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Amerika

Das Erbe der brasilianischen Sklaven

Am 13. Mai 1888 wurde in Brasilien die Sklaverei verboten. Doch die Geschichte geht weiter. Die Nachkommen der einst Entrechteten kämpfen um ihr Land. Die Besitzurkunde dafür haben sie schon.

In Brasilien nennt man sie Quilombolas. Sie sind die Nachfahren afrikanischer Sklaven, die während der portugiesischen Kolonialzeit ins Land verschleppt wurden. Seit vielen Jahren tobt ein Streit um ihr Erbe und ihr in der Verfassung verankertes Recht darauf: Seit 1988 steht den Quilombos, so heißen die Gemeinschaften der Quilombolas, eine Besitzurkunde ihrer Ländereien zu.

Dennoch verfügen bis heute nur 190 der circa 3000 Quilombos über dieses Dokument. Das Problem: Jeder Fall muss einzeln nachgeprüft werden. Dazu kommt noch ein rechtlicher Streit: Die Quilombolas dürfen sich selbst als Quilombolas identifizieren und auch die Grenzen ihrer Ländereien bestimmen, offiziell heißt das "Charakterisierung mittels Selbstdefinition der Gemeinschaft". 2004 reichte die bürgerlich-liberale Partei Democratas (DEM) Klage gegen die Praxis dieses Dekrets ein. Die Klage wird inzwischen vor dem Obersten Bundesgericht Brasiliens verhandelt. Der Richterspruch wird im Laufe der kommenden Wochen erwartet.

Mehr als ein juristischer Streit

Zwei Quilombolas verfolgen den Prozess um Anerkennung ihres Landbesitzes (Foto: Agentur Agencia Brasil)

Mehr als eine Gerichtsverhandlung

Die Quilombos entstanden schon in den ersten Jahrzehnten nach der Einführung der Sklaverei in Brasilien im 16. Jahrhundert. In der "Quilombo dos Palmares" im Nordosten Brasilien beispielsweise lebten damals rund 20.000 Menschen. Auch in anderen Regionen des Landes entstanden in der Folge die Gemeinschaften. Die meisten wurden von den Portugiesen bekämpft und lösten sich schnell wieder auf. Einige überlebten, auch wegen ihrer zum Teil räumlichen Isolierung. Viele Quilombos siedelten mitten im Wald oder auf Berganhöhen an.

In den heutigen Gemeinschaften wird das Land kollektiv bewirtschaftet, auch andere Aspekte der afrikanischen Kultur werden bewusst bewahrt. Für die Unterstützer der Quilombolas geht es bei der Gerichtsverhandlung deshalb auch um mehr als einen juristischen Streit. "Es steht das Recht von Völkern auf dem Spiel, die historisch diskriminiert wurden, massakriert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden", heißt es in einem Schreiben der "Comissão Pastoral da Terra", einer Organisation der katholischen Kirche in Brasilien.

Staat in der Schuld

Der Geograf Rafael Sanzio dos Anjos, der an der Universität Brasília zur Geschichte der Quilombolas forscht, geht noch weiter: Eine Sklavenhalter-Mentalität sei noch immer in der Gesellschaft präsent. Die Schwierigkeiten bei der Anerkennung der Quilombola-Areale zeigten die "traditionell-kolonialen, vorurteilsbehafteten brasilianischen Werte". Der Wissenschaftler erinnert daran, dass Brasilien vor Kuba das vorletzte Land war, das die Sklaverei abschaffte – und das auch nur aufgrund internationalen Drucks.

"Im Anschluss an die Abschaffung der Sklaverei gab es keine politischen Maßnahmen, um diese Bevölkerungsgruppen zu beschützen oder dabei zu unterstützen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Im Gegenteil, ein Teil der Menschen wurde nach Afrika gebracht, im Rahmen einer Strategie zur 'Aufhellung' der Bevölkerung, außerdem wurden mehr europäische Migranten ins Land gelockt", sagt Sanzio. Dabei hätten die Sklaven in den mehr als drei Jahrhunderten zuvor die brasilianische Wirtschaft am Laufen gehalten, etwa beim Abbau wertvoller Metalle. Nicht zuletzt deshalb sei der Staat in der Schuld gegenüber den Nachkommen.

Konflikt um Land

Der DEM geht es bei ihrer Klage um die rechtliche Lösung der Landfrage: "Die Partei befindet das genannte Kriterium für fehlerhaft, es kann zu einer Verzerrung führen. Für die DEM sollte das Kriterium eine geschichtlich-anthropologische Studie sein." Gleichzeitig betonen die Politiker, dass sie nicht gegen die Quilombolas sind.

Die Nachfahren der Sklaven dagegen sehen keine Alternative zur aktuellen Praxis. Die Quilombos entstanden im Verborgenen. Dokumente, die ihre Gründung oder die Zugehörigkeit einzelner Personen belegen, gibt es auch deshalb fast keine mehr.

Quilombos werden ermordet

Reginaldo Bispo ist einer der Koordinatoren der "Nationalen Front zur Verteidigung der Anerkennung der Quilombola-Territorien". Er berichtet von einer großen Unsicherheit in den besetzten Gebieten in Folge ständiger Konflikte mit Großgrundbesitzern. Es geht dabei auch um den Anbau von Monokulturen wie Soja, Zuckerrohr und Mais. Aktivisten werfen der DEM vor, die Interessen der großen Landbesitzer zu vertreten.

"In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden acht Anführer von Quilombos getötet. Andere Hunderte werden mit dem Tod bedroht. Die Regierung weiß davon, aber bisher wurde keine Lösung angeboten", kritisiert Bispo. "Und falls das Dekret ungültig wird, wird sich die Situation noch zuspitzen."