1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Das Fernsehverhalten der Deutschen

Früher saß man gemeinsam vor dem Fernseher. Heute zappt sich jeder durch die Programme, die meist über Kabel oder Satellit ins Haus kommen. Ob Sitcom, Soap Opera oder Tatort: Jeder wählt sein Programm selbst.

O-Ton:

"Willkommen in unserer Bruderschaft. Du legst deinen Namen ab und heißt von jetzt an Bruder Bobkovitz."

Sprecherin:

Alle Fernsehprogramme sind für den einzelnen kaum noch zu überblicken. Via Kabel oder Satellit kann man zahlreiche Programme in deutscher Sprache empfangen. Deshalb hat sich ein Zuschauertyp entwickelt, der sich einfach vor den Fernseher setzt und durch Umschalten sein Programm auswählt. Diese Zapper sind auch dem Medienwissenschaftler Oskar Stodiek bestens bekannt:

Oskar Stodiek:

"Viele Filme und viele Serien oder viele Produkte eben, die fürs Fernsehen produziert werden, werden gegen Zapper produziert erst mal. Das zeigt schon im Grunde genommen, dass man in Amerika keine Einstellung sehr lange haben kann. Da muss alle drei bis vier Minuten muss da sozusagen die Kamera einen anderen Blickwinkel haben, wenn man das so ausdrücken möchte, damit die Leute überhaupt noch zugucken. Also ich denke, dass man alles tut im Prinzip, um die Leute davorzuhalten. Und ich will vielleicht noch mal was zu den Begriffen sagen: Zapping war ja primär erst mal als Begriff so gemeint, dass Leute rausgehen, wenn Werbung kommt. Die Leute, die Switching gemacht haben, waren die Leute, die, was weiß ich, hin- und hergegangen sind, unabhängig von Werbung."

Sprecher:

Die guten alten Zeiten, als man noch mit der Programmzeitschrift in der Hand vor dem Einschalten überlegte, ob und was man schauen möchte, sind vorbei. Die Deutschen sind eine Nation von Zappern geworden, und der Begriff Zapping oder Zappen ist auch derjenige, der sich in der deutschen Sprache durchgesetzt hat. Zapper sind diejenigen, die mit der Fernbedienung in der Hand ständig hin- und herschalten, sobald ihnen ein Programm nicht mehr gefällt oder wenn Werbung kommt. Das Channel zapping hat sich übrigens aus einer amerikanischen Redewendung entwickelt, ursprünglich hieß zapping jemanden fertigmachen. Und das trifft ja auch den Sachverhalt. Wenn nämlich eine Sendung weniger Zuschauer hat, die Einschaltquoten fallen, dann wird es sie vermutlich nicht mehr lange geben. Die Einschaltquote, kurz auch Quote genannt, gibt die statistisch ermittelten Zuschauerzahlen für eine bestimmte Sendung an. Diese Zahlen werden aktuell jeden Tag neu ermittelt.

Sprecherin:

Immer beliebter werden auch die Programmideen, die man aus den Vereinigten Staaten importiert hat. Talk-Shows und Serien mit Spielhandlung sowie zahlreiche Quiz-Sendungen und Unterhaltungsprogramme kennt man aus dem US-Fernsehen. Die Talk-Shows, Gesprächssendungen zu den unterschiedlichsten Themen, laufen auch in Deutschland den ganzen Tag. Eine der meist gesehensten Sendungen ist aber noch immer die Tagesschau, die Nachrichten abends um acht Uhr im ersten Programm. Ältere Leute bestehen auch heute noch darauf, dass man um acht Uhr niemanden anrufen kann, denn dann werden ja Nachrichten geschaut. Die großen Programme, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat organisiert, sind sogenannte Vollprogramme. Sie heißen so, weil sie von allem etwas zeigen, Unterhaltung und Information, Filme und Shows. Und natürlich die täglichen Serien, die man entweder lieben oder hassen muss:

O-Töne:

"Also ich guck keine, weil ich find die Schauspieler immer grottenschlecht. Ich kann das auch nicht ertragen, wenn die irgendwie so sprechen und die Dialoge für mich auch total daneben. Und mich langweilt das ziemlich schnell, und meistens zappe ich dann irgendwie weiter. / Also ich bin ein absoluter Sitcom- und Soap-Fan. Also ich gucke gern Marienhof – natürlich ganz weit vorne – und, aber auch Star Trek, also alles, was so regelmäßig kommt."

Sprecher:

Machart und Qualität der täglich laufenden Serien sind, weil ja jeden Tag eine neue Folge ausgestrahlt wird, eher bescheiden. Die sogenannten Soap Operas, kurz auch nur Soaps genannt, heißen so, weil sie ursprünglich das Werbeprogramm attraktiver machen sollten. Die Liebesgeschichten zwischen Seifen- und Waschmittelwerbung nannte man in Amerika und später auch in Deutschland Seifenopern. Sitcom ist ein Ausdruck für die typisch amerikanisch gemachten Serien mit den künstlichen Lachern nach der Pointe. Diana ist ein absoluter Fan von Soaps. Ulrike hingegen findet diese Spielserien grottenschlecht, man könnte auch sagen unterirdisch schlecht, denn die Grotte, die Höhle, ist ein Symbol für das tiefe Niveau. Auch im Englischen sagt man very grotty, wenn etwas überhaupt nicht gefällt.

