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Politik

Das Fischen der Anderen

Wer zu Ostern Fisch kauft, merkt es: Immer mehr Arten werden importiert, weil Europas Gewässer überfischt sind. Die EU untersucht deshalb, wie sie von der Fischereipolitik in anderen Weltregionen lernen kann.

Kabeljau, Quelle: AP

Ciao Kabeljau: Staaten außerhalb Europas managen ihre Fischbestände besser als die EU

Osterzeit ist Flossenzeit. 42,5 Prozent der Deutschen essen am Karfreitag Fisch, wie das Magazin "Living at Home" gerade in einer Umfrage herausgefunden hat. Beim Einkauf gerät der Kunde ins Staunen: Pangasius-Filet aus Vietnam, Viktoriabarsch aus Tansania, Hoki-Streifen aus Neuseeland – in den Auslagen liegen immer mehr exotische Arten, die aus Übersee importiert werden. Denn die europäischen Meere sind überfischt und geben nicht mehr genug für den heimischen Markt her. Ein Grund dafür ist die EU-Fischereipolitik. Seit Jahren versucht Brüssel, das System zu reformieren. Doch die EU-Kommission scheitert meist am Widerstand großer Fischnationen wie Spanien und Portugal. Sie kassieren weiter Subventionen statt ihre übergroßen Flotten zu verkleinern. "Wir sind in einer Abwärtsspirale. Reformen sind dringend notwendig", sagt Christopher Zimmermann, EU-Experte der Bundesforschungsanstalt für Fischerei.

Sinnlose Verschwendung

Fischerboote

Aufgebläht: Die EU-Flotte ist deutlich zu groß, die Kommission will sie verkleinern

Ein großes Problem ist der Beifang: In EU-Gewässern dürfen zufällig ins Netz gegangene Arten nicht an Land gebracht werden. Schätzungsweise 30 Prozent aller gefangenen Fische werden deshalb zurückgeworfen und sterben. Ein Beispiel: Bis zu Dreiviertel der Beute von Seezungenfischern sind Schollen, die beliebte Speisefische sind, aber dennoch oft wieder über Bord gehen. Entweder ist die erlaubte Schollen-Quote erfüllt, oder der Laderaum wird freigehalten für die wertvollere Seezunge. Aus solchen Gründen werden in Europa jährlich Tausende Tonnen Edelfisch als Abfall über Bord gekippt.

"Die Situation ist unhaltbar", sagt Zimmermann. Diese Erkenntnis nimmt offenbar auch in Brüssel zu: Im Auftrag der EU-Kommission untersuchen Forscher im Projekt "Cevis" unter anderem, wie Nationen und Regionen außerhalb der EU ihre Fischbestände bewirtschaften. Die Ergebnisse sollen Grundlage für neue Reformen sein. "Wir hoffen, dass Cevis einen Beitrag dazu leistet, die europäische Fischerei nachhaltiger zu gestalten", sagt Miriam Dross, die für das Öko-Institut im Projekt mitarbeitet.

Strenge Strafen in Norwegen

Als vorbildlich gilt das Management etwa in Norwegen und Island, wo das Beifang-Problem weitgehend gelöst ist. Alle Fische müssen an Land gebracht werden. Versehentlich gefangene Arten werden verkauft und auf die Quoten angerechnet, aus zu kleinen Exemplaren wird Fischmehl. Kommt in Norwegen ein Kutter ohne jeglichen Beifang in den Hafen, drohen Strafen, die bedeutend höher sind als die EU-Bußgelder. Forscher fordern schon länger, dieses System auf die EU zu übertragen.

Lohnend ist auch der Blick nach Alaska, wo Franziska Wolff vom Öko-Institut für das Cevis-Projekt unterwegs war. "Das regionale Fischereimanagement dort gilt international als besonders nachhaltig", sagt sie. Dies liege vor allem an der Rolle der Wissenschaft, die der Politik die Quoten vorschreibe. Island arbeitet mit einem ähnlichen System. In Europa empfiehlt der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) der EU Fangquoten, die nicht verbindlich sind. Nicht selten erhöht der Ministerrat die Obergrenzen, statt sie, wie vom ICES vorgeschlagen, zu senken. Bekanntes Beispiel für diesen paradoxen Mechanismus ist die Kabeljaufischerei – die in Europa auch deswegen am Boden liegt.

Ohne Akzeptanz kein Erfolg

Greenpeace mauert Rat zu, Quelle: dpa

Im Dezember mauerte Greenpeace aus Protest gegen die EU-Fischereipolitik den Brüsseler Ministerrat zu

"Fischereipolitik muss von den Fischern akzeptiert werden", sagt Wolff. Nur dann habe sie Erfolg. In der EU gibt es hier große Probleme: Verstöße sind an der Tagesordnung, zwei Drittel der Vertragsverletzungsverfahren am Europäischen Gerichtshof sind Fischerei-Fälle. Größere Akzeptanz gibt es in Neuseeland und Kanada, wo Fischereipolitik basisdemokratisch geschieht: An runden Tischen werden Konflikte gelöst, bevor sie zum öffentlichen Streitthema werden. Die EU testet bereits solche regionalen Gesprächskreise. Der Erfolg ist nach Einschätzungen von Wissenschaftlern aber mäßig. Zu zerstritten sind Fischer, Umweltschützer und Industrie, um schnell eine gemeinsame Basis finden zu können.

Der EU-Reformprozess ist langwierig. "Und nicht alles kann einfach so auf Europa übertragen werden", sagt Wolff. Dennoch sind Hoffnungen nicht unberechtigt, dass Lernprozesse zum Erfolg führen: In der EU kommt immer mehr nachhaltig gefangener Fisch in die Geschäfte. In Deutschland haben selbst Discounter ihr Sortiment umgestellt, wie eine Greenpeace-Studie vom Dezember 2007 zeigt. Der niederländische Einzelhandel hat den Trend nun zum Anlass genommen, ab 2011 nur noch Fisch anzubieten, der mit dem MSC-Siegel zertifiziert ist. Das Siegel des Marine Stewardship Council garantiert eine jährlich kontrollierte Fischerei mit umweltverträglichen Fangmethoden. In Deutschland liegt der Marktanteil von MSC-Produkten nach Schätzungen des WWF bereits bei zehn Prozent.

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