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Kultur

Das erste Blatt meines Kalenders

Das Jahr ist noch ganz frisch und alles mögliche kann passieren. Aber es gibt einen Satz aus der Bibel, die Jahreslosung für 2015. Renate Kirsch erzählt für die evangelische Kirche, was dieser Satz bedeuten kann.

Das Jahr 2015 ist noch taufrisch. So sieht auch mein Kalender aus. Das heißt, so ganz genau stimmt das nicht: Da stehen schon ein paar Daten und Termine drin. Ansonsten ist mein Kalender weiß wie frisch gefallener Schnee am Neujahrsmorgen. Doch bevor es mit dem Kalendarium losgeht, steht auf der ersten Seite ein Bibelvers gedruckt. Eine sogenannte Jahreslosung. Die gibt die Evangelische Kirche jedes Jahr neu heraus. Als Motto, als Überschrift über alle 365 Tage des laufenden Jahres. Der gute Stern, unter dem das Jahr 2015 stehen soll, der lautet:

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

Das hat der Apostel Paulus seiner Gemeinde in Rom geschrieben. Als Ermahnung oder als Ermutigung? Ich könnte mir denken, dass die Christen und Christinnen in Rom als Erstes die Ermahnung herausgehört haben. Denn es gab durchaus – wie in jeder Gemeinde – Anlass zu Auseinandersetzungen. In der Weltstadt Rom kamen die Christen aus ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen in die Gemeinde. Streitigkeiten und Abgrenzungen waren immer wieder zu erwarten. „Nehmt einander an, lasst andere und deren Meinung gelten, seid tolerant!“ - Das das wollte Paulus seiner Gemeinde in Rom eindrücklich sagen.

„Nehmt einander an.“ Das will ich wohl über alle meine Kalendertage schreiben. Und ich hoffe, es dann auch durchhalten zu können, wie so vieles andere, was ich mir vorgenommen habe. Es leuchtet mir doch ein, wie lebenswichtig es ist, dass wir fair und tolerant miteinander umgehen. Dass wir einander anhören und zuhören. Dass wir geduldig und wohlwollend einander annehmen. Und uns dabei permanent verheben.

„Nehmt einander an,“ schön und gut, wenn das so einfach wäre! Paulus wusste das auch. Darum schrieb er: Weil „Christus euch angenommen hat“, nur deshalb kann ich euch zumuten, zutrauen und ermahnen, einander anzunehmen. Ohne diese Ermutigung geht gar nichts. Gottes Liebe gibt uns das nötige Selbstbewusstsein, mit anderen Menschen zu leben. Ich muss mich nicht ständig neu erfinden und bestätigen. Ich bin Gottes geliebte Frau, Gottes geliebter Mann, Gottes geliebtes Kind. Vielleicht können Kinder das am ehesten begreifen, wenn wir ihnen im Abendlied singen „Gott, der Herr, rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen. Kennt auch dich und hat dich lieb.“ Ich glaube, geliebte Kinder streiten sich weniger oder streiten sich anders.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis vor Jahren in der Schule. Seit Tagen hatte ich beobachtet, wie eine Schülerin zänkisch war, ihre Banknachbarn heimlich piesackte und quälte. In der Pause nahm ich sie beiseite und fragte nach. „Geht es dir nicht gut?“ -“Doch, eigentlich doch. Aber ich habe schon manchmal so Wut auf die anderen.“ - „Warum?“ -“Weiß nicht,“ war ihre Antwort. „Sag mal,“ erwiderte ich, „kann es sein, dass du dich nicht leiden kannst? Dass du dich kein bisschen lieb hast?“ Da zuckte die Zwölf/Dreizehnjährige zusammen und sah mich mit verschreckten Augen an: „Aber das darf man doch gar nicht, sich selber lieben!“ Da habe ich ihr vom Doppelgebot der Liebe erzählt, das Jesus schon aus seiner jüdischen Tradition kannte:

Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen... und deinen Nächsten wie dich selbst.

Sie staunte und konnte das kaum glauben. Und wenn ich mich nicht getäuscht habe, war sie hinterher doch ein bisschen fröhlicher. Wer andere annehmen will, wie sie nun mal sind, der muss zuvor sich selber annehmen. Sich selber leiden können, sich selber aushalten, ja, sich selber lieben können. Das ist nicht immer leicht. Ja, das kann richtig schwer sein. Ich brauche wohl mehr als 365 Tage, um das einzuüben.

Vielleicht hilft es, wenn ich mir erlaube, die Jahreslosung für 2015 einfach umzustellen: So wie Christus dich, euch angenommen hat, so nehmt einander an zu Gottes Lob. Damit müsste es sich nun doch leben lassen all die Tage, die noch vor uns liegen.

Renate Kirsch

Renate Kirsch

Zur Autorin:
Renate Kirsch (Jahrgang 1937) lebt in Oberbayern, in Brannenburg am Inn. Sie ist in Duisburg geboren und studierte Germanistik sowie evangelische Theologie und war dann als Deutsch- und v.a. als Religionslehrerin am Gymnasium tätig. Von 1988 bis 1992 sprach Renate Kirsch in der ARD das »Wort zum Sonntag«. Seit vielen Jahren ist sie in der kirchlichen Rundfunkarbeit, in der Erwachsenenbildung und beim Weltgebetstag der Frauen (jedes Jahr am 1. Freitag im März) tätig. Renate Kirsch ist mit einem Pfarrer verheiratet und sie haben drei mittlerweile erwachsene Kinder.

Redaktionelle Verantwortung: Pfarrer Christian Engels

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