Sprecherin:

Ein echter Klassiker ist die wöchentliche Serie Lindenstraße. Immer sonntags kommen die Geschichten um die Bewohner eines Mietshauses in München. Jeder kennt die Arztpraxis und das griechische Lokal. Die Lindenstraße hat so viele treue Anhänger wie kaum eine andere Serie. Sie wird von jung und alt gesehen. Und für die Verehrung gibt es ganz unterschiedliche Gründe, wie Wolfgang und Kathrin, zwei eingeschworene Lindenstraße-Fans meinen:

O-Töne:

"Also ich bin seit der ersten Folge dabei und schaue die sehr gerne, weil einmal aktuelle Themen natürlich da irgendwie besprochen werden, und zum anderen ist es glaube ich auch so, was mich daran hält, dass ich mit den Darstellern so ein bisschen aufgewachsen bin. Und von daher freue ich mich immer wieder jeden Sonntag zu sehen, was nun aus meinen kleinen Freunden und fast Familienmitgliedern geworden ist. / Also für mich ist das 'ne Satiresendung, was die meisten wahrscheinlich gar nicht mitgekriegt haben. Da sind so viele böse Anspielungen. Also, oder auch so völlig surreale Situationen. Oder wenn die Tatortkommissare auf einmal vor der Tür stehen und den kommenden Tatort ankündigen, dat ist für mich so'ne Satire, wo meine Mutter sagt, dat war ja vielleicht ein Blödsinn. Da könnt ich mich ausschütten vor Lachen."

Sprecher:

Der Tatort ist eine Krimi-Serie, und wenn solche bekannten Fernsehsendungen in anderen Sendungen als Zitat auftauchen, dann findet das Wolfgang komisch und könnte sich deshalb ausschütten vor Lachen – was seine Mutter überhaupt nicht versteht. Sich ausschütten heißt in diesem Fall, dass es wie beim Ausschütten einer Flüssigkeit aus einem Gefäß mit voller Wucht und Gewalt aus einem herausbricht, man laut und lange lachen kann.

Sprecherin:

Viele Leute benutzen das Fernsehen, um nach der Arbeit abzuschalten, den Alltag zu vergessen und sich auf den Feierabend einzustimmen. Fernsehen hat damit eine Funktion bekommen, die weit über den offensichtlichen Nutzen hinausgeht. Man schaut nicht nur zur Information und Unterhaltung – das Fernsehen hat auch einen festen Platz im Tagesablauf. Während der Fernseher läuft, geht es mehr darum, die Arbeit zu vergessen, als wirklich neue Inhalte aufzunehmen. Viele wissen am nächsten Tag schon nicht mehr, was sie gesehen haben, und dass das Fernsehen auch süchtig macht, bestreitet eigentlich niemand. Leicht wird man zum Vielseher, wie die Forschung diesen Typ Zuschauer nennt. Manchmal rechnet sich auch Matthias zu ihnen – und das nicht gerade gerne.

O-Ton:

"Ich schäme mich regelmäßig morgens um drei, wenn ich die Kiste dann unter größter Anstrengung ausmache, dass ich wieder so lange geguckt habe. Ansonsten, denke ich, macht es eigentlich jeder. Also es kann mir keiner erzählen, dass nicht irgendeiner nach Hause kommt, sich vor die Kiste hockt und erstmal so eine Stunde beduseln lässt."

Sprecher:

Die Kiste ausmachen heißt nichts anderes, als den Fernsehen ausschalten. Kiste oder Glotze sagt man zum Fernsehapparat. Kiste wegen der Form, Glotze von glotzen, also weil man das Gerät anstarrt, mit immer gleichem, starren Blick darauf glotzt. Das kann mir keiner erzählen, ist eine Redensart, die man im Deutschen oft hört. Es heißt soviel wie, das glaube ich nicht, es ist sehr unwahrscheinlich, dass es stimmt. Es kann also durchaus jemand eine Geschichte erzählen, aber sie wird ihm nicht geglaubt. So meint auch Matthias, dass sich fast jeder nach der Arbeit erst einmal eine Stunde beduseln lässt, egal ob er das offen sagt oder nicht. Beduselt sein heißt soviel wie einfältig, etwas dumm. Es kann aber auch bedeuten, dass man ein bisschen betrunken ist, denn die ursprüngliche Bedeutung im Niederdeutschen war betäubt. Wenn jemand Dusel hat, heißt das soviel, wie der hat Glück gehabt, das sprichwörtliche Glück der Dummen und Betrunkenen. Sich beduseln lassen ist also negativ gemeint für die passive Art und Weise, wie man sich vom Fernseher in einen leicht rauschähnlichen Zustand befördern lässt. Und so läuft der Fernseher nicht selten nebenbei, um diese beduselnde Wirkung zu erzielen.

