1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Das Geisterschiff von Bremerhaven

Am 14. Juli 1990 lief der irakische Frachter Al Zahra in Bremerhaven ein. Zur Reparatur. Dann brach der Golfkrieg aus. Das Embargo stoppte die Reparatur. Seither rostet das Schiff im Hafenbecken vor sich hin.

Der Frachter Al Zahraa in Bremerhaven (Foto: DW)

Seit 20 Jahren parkt Al Zahraa in Bremerhaven

Am Schiff, das im braunen Brackwasser des Fischereihafens vor sich hindümpelt, ist von Weitem schon der Rost zu sehen. Unterhalb der Schiffsbrücke steht eine Luke offen. In der Mittagssonne schmachtet eine Zimmerblume auf dem Fensterbrett. Die Vorhänge sind zugezogen. "Es ist wie ein Geisterschiff, alles verlassen und verrostet", sagt Dirk Obermann. "Da zu leben, ist wirklich hart."

Dirk Obermann leitet in Bremerhaven das Seemannsheim. Zwei irakische Seeleute halten Wache, bis sie abgelöst werden. "Die kommen jeden Tag zu uns, gehen ins Internet oder benutzen unsere Telefone." Heute, ergänzt der Dekan, der schon häufiger an Bord war, sei es ja schön warm. Im Winter aber, und der letzte war besonders hart, seien an Bord zwei Kammern mit einem Elektroradiator beheizt. "Da kann man es gerade so aushalten. Es ist beileibe nicht gemütlich." Al Zahraa steht im schwarzen Schriftzug am Bug; aus dem Arabischen übersetzt heißt das: Die Rose. Die rostende Rose, ergänzt Dekan Obermann.

Die Liegegebühren kommen pünktlich

Der Schriftzug Al Zahraa am Schiff (Foto: DW)

Al Zahraa heißt übersetzt: Die Rose

Seit 20 Jahren geht das nun schon so. Am 14. Juli 1990 lief das irakische Schiff Bremerhaven an. Zur Reparatur. Die Maschinen sollten überholt werden und wurden ausgebaut. Kurz danach marschierte Saddam Hussein in Kuwait ein. Über den Irak verhängte die UN ein Embargo. Seither liegt die Al Zahraa in Bremerhaven an der Kette.

Iraki Line prangt mit großen Buchstaben am Schiffsrumpf. Die staatliche Reederei ist über all die Jahre dem Schiff treu geblieben. Die Liegegebühren, bestätigt Hafenkapitän Andreas Mai, zahlt das Transportministerium aus Bagdad regelmäßig, wenn auch nicht immer pünktlich. 2.000 Euro Monat pro Monat. Für Liegeplatz, Wasser und Strom. Und das schon seit 20 Jahren. "Ich glaube, dass wir da einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde bekommen könnten. Ich glaube kaum, dass ein Schiff 20 Jahre in einem Hafen gelegen hat." Dabei ließe sich aus diesem Rumpf durchaus wieder ein seegängiges Schiff machen, ist er überzeugt.

Vor Kurzem war Wachwechsel an Bord

Der Frachter von hinten (Foto: DW)

Wilde Gerüchte ranken sich um das irakische Schiff

Manchmal ist Licht an in der Kajüte unter der Schiffsbrücke. Manchmal verlassen die beiden irakischen Seeleute das Schiff, steigen auf ihr Fahrrad und suchen Abwechslung im Seemannsheim oder anderswo spätabends. Aber heute bleibt die Gangway, unter der Dekan Dirk Obermann steht, hochgezogen. Vor ein paar Tagen erst war an Bord Wachwechsel. "Die müssen sich erst einmal hier zurechtfinden, bevor wir gleich mit Funk und Fernsehen an Bord gehen können."

Wilde Gerüchte ranken sich um das irakische Schiff, das einst Panzer transportierte und selbst einen Hubschrauberlandeplatz an Bord hat. Versteckte Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen auf hoher See? Giftgaskanister und Biowaffen an Bord der Al Zahraa? Hafenkapitän Mai winkt ab. Die Laderäume, das hat er mit eigenen Augen gesehen, sind definitiv leer. Saddam Hussein ist längst nicht mehr da. Al Zahraa, der Frachter der irakischen Marine, liegt aber immer noch fest vertäut in Bremerhaven. Seit nunmehr 20 Jahren. Für die Bremerhavener, sagt Hafenkapitän Mai, habe sich das Schiff längst ins Stadtbild gefügt. "Es ist wie ein Straßenschild, das erst dann auffällt, wenn es weg ist."

Autor: Godehard Weyerer

Redaktion: Michael Borgers