coldplay. Zum Klimaausgleich ihrer Alben und Tourneen ließen die Band 2004 in Indien öffentlichkeitswirksam 10.000 Mangobäume pflanzen. Recherchen zwei Jahre später ergaben, dass die meisten von ihnen längst vertrocknet waren. Mehrere Zehntausend Euro wurden in den Sand gesetzt. Klimaeffekt: Null.

Keine Chance für Coldplay

Projekten, die mit dem "CDM Gold Standard" versehen sind, soll das nicht passieren. Das in Zusammenarbeit mit dem World Wide Fund For Nature (WWF) entwickelte Zertifikat setzt neue Maßstäbe – indem wirklich genau hingeschaut wird. Es werden nur Projekte für Erneuerbare Energien oder Effizienzsteigerungen gefördert. Beeinträchtigungen der Umwelt dürfen dabei nur minimal sein und es muss positive Auswirkungen auf die Bevölkerung, den lokalen Arbeitsmarkt und die Gesundheit geben – all dies wird von einem unabhängigen Prüfer unter die Lupe genommen und danach mehrfach evaluiert. Die Solarheizer von Kapstadt erfüllen die Kriterien - Coldplays Mangowald hätte keine Chance.

Menschen pflanzen Bäume (Foto: carbonfix)

Gut gemeint, nicht immer gut: Aufforstungsprojekt in Afrika

"Wiederaufforstungen können natürlich sinnvoll sein, für die Klimakompensation sind sie aber schwierig", sagt Jörg Rüdiger von Atmosfair. Atmosfair sammelt freiwillige Kompensation von Fluggästen, etwa zwei Millionen Euro pro Jahr. Unterstützt werden davon ausschließlich Projekte mit dem Gold Standard.

Genau rechnen

Auch bei der Berechnung der Emissionen nimmt es Atmosfair genauer als andere. Auf der Homepage der Gesellschaft kann man sich die Emissionen für einen Flug ausrechnen lassen. Dabei wird nicht nur der Kerosin-Verbrauch berechnet, es fließen auch andere klimaschädliche Faktoren ein: Beispielsweise verursacht der Wasserdampf in den Kondensstreifen der Flugzeuge einen zusätzlichen Treibhauseffekt. Von den Vereinten Nationen wurde deshalb 2008 der Atmosfair-Rechner als bester mit der Note "Exzellent" ausgezeichnet.

Beim Emissionsrechner der Lufthansa sind für einen Linienflug von Berlin nach London aktuell sechs Euro zu kompensieren. Atmosfair berechnet mit elf Euro fast doppelt so viel. Wer also wirklich fliegen muss, könnte mit Atmosfair wirklich etwas für das Klima und gegen das schlechte Gewissen tun. Von Klimaneutralität will man bei Atmosfair aber dennoch auf keinen Fall sprechen. "Emissionen sollte man zuallererst vermeiden, oder wenigstens vermindern", sagt Jörg Rüdiger. "Aber wenn man es wirklich gar nicht vermeiden kann zu fliegen, dann sollte man kompensieren."

Autor: Oliver Samson
Redaktion: Klaus Esterluss

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