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Kultur

Das Exotische ist überall

Die Staatlichen Museen zu Berlin sind um eine wesentliche Facette reicher: Nach zweieinhalbjähriger Gebäudesanierung wurde das Museum Europäischer Kulturen wiedereröffnet. Die Sammlung umfasst 275.000 Originalobjekte.

Papiertheater aus Deutschland (Foto: Museum Europäischer Kulturen)

Papiertheater aus Deutschland

In unmittelbarer Nachbarschaft zu den bestandsreichen Ethnologischen Museen in Dahlem, die einmal in das Humboldt-Forum in Berlin-Mitte übersiedeln sollen, will das Museum Europäischer Kulturen anhand überwiegend historischer Objekte einen zeitgemäßen Blick auf die europäischen Kulturen werfen.

Kein "Europa"-Museum

Souvenirtuch (Foto: Museum Europäischer Kulturen)

Souvenirtuch

Das Museum Europäischer Kulturen ging 1999 aus der Vereinigung des damals über 100-jährigen Museums für Volkskunde und der Europäischen Sammlung des Museums für Völkerkunde hervor. Beide Museen beherbergten Objekte vom 18. Jahrhundert an; der größte Bestand an Alltagsgegenständen stammt jedoch aus dem 19. Jahrhundert. Objekte der Gegenwart werden erst seit 20 Jahren gesammelt. Der neue Name "Museum Europäischer Kulturen" zeigt, wie sich der Blickwinkel bereits vor zwölf Jahren änderte. Angesichts der rasanten politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in der jüngsten Vergangenheit hat das Museum nun erneut seine Sichtweise überprüft, die Ausstellungsobjekte neu ausgewählt und die Präsentation dynamischer gestaltet.

Eines jedoch will das Museum Europäischer Kulturen auch heute nicht sein, stellt sein Direktor Konrad Vanja klar, nämlich ein "politisches Museum", ein "Europa-Museum". Konrad Vanja geht es nicht um eine vermeintliche Vereinheitlichung, das Museum Europäischer Kulturen soll vielmehr ein "Museum verschiedener Generationen, Religionen und Kulturen" sein: "Wir gehen immer davon aus, dass Menschen im Kontakt stehen, dass sie über Grenzen hinausgehen, dass sie gerade auch davon profitieren, was das Nachbarland oder die Nachbarregion eigentlich alles mit sich bringt."

Handel - Reisen - Medien - Migration

Der Vielzahl der europäischen Kulturen heute im Zeitalter der Mobilität und im Spannungsfeld zwischen Bewahren und Anpassen auf 700 Quadratmeter Ausstellungsfläche gerecht zu werden, ist keine geringe Herausforderung. Die Kuratorinnen Elisabeth Tietmeyer und Irene Ziehe stellten sich ihr trotzdem.

Venezianische Gondel, die um 1910 gebaut wurde (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen)

Eine venezianische Gondel im Original

Sie lassen die neue Dauerausstellung mit dem Titel "Kulturkontakte - Leben in Europa" mit "Venedig" beginnen, mit festlichen Roben und einer schwarzen Prachtgondel. Venedig als Sinnbild des ausgedehnten Handels und Reisens. Die systematisch aufgebaute Militärmacht, die jahrhundertelang den Mittelmeerraum beherrschte, wird hingegen nicht erwähnt. Venedig bildet den Auftakt des ersten Raumes, der mit "Handel - Reisen - Medien - Migration" überschrieben ist. Zu jedem der umfangreichen Themen soll hier etwas gesagt werden; doch aufgrund der beschränkten Ressourcen ist meist nur eine "emblematische" Präsentation möglich.

Werbefigur eines Döners aus Deutschland, 2003 (Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen)

Werbefigur eines Döners

So wird beispielsweise ein überdimensionierter Plastik-Döner-Spieß, der heute im Straßenbild für manchen türkischen Imbiss wirbt, ausgestellt - ein Zeichen sozusagen für die kulinarische "Migration". Veränderte Essgewohnheiten, so die Kuratorinnen, sind ein lebendiger Beweis dafür, dass sich Kulturen gegenseitig beeinflussen. Ein anderes, durchaus konfliktbeladenes Thema, ebenfalls verbunden mit "Migration", wird auf ähnliche Weise verkürzt dargestellt. Das Bedürfnis, sich der eigenen Identiät zu vergewissern, führe zu Abgrenzungen, analysiert Kuratorin Irene Ziehe. In Wirklichkeit verfügten viele Menschen jedoch inzwischen über mehrere Identitäten. Wiedergespiegelt wird dies am Beispiel eines auf Sardinien geborenen, nach Amerika ausgewanderten und mittlerweile in Deutschland lebenden Gastwirts, dessen Lebenserzählung der Besucher in einer Audioinstallation lauschen kann.

Kleidung als Zeichen von Identität

Eine Frauentracht von der griechischen Insel Karpathos (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen)

Eine Frauentrracht von der griechischen Insel Karpathos aus den 1980er-Jahren

Während der erste Raum im wieder eröffneten Museum Europäischer Kulturen etwas überambitioniert wirkt, sind die weiteren Räume auf gelungene Weise konzentriert gestaltet. In dem Raum, der sich mit "Identität" befasst, wird ausschließlich Kleidung ausgestellt. In den handwerklich hervorragend gearbeiteten traditionellen Trachten spiegeln sich lokale und regionale Identitäten wider. Nationale Identität hingegen - also Identität auf einer größeren Ebene - durch Kleidung zu versinnbildlichen, sei viel schwieriger, erläutert Kuratorin Irene Ziehe. Am nächsten kämen dem wohl die ausgestellten Trikots der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Und nun gar europäische Identität, ein noch größeres Gebiet umfassend und für viele ein zu abstrakter Begriff, wie Irene Ziehe meint, wie soll man die darstellen? Wo das Summieren von Alltagsgegenständen nicht ausreichen kann, um die komplexe Vielfalt zu versinnbildlichen, eröffnet die Kunst neue Möglichkeiten. Deshalb baten die Kuratorinnen den Berliner Mode-Künstler Stephan Hann, zwei Kleidungsensembles zu entwerfen, für "die Europäerin" und "den Europäer".

Hann verwendete dafür ausschließlich verschiende Recycling-Materialien. Im Schnitt sind die faszinierenden Kleidungsstücke an traditionelle Formen angelehnt, beim genaueren Hinsehen entdeckt man jedoch, dass die feingearbeiteten Blusenärmel der Frau aus Landkarten bestehen, die farbenfrohe Hose des Mannes aus internationalen Werbeplastiktüten, seine vornehme Hemdbrust gar aus einem Notenblatt der europäischen Hymne, die edlen Knöpfe sind Bierflaschenverschlüsse. Irene Ziehe resümiert: "In Anlehnung an historische Kleidungsstücke hat er etwas ganz Neues geschaffen, was eben durch diese Mixtur der verschiedenen regionalen Herkünfte der Gegenstände zu einem europäischen Gesamtbild als Anregung führt."

Adventskalender neben Ramadan-Kalender

Zum Thema Religion wurden Symbole aller europäischer Religionen in einer Vitrine zusammen ausgestellt: Kreuze der protestantischen, katholischen und orthodoxen Kirche neben einer jüdischen Kippa und einer muslimischen bildlichen Darstellung. Neben einem christlichen Adventskalender präsentiert sich ein Ramadan-Kalender - dieser hat jedoch statt der 24 Türchen 30 zum Aufmachen. Fazit: Die neue Dauerausstellung im Museum für Europäische Kulturen in Berlin - "Kulturkontakte - Leben in Europa" - ist sehenswert. Man sollte jedoch Zeit und Geduld mitbringen, um jedes einzelne Objekt zu betrachten und sich seine Geschichte erzählen zu lassen.

Autorin: Christiane Kort
Redaktion: Gudrun Stegen