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Amerika

"Das Geräusch werde ich nie vergessen"

Die Überlebenden des Terrorangriffs vom 11.September leiden bis heute an den Folgen. Michael B. Dudley entkam damals nur knapp der Katastrophe. Bis heute hat er Alpträume.

Überlebende an 9/11 (Foto: ap)

Die Überlebenden von 9/11 sind bis heute traumatisiert

Michael B. Dudley sitzt auf der Terrasse eines Restaurants im New Yorker Stadtteil Brooklyn, neben ihm spielt sein eineinhalb Jahre alter Sohn. Die Stimmung ist entspannt. Doch plötzlich schaut Duley ernst und blickt nach oben. Mit dem Finger deutet er gen Himmel. "Dieses Flugzeug, das gerade über uns hinweg fliegt, das löst bei mir eine Reaktion aus. Früher hätte mich das niemals aufgeschreckt." Auch wenn ein Zug der Hochbahn vorbei fahre, würde er aufschrecken: "Diese lauten Geräusche, die schockieren mich."

Erst ein ganz normaler Arbeitstag...

Michael B. Dudley ist 40, er wohnt in New York und arbeitet als Grafiker. Der 11. September 2001 war für ihn zunächst ein normaler Arbeitstag im 60. Stockwerk des südlichen Turms des World-Trade-Centers. Kurz vor neun Uhr morgens raste das erste Flugzeug in den benachbarten Nordturm. Ein Kollege beobachtete von seinem Fenster aus, was passierte. Dudleys damaliger Arbeitgeber, das Finanzunternehmen Morgan Stanley, evakuierte daraufhin sofort die gesamte Mannschaft.

...dann die Hölle auf Erden

Flugzeug im World Trade Center (Foto: ap)

Als das erste Flugzeug in den Nordturm einschlug, flüchtete Dudley durch das Treppenhaus

Dudley und seine Kollegen verließen das Gebäude über das Treppenhaus. Die Sicherheitskräfte hielten alle dazu an, langsam und geordnet zu laufen, obwohl Dudley am liebsten gerannt wäre. Während er und die anderen noch auf dem Weg nach unten waren, schlug das zweite Flugzeug in den Südturm ein.

"Eine meiner klarsten Erinnerungen ist, wie ich die Treppen hinunter lief und ein lautes und langgezogenes Knirschen hörte, immer und immer wieder. Wir haben uns alle gefragt, was das war." Es war das Gebäude, das versuchte, aufrecht stehen zu bleiben. "Dieses Geräusch war so schrecklich, dass es mir ganz klar im Gedächtnis geblieben ist", sagt Dudley heute.

Bleibende Schäden

Trümmer des WTC (Foto: ap)

Vom Staub nach dem Einsturz hat Dudley Asthma - und bis heute Alpträume von 9/11

Fast alle Angestellten schafften es nach draußen. Dass ein Sicherheitsbediensteter, den er gut kannte, nicht darunter war, erfuhr Dudley erst viel später. Auf der Straße drehte er sich noch einmal um, schoss Fotos von den brennenden Türmen. In welcher Gefahr er schwebte, war ihm nicht klar. Als die Türme schließlich zusammenbrachen, war er immer noch in der Nähe. Der Rauch und der Staub lösten bei Dudley Asthma aus, jeden Morgen muss er jetzt Medikamente nehmen.

Auch nachts wird er immer wieder an den 11. September erinnert. Er habe immer noch Alpträume, sagt er. Zwar seien sie weniger geworden, aber alle paar Monate träume er wieder von einer Katastrophe: "Zum Beispiel träume ich, dass ich im einzigen unversehrten Haus in Manhattan bin. Alle anderen Gebäude um mich herum sind eingestürzt. Mein Gehirn hat wirklich alles versucht, um die Sache zu verarbeiten."

Geeintes Land?

Für Dudley haben sich seit den Anschlägen viele Dinge geändert. Er hat geheiratet und ist Vater geworden. Der Grafiker sagt, auch sein Land habe sich verändert, allerdings nicht dauerhaft. "Der Anschlag hat den USA einen gewissen Zusammenhalt gebracht, jedenfalls am Anfang. Plötzlich waren wir alle gleich, wir hatten alle etwas gemeinsam." So würde es wohl jedem Land gehen, das eine solche Attacke erlebt, sagt er nach einer kurzen Pause: "Es lässt die Menschen einfach zusammenrücken."

Doch leider sei das nach einer Weile verschwunden und jeder gehe wieder seine alten Wege. Dudley glaubt, dass viele Menschen kaum noch an die Anschläge denken. "Sie wiegen sich in Sicherheit. Doch das ist ein Irrtum." Ein weiterer Anschlag sei jederzeit möglich, meint der Grafiker. "Ich dachte, es würde viel schneller wieder passieren. Ich hoffe es nicht, aber ich habe es im Gefühl, dass es bald wieder einen Anschlag geben wird."

Autorin: Christina Neuhaus
Redaktion: Anna Kuhn-Osius


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