1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Das Gedächtnis der Kommission: Jocelyne Collonval

Verstaubte Bücher? Dunkle Keller? Von wegen! Der Job der Archivarin in den Historischen Archiven der EU-Kommission bedeutet für Jocelyne Collonval vor allem: Außenstehenden die EU-Arbeitsabläufe erklären. Immer wieder.

Archivarin Jocelyne Collonval und Kollegin im Lesesaal der Historischen Archive der EU-Kommission in Brüssel (Foto: Nina Haase)

In gelben Kisten erreichen Dokumente die Historischen Archive (Foto: Nina Haase)

Was die Politik nicht mehr braucht, kommt in die Kiste

"Anders als viele denken, halten sich Archivare nicht ständig in einem Keller mit Spinnennetzen umgeben von alten Papieren auf", sagt Jocelyne Collonval mit einem verschmitzten Lächeln. Die Augen der kleinen Belgierin leuchten, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. Sie hat ihre ganz eigene Vorstellung davon, was gute Archivare ausmacht.

"Das Internet erstickt die Information"

Es reiche heute nicht mehr, den Menschen Zugang zu Dokumenten zu verschaffen. "Man muss auch erklären, wie man sucht, wo man sucht, warum man etwas hier und nicht woanders findet." Besonders durch das Internet sei die Informationsfülle gewachsen, "aber es erstickt die Information auch."

Gemeinsam mit ihren Kollegen vom Historischen Archiv der Europäischen Kommission empfängt Jocelyne Collonval die Forscher im Lesesaal, der Anlaufstelle für alle, die in alten Dokumenten der EU-Kommission nachschlagen wollen: Wissenschaftler, Journalisten, Geschäftsleute und EU-Berater.

130 Kilometer Dokumentenschränke

Computerbildschirm im Lesesaal mit Mikrofilm-Kopie eines Kommissions-Dokuments (Foto: Nina Haase)

Heute Mikrofilm, morgen digital: die Dokumente sollen leichter zugänglich werden

In einem Nebenraum befreien zwei Mitarbeiter in mühsamer Handarbeit alle Dokumente, die neu ins Archiv kommen, von allen Metallteilen, damit auf dem alten Papier keine Roststellen zurückbleiben.

Dann werden Mikrofilm-Kopien angefertigt, und die Originaldokumente werden in zwei Lager am Rande von Brüssel und Luxemburg überführt. Das Gedächtnis der Kommission ist groß –die Aktenschränke in diesen beiden Lagern reihen sich hier auf einer Strecke von insgesamt über 130 Kilometern aneinander.

Für das Archiv der EU-Kommission interessieren sich Forscher aus der ganzen Welt. Jocelyne Collonval bemüht sich, alle Anfragen zu beantworten, die bei ihr eingehen. Oft heißt das, dass sie einfach den richtigen Ansprechpartner herausfinden muss, der auf der Suche nach einem Dokument behilflich sein kann. Denn die Europäische Union ist von außen unübersichtlich.

Die Archivarin als Starthilfe in die EU

Archivarin Jocelyne Collonval vor ihrer Bürotür (Foto: Nina Haase)

Hat bisher noch jede Anfrage beantwortet: Archivarin Jocelyne Collonval

Jocelyne Collonval erhält immer wieder Anfragen, die anderen Archivdiensten gelten, wie zum Beispiel dem des Europarats in Straßburg, der nicht zu den EU-Institutionen gehört. "Die Leute brauchen manchmal einfach Starthilfe." Sie zuckt mit den Schultern.

Jocelyne Collonval wird aber nicht müde, ihren Anrufern immer wieder geduldig den Aufbau der EU zu erklären. Sie tut das je nachdem in ihrer Muttersprache Französisch, oder auch auf Englisch oder Niederländisch. Die Wallonin hat Geschichte studiert und ist nach eigenen Angaben überzeugte Europäerin.

Beruflich hat sie sich selbst viel mit den Folgen des Ersten Weltkriegs und der Zeit danach beschäftigt, wo die Geschichte auch einen ganz anderen Lauf hätte nehmen können. "In der Zeit war alles möglich, aber es war eben auch das Schlimmste möglich", sagt sie nachdenklich. Die Fähigkeit der europäischen Länder, gemeinsam das große Projekt der Versöhnung anzugehen, fasziniere sie.

Nach 30 Jahren wird jedes Dokument öffentlich

Kopie eines Dokuments mit der Unterschrift von Walter Hallstein, dem früheren Kommissionspräsident der EU (Foto: Nina Haase)

Die Originaldokumente landen in Florenz, einsehen kann man sie aber auch in Brüssel.

Die wichtigen Verträge der EU und all ihrer Institutionen werden im Hauptsitz der Archive in Florenz gelagert. In die Historischen Archive in Brüssel gelangt jedes andere Dokument der EU-Kommission, das im politischen Alltag nicht mehr relevant ist. Dokumente, die älter sind als 30 Jahre, werden dann für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Jocelyne Collonval schätzt an ihrer Arbeit die große inhaltliche Abwechslung. In ihrer Freizeit braucht sie aber einen Ausgleich. Sie arbeitet dann viel im Garten, weil sie da sofort das Resultat ihrer Arbeit sehe.

"Zurückblicken hilft für den Blick nach vorne"

Archivarin Jocelyne Collonval zwischen Aktenschränken im Lesesaal (Foto: Nina Haase)

Im Lesesaal der Historischen Archive werden nur Kopien von EU-Dokumenten aufbewahrt

Ihre eigene Arbeit vergleicht Jocelyne Collonval mit dem europäischen Integrationsprozess – über weite Strecken ist es ein langer mühseliger Weg, der nur in winzigen Schritten zu bewältigen ist. Doch die EU brauche ihre Archive, ist sie sich sicher: "Die Institution muss sich darüber klar sein, dass sie bei ihren Entscheidungsprozessen für die Zukunft auch immer von ihrer Vergangenheit lebt. Manchmal muss sie einfach nach hinten blicken.“

Jocelyne Collonval schaut trotzdem selber am liebsten in die Zukunft. Sie möchte die Historischen Archive gerne moderner gestalten. Sie hat auch schon angefangen. In diesen Wochen werden die ersten wichtigen Reden des früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors für alle zugänglich sein. Und das nicht mehr als Mikrofilm, sondern als PDF-Dokument. Im Internet.

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema