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Fußball

Das erwartet die EM-Fans in der Ukraine

Kaputte Straßen und überteuerte Hotels: Bei der EM in der Ukraine werden ausländische Fans vielleicht auch manche böse Überraschung erleben. Immerhin - die Flughäfen und Stadien sind neu.

Sie hämmern und hämmern und hämmern. Ein Dutzend halbnackter Männer in orangefarbenen Westen und weißen Schutzhelmen verlegt in der glühend heißen Kiewer Sonne neue Pflastersteine auf dem Platz vor dem Olimpijskij-Stadion. Wenige Wochen vor Beginn der Fußball-EM in Polen und der Ukraine (ab 08.06.2012) sind  viele Bauarbeiten am wichtigsten Spielort in der ukrainischen Hautstadt noch nicht abgeschlossen. Am Prospekt Baschana, einer mehrspurigen innerstädtischen Autobahn Richtung Flughafen, wurde bis zuletzt neuer Asphalt aufgebracht.

"Es ist typisch für die ukrainische Politik, dass man alles auf den letzten Moment schiebt", sagt Eric Aigner, ein Restaurateur aus Deutschland, der seit über fünfzehn Jahren in der Ukraine lebt. Die Ukraine habe sich nicht genau überlegt, worauf sie sich mit der EM einlasse. "Ich habe das Gefühl, die Verantwortlichen haben sich gedacht, man baut die Stadien und die Flughäfen - und damit ist alles geregelt", sagt Aigner.

Schön verpackt, doch was steckt darin?

Die neue EM-Arena in Lwiw (Foto: dpa)

Die neue EM-Arena in Lwiw

Nicht einmal bei den neuen Stadien sei alles glatt gelaufen, kritisiert Olexander Popow, Chefredakteur des Online-Portals "Dynamo Kiew", das über den ukrainischen Fußball-Rekordmeister berichtet. Popow sieht der EM mit gemischten Gefühlen entgegen: "Ehrlich gesagt, ist mir ein bisschen bange." Vieles erinnere an eine "schöne Verpackung", bei der niemand wisse, was sich darin verstecke und ob darunter alles in Ordnung sei.

In allen vier EM-Austragungsorten in der Ukraine wurden neue Stadien gebaut. Zwei davon, das Stadion in der Hauptstadt Kiew und das im westukrainischen Lwiw, waren jedoch erst im Herbst 2011 mit mehrmonatiger Verspätung eröffnet worden. In Lwiw habe am Eröffnungstag das Dach gefehlt, erinnert sich der Sportjournalist Popow: "Als die ukrainische Mannschaft zum Training eintraf, haben die Bauarbeiter weiter Beton gegossen und Pflastersteine verlegt." Seine Gefühle von damals beschreibt er heute mit einem Wort: "Schrecklich!"

Beim Bau der beiden anderen Stadien in den ostukrainischen Industriemetropolen Charkiw und Donezk hat es solche Probleme nicht gegeben. In beiden Fällen haben reiche Unternehmer, die man in der Ukraine Oligarchen nennt, Stadien für eigene Fußballclubs finanziert. Die supermoderne "Donbass-Arena" könne sich sehen lassen, sagt Kneipenbesitzer Aigner, der in Donezk lebt: "Hut ab, ein Superstadion!"

Enge Straßen mit Schlaglöchern

Straßenbauarbeiten in der Ukraine (Foto: DW)

Straßenbauarbeiten in der Ukraine

Ähnlich wie bei den Stadien sieht es auch bei anderen Infrastrukturobjekten aus. Neue Flughäfen in Kiew, Charkiw, Donezk und Lwiw glänzen in Stahl und Beton. Doch die Straßen zwischen den mehrere hundert Kilometer voneinander entfernten Austragungsorten wurden nicht ausreichend erneuert, sagen Kritiker. Die Autostrecke zwischen Kiew und Donezk sei "katastrophal", meint Aigner. Er schimpft über Schlaglöcher auf der engen Straße, die oft nur zweispurig sei.

Wer statt mit dem Auto lieber mit der Bahn reist, muss längere Fahrzeiten einkalkulieren. Die noch aus sowjetischer Zeit stammenden Wagons wurden zwar renoviert, doch die Züge fuhren bis vor Kurzem mit einer Durchschnittgeschwindigkeit von 60 Kilometern die Stunde. Eine Fahrt von Kiew nach Donezk dauerte um die zehn Stunden. Erst im Mai 2012 wurden Schnellzüge in Betrieb genommen, die extra für die EM in Südkorea und Tschechien gekauft wurden. Doch auch diese neuen Züge werden nach Medienangaben kaum schneller als 120 Kilometer die Stunde fahren.

Hotelpreise wie in New York 

Das größte Problem der Fußball-EM in der Ukraine seien aber weder die langsamen Züge noch die löchrigen Straßen, sondern die Hotels, glauben Experten. Die Preise für Übernachtungen sind ins Unermessliche geklettert, so dass UEFA-Chef Michel Platini bereits über "Betrüger und Ganoven" im ukrainischen Hotelgewerbe geschimpft hat. Im Durchschnitt seien die Zimmerpreise für die Zeit der EM um das Drei- bis Siebenfache, in Einzelfällen um das Zehnfache gestiegen, teilt der ukrainische Hotelverband mit. Ein Einzelzimmer in einem Drei-Sterne-Hotel in einem der vier Austragungsorte koste rund 200 Euro pro Nacht, was etwa dem Niveau eines Vier-Sterne-Hotels in New York entspricht.

Viele Hotels sind neu, aber überteuert (Foto: DW)

Viele Hotels sind neu, aber überteuert

"Man kann sich nur darüber wundern, wie Hotelbesitzer und Manager davon ausgehen können, dass nach einer zehnfachen Preiserhöhung noch Gäste zu ihnen kommen", sagt Wassyl Jurtschyschyn vom Kiewer Rasumkow Zentrum für wirtschaftliche und politische Studien. Er erwartet eher das Gegenteil. "Viele Fans werden nicht für drei bis vier Tage kommen, was wünschenswert wäre, sondern nur für ein bis zwei Tage", prognostiziert Jurtschischin. Der Experte glaubt, dass einige Fans sogar nicht einmal übernachten und mit Chartermaschinen direkt nach dem Spiel nach Hause fliegen würden.

"Ukrainer sind improvisationsfähig"

Rund 3,5 Milliarden Euro hat die Ukraine die Vorbereitung der EM gekostet. Diese Summe nennt Staatspräsident Viktor Janukowitsch. Allein das Kiewer Stadion hat eine halbe Milliarde verschlungen. Dabei weiß niemand, wie viel Geld im Vorfeld der EM in dunklen Kanälen versunken sein könnte. "Ich denke, da gehören viel Schwarzgeld und Schmiergeld dazu", sagt der Restaurateur Erick Aigner.

Aigner findet, das Problem sei die "ukrainische Mentalität". Vieles werde "auf den letzten Drücker" erledigt. Der Restaurateur sieht die Gefahr, dass die ausländischen Touristen die EM als Chaos erleben werden. Doch es werde immerhin ein kreatives Chaos sein. "Die Chancen stehen 50 zu 50", sagt Aigner. "Man kann das hinkriegen - irgendwie. Das ist das Schöne an den Ukrainern, dass sie immer improvisationsfähig sind."

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