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Geschichte

Das Erbe des Ersten Weltkriegs in Lateinamerika

Der Erste Weltkrieg ist an Lateinamerika nicht spurlos vorbei gegangen: Er riss den Kontinent wirtschaftlich in die Tiefe, veränderte den Blick auf Europa - und verschaffte emanzipatorischen Bewegungen Aufwind.

An den Zeitschriftenständen in Buenos Aires gibt es Magazine en masse: aus dem Bereich Politik oder auch Automobil, nicht fehlen dürfen vor allem Hefte mit der beliebten Comic-Figur Mafalda. In gut sortierten Auslagen findet sich daneben auch eine Sammlung über den Ersten Weltkrieg. Das Thema nimmt im aktuellen Zeitgeschehen auf dem lateinamerikanischen Kontinent zwar keinen großen Raum ein - doch das Gedenken 100 Jahre nach dem Krieg, der von 1914 bis 1918 dauerte und rund 20 Millionen Todesopfer forderte, geht nicht gänzlich an Lateinamerika vorbei.

Auch zwischen Mexiko und Feuerland hat sich der Große Krieg seinerzeit bemerkbar gemacht. Die sichtbarsten Zeichen: Nachdem die USA in das Kriegsgeschehen in Europa eingegriffen hatten, erklärten einige lateinamerikanische Länder Deutschland den Krieg, darunter Bolivien, Panama, Kuba und Uruguay. Brasilien entsandte sogar Truppen aufs europäische Territorium; sie landeten allerdings erst, als bereits Waffenstillstand herrschte. Darüber hinaus gibt es vereinzelte Berührungspunkte - etwa ein Gefecht zwischen englischen und deutschen Marine-Einheiten im chilenischen Juan-Fernández-Archipel, in dessen Folge am 14. März 1915 das deutsche Schlachtschiff "Dresden" sank.

Vom Großen Krieg mit in die Tiefe gerissen

Zwei Jungen sammeln Kohlestücke im Ersten Weltkrieg (Foto: picture-alliance/dpa)

Jungen sammeln Kohlestücke

Jenseits solcher Vorfälle war Lateinamerika eher ein wirtschaftlicher Schauplatz: Der Kontinent diente teils als Kornkammer, vor allem als beständiger Rohstofflieferant für die Kriegsmaschinerie. "Zu Beginn des Krieges versuchten die Regierungen der lateinamerikanischen Länder, sich aus dem Brandherd herauszuhalten - alle reagierten auf die Nachrichten aus der 'Alten Welt' mit einer Neutralitätserklärung", sagt Stefan Rinke, Forscher an der Freien Universität Berlin. Den Grund dafür sieht er in der starken Bindung der lateinamerikanischen an die europäische Wirtschaft.

Die wirtschaftlichen Zusammenhänge hätten sich schließlich jedoch zur größten Herausforderung für die Neutralität der lateinamerikanischen Länder entwickelt, erklärt Rinke weiter: "Schon der Kriegsausbruch 1914 rief dort eine Panik hervor und ließ den Finanzsektor einbrechen. Durch die Inflation sanken die Reallöhne, und massive Arbeitslosigkeit führte zu extremen sozialen Spannungen." Eine längerfristige Konsequenz war Rinke zufolge der zunehmende Einfluss der USA auf die Länder in der südlichen Hemisphäre: "Die Vereinigten Staaten wurden für viele Länder zum wichtigsten Handelspartner."

Zu ähnlichen Einschätzungen gelangt Victor Tapia, Autor einer Studie über die Auswirkung des Ersten Weltkriegs auf die chilenische Wirtschaft. "Der Krieg beendete eine wichtige Phase wirtschaftlichen Wachstums und vertiefter Handelsbeziehungen auf weltweitem Niveau", so der Historiker. Die enge wirtschaftliche Verbindung mit den Kriegsnationen habe die lateinamerikanischen Volkswirtschaften mit in die Tiefe gerissen - in Richtung dramatischer Defizite.

Bewusstsein für weltweite Abhängigkeiten

Soldaten an der Ostfront im 1. Weltkrieg (Foto: AP-Photo)

1916: an der Ostfront

Auf dem lateinamerikanischen Kontinent rief der Krieg ein verstärktes Bewusstsein über die Abhängigkeit von Europa wach - das zeigt zum Beispiel ein Artikel, der am 1. August 1914 in der chilenischen Tageszeitung "El Mercurio de Valparaíso" erschien: "Mit der Erschütterung Europas wird auch das Schicksal unserer Nation, das aufs Engste mit dem europäischen Kontinent verbunden ist, hart getroffen werden. Ohne die Erträge aus dem Salpeter-Export könnten wir nicht fortbestehen - ihre Beschränkung würde die Handlungsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft und der öffentlichen Verwaltung beschränken."

In eine ähnliche Richtung weise der Großteil der Presse-Reaktionen in Lateinamerika, die auf die Nachricht des Kriegsausbruchs in Europa folgten, hat der Historiker Stefan Rinke beobachtet: "In den großen Zeitungen wurden die Ereignisse mit dramatischen Metaphern kommentiert. Die Journalisten sprachen von einer 'großen Katastrophe der Menschheitsgeschichte', die die Welt in eine Krise mit bislang unbekanntem Ausmaß stürzen würde."

Das Bild von Europa wandelt sich

Im Verlauf des Krieges ergriffen viele lateinamerikanische Länder schließlich Partei: Acht schlossen sich den Alliierten an und erklärten den Mittelmächten (Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und Osmanischem Reich) den Krieg. Fünf Länder brachen die diplomatischen Beziehungen zu den Mittelmächten ab. "Das führte dazu, dass viele deutsche Bürger in Lateinamerika festgenommen wurden und man ihr Eigentum konfiszierte. Darüber hinaus brachten die Kriegserklärungen eine neue Dimension in die Beziehungen zwischen den beiden Kontinenten", sagt Stefan Rinke.

In Lateinamerika habe sich durch den Ersten Weltkrieg der Blick auf Europa verändert: Die "Alte Welt" erschien mit einem Mal zermürbt, heruntergekommen - und als ein Ort, der von der Zivilisation zurück in die Barbarei gefallen war. Dieses negative Image nutzten laut Rinke die unterschiedlichsten Bewegungen in Lateinamerika für ihren Kampf der Abgrenzung von den Großmächten: nationalistische ebenso wie revolutionäre Bewegungen, Indigene ebenso wie Gewerkschaften oder Studenten

"Diese Bewegungen sahen sich als Repräsentanten einer neuen Zeit, der Moderne - als Gegenpol zum 'Alten Europa' und damit auch zur alten Oligarchie in ihren eigenen Ländern", so lautet Stefan Rinkes Resümée über die langfristigen Folgen des Ersten Weltkriegs für Lateinamerika. Der Historiker sieht darin einen Bewusstseinswandel, der auf dem Kontinent bis heute nachwirkt.

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