1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Das gefährliche Geschäft mit gefälschten Medikamenten

Eines von zehn Medikamenten weltweit soll eine Fälschung sein. Das sagen Experten. Damit sind Millionen Menschen betroffen - im besten Fall sind die Medikamente wirkungslos, im schlimmsten Fall tödlich.

Eine Frau hält eine Dose mit Tabletten hoch

Original oder Fälschung? Häufig nicht zu erkennen.

Vor allem in afrikanischen Ländern, in Mittel- und Südamerika und im westpazifischen Raum sind gefälschte Medikamente mittlerweile ein Riesengeschäft für die Fälscher und ein großes Risiko für die Patienten, wie etliche Beispiele zeigen:

-Nigeria, 1990. Ein Hustensaft wird mit giftigem Lösungsmittel verdünnt. Über 100 Kinder überleben die Einnahme nicht.

-Haiti, 1996. Ein Fiebersirup für Kinder wird gefälscht. Mindestens 59 Kinder sterben daran.

-Kenia, 1998. Ein gefälschtes Präparat gegen Malaria ist völlig wirkungslos, da es überhaupt keinen Arzneistoff enthält. Die Zahl der Geschädigten kann nur geschätzt werden.

-Kambodscha, 2000. Auch hier werden gefälschte und wirkungslose Malaria-Mittel verkauft. Mindestens 30 Menschen sterben dadurch.

Wie viele Menschen letztendlich an gepanschten Medikamenten sterben, weiß niemand. Weltweit, so schätzen amerikanische Experten, ist jedes zehnte Medikament gefälscht. In Nigeria warnt das Lebensmittelamt, dass sogar bis zu 60 Prozent, also über die Hälfte aller Arzneimittel Fälschungen sind. Mit dramatischen Folgen.

Unklare Todesursache

Doch selten lassen sich Todesfälle so deutlich auf gefälschte Arzneien zurückführen wie in den genannten Beispielen. Denn besonders gerne werden Mittel gegen Malaria, Tuberkulose und AIDS oder Antibiotika gefälscht. Und selten wird untersucht, ob der Patient nun an der Krankheit gestorben ist, oder an einem Medikament, das nicht gewirkt hat.

Die Fälscher sind dabei ausgesprochen kreativ: 60 Prozent der Fälschungen enthalten überhaupt keinen Wirkstoff, stattdessen aber Sägemehl, Backpulver oder gefärbtes Wasser und sind somit komplett wirkungslos. Jedes sechste Imitat enthält zwar den Wirkstoff, aber viel zu wenig davon oder ist verunreinigt oder mit schädlichen Substanzen gefüllt.

Einfache Herstellung

Die Produktion solcher Fälschungen sei kein Problem, sagt Harald Schweim, Medikamentenexperte an der Universität Bonn. "Es gibt die klassische Hinterhofwerkstatt. Eine Kapselfüllmaschine kostet ein paar Hundert Euro und das kann man von Hand machen und 3-4000 Stück am Tag herstellen. Auch Tablettenpressen und ähnliches kann man überall kaufen. So gebe es auch einen großen Second-Hand-Markt für solche Geräte.

Die meisten Fälscherwerkstätten stehen in Indien, China und Osteuropa, glauben Fachleute. Sie wissen es nicht genau, denn häufig können die Falschpillen nicht bis zum Hersteller zurückverfolgt werden. Das ist besonders in Entwicklungsländern schwierig. Denn dort gibt es selten ein gutes Kontrollsystem für Arzneimittelsicherheit. Die Produktion der Medikamente wird nicht oder nur unzureichend überwacht; der Vertriebsweg wird nicht kontrolliert; auch bei den Importen wird nicht genau hingesehen.

Wenn es dann außerdem noch gute Schmuggelwege über die Grenzen gibt, dann wird es der Pillenmafia leicht gemacht. Kein Wunder also, dass 70 Prozent aller gefälschten Medikamente in Entwicklungsländern entdeckt werden, vor allem in den Staaten Afrikas. Auch die gefälschten Pillen an den Patienten zu bringen, ist nicht besonders schwierig. So ließen sich Tabletten in afrikanischen Verpackungen verkaufen, die gemischt Deutsch und Englisch beschriftet seien. "So was kann man dort, wenn Menschen nicht lesen können, verkaufen, weil die eben nur die Zeichen sehen, aber eben nicht wissen, was das bedeutet", sagt Schweim.

Pharmakonzerne als Fälscher

Menschen, die nicht lesen können, die bitterarm sind und sich nur die billigsten Pillen vom Schwarzmarkt leisten können, geringe staatliche Kontrolle und hohe Profite - das sind die wichtigsten Voraussetzungen für Fälscherbanden. In Indien haben mittlerweile gut organisierte Kartelle das Geschäft übernommen, das mit Hinterhofwerkstätten angefangen hat.

Aber auch in China, in anderen Ländern Südostasiens und in Osteuropa sieht es nicht besser aus. Teilweise arbeiten dort sogar Pharmafirmen als Fälscher. Vor allem dann, wenn sie wenig legale, also offizielle Aufträge haben. Harald Schweim von der Universität Bonn: "Stellen Sie sich vor, Sie sind Leiter einer solchen Firma, haben 50 Mitarbeiter, die alle nichts mehr zu tun haben und in der Arbeitslosigkeit stehen. Dann kommen drei Herren zu ihnen. Einer hat einen Koffer voll Geld, einer hat einen Koffer voll Wirkstoff und einer hat einen Koffer voll Muster und sagt: 'Pressen Sie mir das, dann ist der Koffer voll Geld für Sie.'"

Es erstaunt dann eher, dass immerhin jede sechste Falschpille doch den richtigen Wirkstoff in der richtigen Dosierung enthält. Bei diesen Fälschungen wird nicht das Medikament, sondern die Verpackung gefälscht. Das hört sich zunächst eigenartig an. Aber es gibt zwei Möglichkeiten, an billigere Original-Pillen zu kommen, die man dann neu verpackt teurer verkaufen kann. Die eine Variante: Man kauft in Ländern, in denen Arzneimittel billiger sind und verkauft dort, wo es teuerer ist. Zweite Möglichkeit: Krankenhauspackungen sind größer und im Verhältnis wesentlich billiger als Einzelpackungen. Also nimmt man die Pillenfolien aus diesen Großpackungen und verkauft sie in gut kopierten kleineren Verpackungen. Diese Fälschungsmethode betrifft hauptsächlich die Industrienationen. Die Verpackungen sind mittlerweile so gut gemacht, dass selbst Experten betrogener Firmen Mühe haben, die Fälschung zu erkennen.

Die Redaktion empfiehlt