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Europa

Das Erbe der Magna Carta

Vor 800 Jahren wurde in England die Magna Carta unterzeichnet. Sie gilt als Meilenstein der Demokratiegeschichte und ist ein Grund dafür, dass Großbritannien bis heute keine geschriebene Verfassung hat.

Es geschah in den Auenlandschaften von Runnymede der englischen Grafschaft Surrey: Am 15. Juni 1215 musste der englische König "Johann Ohneland" dem Druck der Adligen nachgeben. Er unterzeichnete mit der Magna Carta ein Dokument, das ihm von den Baronen, die gegen seine Herrschaft rebelliert hatten, gewaltsam aufgezwungen war.

Die Magna Carta Libertatum (lateinisch für "Große Urkunde der Freiheiten") war ein Friedensvertrag, der nicht lange halten sollte, aber dessen Wirkung noch Jahrhunderte später spürbar ist. Fortan würde der König nicht von "Gottes Gnaden" herrschen, sondern musste sich um einen Interessenausgleich mit den Adligen und später dem Volk bemühen.

Queen Elizabeth II. und Prinz Philip in einer Kutsche (Foto: Reuters)

Die Machtkämpfe haben ihre Vorgänger ausgefochten: Queen Elizabeth II. und Prinz Philip

Die Vereinbarung besteht aus einer Sammlung von Rechtssätzen, deren Inhalt später vielen Dokumenten als Vorbild diente - vor allem der Verfassung der USA, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Europäischen Menschenrechtskonvention. Von dem Originaldokument existieren 800 Jahre nach seiner Unterzeichnung weltweit nur noch vier Kopien.

Ungeschriebene Verfassung

Obwohl die Magna Carta bis heute als Gründungsdokument der modernen Demokratie, als Grundstein des angelsächsischen Rechtssystems und als Meilenstein gegen Willkürherrschaft gilt, zählt Großbritannien zu den drei großen Demokratien, die bis in die Gegenwart über keine geschriebene Verfassung verfügen - zusammen mit Israel und Neuseeland. Das Vereinigte Königreich, gebildet von England, Schottland, Wales und Nordirland, verfügt lediglich über eine ungeschriebene Verfassung, die sich aus einem Flickenteppich historischer Konventionen, Parlamentsgesetzen und Vertragsverpflichtungen, wie sie sich zum Beispiel aus der EU-Mitgliedschaft ergeben, zusammensetzen.

Von den ursprünglich 63 Klauseln der Magna Carta sind heute in England und Wales lediglich noch drei Vorschriften in Kraft: das Recht auf Gerechtigkeit und ein faires Verfahren, die Freiheit der Kirche und die historischen Freiheiten der "City of London".

Emm Johnstone (Foto: privat/DW)

Emm Johnstone, Professorin am Royal Holloway College

Dennoch sei das 800 Jahre alte Dokument weiterhin bedeutsam für die Gegenwart, glaubt die Historikerin Emm Johnstone, die am Londoner Royal Holloway College über die Magna Carta forscht. Das gelte vor allem für die Themen Unabhängigkeit und Freiheitsrechte. "Die Magna Carta ist besonders relevant, wenn es um Fragen der nationalen Sicherheit geht", so Johnstone im DW-Interview. "Ist es ohne Angaben von Gründen zulässig, einen mutmaßlichen Terroristen unter Hausarrest zu stellen oder zu inhaftieren? In Kriegszeiten ist das in Ordnung, aber in Friedenszeiten ist das nicht zulässig."

Sowohl die Europäische Menschenrechtskonvention als auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beziehen sich bewusst auf die Magna Carta. Sollte sich Großbritannien aus der Menschenrechtskonvention zurückziehen, so Johnstone, würde die Magna Carta die Grundlage für ein Dokument, das dann die Menschenrechte im Land sichert.

Lücken in der Geschichte

Die Bedeutung der Magna Carta für die Gegenwart ist vielen Briten nicht bewusst. Als US-Talkmaster David Lettermann vor drei Jahren Premierminister David Cameron nach der englischen Übersetzung des Wortes "Magna Carta" fragte, hatte der Politiker keine Erklärung parat.

Die Wissenslücke im Volk dürfte mit den Lehrplänen an britischen Schulen zusammenhängen, die das Zeitalter der normannischen Herrschaft weitgehend ausblenden. "Wir haben einen großen Reichtum an Geschichte, über den wir reden können. Doch die Herrschaft der Plantagenets und der Normannen ist so weit von uns entfernt, dass es die Tendenz gibt, sich auf andere Epochen zu konzentrieren", erklärt Johnstone.

Die Historikerin glaubt, dass diese Lücke geschlossen werden kann, indem man die historischen Dokumente mit aktuellen Debatten wie der Online-Überwachung verknüpft. "Die jungen Leute werden dann darüber nachdenken, was diese Freiheiten heute noch bedeuten."

Zeit für eine geschriebene Verfassung?

David Cameron nach dem Wahlsieg 2015 (Foto: Getty)

Regiert lieber ohne geschriebene Verfassung: Premierminister David Cameron

Die Idee, Großbritannien nach vielen Jahrhunderten endlich eine geschriebene Verfassung zu geben, wird in der britischen Politik nicht aktiv verfolgt. Womöglich, weil damit noch mehr Probleme für den Vierländer-Bund geschaffen würden, analysiert Victoria Honeyman, Politikwissenschaftlerin an der Universität von Leeds in Nordengland.

Die Schotten, die im September 2014 in einem Referendum über die Unabhängigkeit abgestimmt haben, könnten dann eine eigene Verfassung verlangen, zumal sie bereits über ein eigenes Rechtssystem verfügen und aus Edinburgh regiert werden. Ähnliches würde wohl auch für Nordirland und Wales gelten.

Die Flexibilität einer ungeschriebenen Verfassung, so Honeymann, habe Großbritannien ermöglicht, die Grundsätze anzupassen und weiterzuentwickeln, wann immer es notwendig erschien. "Eine geschriebene Verfassung wäre bindend und damit automatisch weniger benutzerfreundlich", fürchtet die Professorin. "Die andere Alternative wäre, eine sehr lockere Verfassung zu entwerfen, wo sich dann automatisch die Frage stellen würde, ob sie das Papier, auf dem sie gedruckt ist, wert wäre."

Wendepunkt auf dem Weg zur Freiheit

Im historischen Rückblick waren die meisten Verfassungen der Abschluss politischer Umwälzungen, von Kriegen oder Revolutionen. In der derzeitigen Lage des Vereinigten Königreichs wäre der Entwurf einer Verfassung aber wohl vor allem eine verwaltungstechnische Angelegenheit. Wer aber könnte im Jahr 2015 so etwas leisten?

In Frankreich war Charles de Gaulle die treibende Kraft hinter der Verfassung der Fünften Republik, die von Premierminister Michel Debré verfasst wurde. Die US-Verfassung ist mit historischen Persönlichkeiten wie George Washington, Benjamin Franklin und James Madison verbunden. "Wenn man an Persönlichkeiten denkt, die schriftliche Verfassungen durchgesetzt haben, waren das häufig Kriegsführer", so Honeyman im DW-Gespräch. "In Großbritannien befinden wir uns derzeit in einer völlig anderen Situation, und da gibt es wirklich niemanden, der mir für diese Aufgabe in den Sinn kommt."

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