Hans-Bernd Brosius:

"Also in Deutschland nutzen nach den neuesten Umfragen etwa zwei Drittel der Menschen das Fernsehen regelmäßig, das heißt also jeden Tag, der Rest etwas seltener. Und wenn man das umrechnet auf die tägliche Nutzungsdauer, dann liegt die Nutzungsdauer bei etwas mehr als 3 Stunden im Durchschnitt. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass die Zuschauer nun diese drei Stunden wirklich konzentriert vor dem Fernseher sitzen und die Sendungen mit voller Aufmerksamkeit verfolgen, sondern viele sehen das auch nebenbei, sie bügeln nebenbei, telefonieren nebenbei, essen nebenbei. So wie das beim Radio schon lange der Fall ist, wird das Fernsehen auch in Deutschland stärker zu einem Nebenbei-Medium. Man macht also nebenher noch andere Dinge."

Sprecher:

Das Nebenbei-Medium ist ein Begriff der Kommunikationswissenschaftler, so nennt Professor Brosius von der Ludwig-Maximilian-Universität in München das Fernsehen zum Beduseln und Bügeln. Früher hatte der Fernseher eine ganz andere Funktion, die Quoten der einzelnen Sendungen waren wesentlich höher als heute: Der Kommuniaktionswissenschaftler Hans-Bernd Brosius erklärt die Veränderungen im Fernsehverhalten.

Hans-Bernd Brosius:

"Das Fernsehen war in seinen Anfängen ein typisches Familienereignis. Das heißt, das Fernsehen hat den Familienalltag strukturiert. Beispielsweise wurde nach dem Abendessen gemeinsam ferngesehen. Diese Struktur des gemeinsamen Sehens hat sich in den letzten Jahren etwas aufgeweicht. Das liegt daran, dass die meisten Haushalte über mehr als einen Fernseher verfügen und es nicht mehr der Zwang besteht, sich auf eine bestimmte Sendung zu einigen. Der Vatta schaut dann vor dem Hauptgerät Fußball und die Mutter geht dann ins Esszimmer und schaut da eine Familienserie oder sonstwas an. Es gibt natürlich noch Ausnahmesituationen wie zum Beispiel Fußballweltmeisterschaft, wenn dort die deutsche Fußballmannschaft spielt, dann schauen natürlich sehr viele Leute zu. Und wenn es dann ums Endspiel geht, dann wird das sicher ein Straßenfeger sein."

Sprecher:

Dass die Struktur des gemeinsamen Familienfernsehens sich aufgeweicht hat, soll heißen, dass die Struktur langsam, nach und nach, wie ein Stück Papier, das man in eine Flüssigkeit legt, seine Form verändert hat und leicht reißt. Heute gibt es mehrere Möglichkeiten, einzelne Strukturelemente wie Zuschauer und Fernsehverhalten zu kombinieren. Der Vatta zum Beispiel sieht alleine die Sportschau. Vatta für Vater sagt man in verschiedenen Ecken Deutschlands. Im Süden mit weichem d, also eher Vada. Und ein Straßenfeger ist in diesem Zusammenhang nicht jemand, der von Beruf die Straßen kehrt. Heute gibt es solche Straßenfeger kaum noch, aber früher waren die Straßen leer, wenn bestimmte Sendungen im Fernsehen kamen, weil alle diese eine Sendung sehen wollten.

Sprecherin:

Übrigens gibt es auch in Deutschland ein 24-Stunden-Programm. Nachts laufen oft Wiederholungen, zum Frühstücksfernsehen gibt es aktuelle Magazine, nachmittags Talk-Shows. Manche Leute haben deshalb beschlossen, das Fernsehen ganz abzuschaffen. Solange ein Fernsehapparat im Haus steht, schaffen es nur die wenigsten, nicht hinzuschauen. Wer aber den Fernseher konsequent aus seinem Blickfeld verbannt, hat mehr Zeit für andere Dinge.


Fragen zum Text

In der Umgangssprache heißt der Fernsehapparat nicht …

1. Glotze.

2. Kasten.

3. Soap-Gerät.

Schaltet jemand zwischen den Programmen hin und her, dann …

1. hüpft jemand hin und her.

2. betätigt jemand die Fernbedienung ohne Unterlass.

3. verknotet jemand die Finger.

Eine der ältesten Nachrichtensendungen in Deutschland ist …

1. Heute.

2. Tagesschau.

3. RTL Aktuell.

Arbeitsauftrag

Informieren Sie sich darüber, welche Rundfunk- und Fernsehsender es in Deutschland gibt. Erstellen Sie eine Liste, in denen Sie die Sender kurz charakterisieren. Zum Beispiel: Wann wurde der jeweilige Sender gegründet? Wo ist sein Hauptsitz? Wer ist die Zielgruppe? Welche Programme werden ausgestrahlt?

Autorin: Renate Heilmeier

Redaktion: Beatrice Warken

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads