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Kultur

Das Gefängnis als Versuchsanstalt

Medizinische Versuche an Gefangenen sollen nach dem Willen eines regierungsnahen US-Instituts erleichtert werden. Kritiker fürchten eine Rückkehr zu den grausamen Experimenten der sechziger und siebziger Jahre.

Arme ragen aus den Gitterstäben von Gefängniszellen

Gefängnis in Los Angeles

Eine Hand injiziert eine Flüssigkeit in einen Arm

Gefährliche medizinische Tests in US-Gefängnissen sind verboten

Im Gefängnis nannten sie ihn "Outer Limits". Denn dort, irgendwo am Rande des Universums, schien Edward Anthonys Bewusstsein zu schweben; monatelang war er nicht ansprechbar . Begonnen hatte dies scheinbar harmlos: Forscher im Holmesburg-Gefängnis in Philadelphia ließen Anthony Mathematik-Aufgaben lösen. Anschließend musste er eine Flüssigkeit trinken und den Test wiederholen - doch daran war schon nicht mehr zu denken. "Die Chemikalien schickten mich direkt ins Weltall", sagt er. Den Dämmerzustand, der folgte, kann er nur als "total breit" beschreiben.

Lebende Krebszellen und Isotope

An 320 Gefangenen des Holmesburg-Gefängisses ließ die US-Armee in den sechziger Jahren bewusstseinsverändernde Drogen ausprobieren, weiteren Häftlingen spritzten die Forscher lebende Krebszellen und radioaktive Substanzen. Auch Bestandteile des Kampfmittels Agent Orange und vermeintlich harmlosere Stoffe wie Anti-Schuppen-Shampoo wurden über mehr als zwei Jahrzehnte an Gefangenen gestestet. Nach Schätzungen der Regierung wurden bis in die frühen siebziger Jahre rund 90 Prozent aller Medikamente an Häftlingen getestet.

Die Versuche endeten, als die Öffentlichkeit 1974 davon erfuhr. In der Folge erließ die US-Regierung eine Richtlinie, derzufolge Häftlinge nur an Experimenten teilnehmen dürfen, die ein "minimales Risiko" darstellen.

Doch dies könnte sich bald ändern. Ein Bericht des regierungsnahen "Institute of Medicine" (IOM), den das US-Gesundheitsministerium angefordert hatte, empfiehlt, auch gefährliche Versuche zu erlauben, sofern "mögliche Vorteile größer als die Risiken sind". Anfang November will sich der zuständige Ausschuss des Ministeriums mit einer Änderung der Richtlinie befassen.

Fehlende Probanden

Derzeit sind in den USA 2,3 Millionen Menschen inhaftiert, mehr als viermal so viele wie noch in den siebziger Jahren. Zugleich fehlt es der Pharma-Industrie an Probanden. So mussten in den vergangenen Jahren verschiedene Medikamente vom Markt genommen werden, weil sie an einer zu kleinen Anzahl von Patienten getestet worden waren und nach der Zulassung gefährliche Nebenwirkungen auftraten.

Dies habe bei den jüngsten Vorschlägen des IOM keine Rolle gespielt, sagt Wendy Visscher, Expertin für medizinische Ethik und eine Mitautorin des Berichts. Vielmehr sei es ungerecht, Gefangene von Studien auszuschließen, die ihnen oder "Häftlingen als Gruppe" nützen könnten - und nur um solche Versuche gehe es. "Wir wollen wirklich nicht zurück zu den Zeiten, als Gefangene missbraucht wurden", sagt Visscher. Nach den Plänen müssten die Medikamente die ersten beiden Testphasen bestanden haben, bevor sie in Haftanstalten erprobt werden dürften. Die Hälfte der Probanden müsste dann außerhalb von Gefängnissen rekrutiert werden. Zudem solle ein unabhängiger "Probanden-Fürsprecher" die Versuche überwachen, erklärt Visscher. 

Hände wie Boxhandschuhe

Allen M. Hornblum lehnt an einem Gefängnis-Gitter

Allen M. Hornblum

Allen M. Hornblum bezweifelt, dass die Gefangenen hinreichend vor Missbrauch geschützt werden können. Der Dozent für Strafjustiz an der Temple University in Philadelphia arbeitete in den siebziger Jahren als Gefängnis-Lehrer und später für verschiedene Gefängnis- und Justizbehörden. "Gefängnisse sind paramilitärische Einrichtungen, in denen jeder tut, was die Leitung will", sagt Hornblum. Er habe zu viele Fälle gesehen, in denen sich Mitarbeiter hätten nötigen lassen, als dass er an ein System von "Probanden-Fürsprechern" glauben könne. Medizinische Studien könnten zudem keine angemessene Gesundheitsversorgung ersetzen. Eine solche jedoch gebe es in kaum einem Gefängnis.

Als junger Mann wurde Hornblum selbst Zeuge der Experimente in Holmesburg, denen er drei Jahrzehnte später das Buch "Acres of Skin" (noch nicht auf Deutsch erschienen) widmete. Die Struktur der Gefängnisse, glaubt er, habe sich seit Holmesburg ebenso wenig verändert wie das Profil der Insassen: Arm, farbig, ungebildet und leicht zu beeinflussen. Er ist deshalb skeptisch, dass es heute anders laufen würde als damals: "Die Gefangenen vertrauten den Ärzten und die benutzten und missbrauchten sie."

Auch Edward Anthony glaubte den Forschern. "Sie haben uns eingeredet, wir müssten uns keine Sorgen machen", sagt der heute 63-Jährige, der 1964 und 1965 an mehreren Experimenten teilnahm. "Wir könnten etwas verdienen, um im Gefängnis-Shop einzukaufen oder Geld zu unseren Familien zu schicken." Von der Droge, deren Namen er bis heute nicht weiß, erholte er sich zwar. Doch seine Hände sind deformiert; sie waren bei der Erprobung eines Badeschaums "auf die Größe von Boxhandschuhen" angeschwollen. Seine regelmäßig auftretenden Ekzeme führt er ebenso auf die Versuche zurück wie seine ständigen Kopfschmerzen. Doch für eine Untersuchung durch Spezialisten fehlt im das Geld. Eine Entschädigung habe er nie erhalten, sagt er. "Sie haben sich nicht einmal entschuldigt."

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