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Wissen & Umwelt

"Das Endlager muss für Millionen Jahre sicher sein!"

Die Suche nach einem Endlager für Atommüll geht von vorne los. Aber wohin damit? Gibt es überhaupt einen sicheren Ort für hochgiftigen Strahlenmüll? Experten wie Michael Sailer sind überraschend zuversichtlich.

Der Atom-Experte Michael Michael Sailer vom Öko-Institut in Berlin (Foto: Öko-Institut)

Atom-Experte Michael Sailer

DW: Herr Sailer - vor 50 Jahren begann die kommerzielle Atomkraftnutzung. Als Endlager für den Atommüll suchte man die Salzstöcke bei Gorleben in Niedersachsen aus - die aber erwiesen sich letztendlich doch als zu unsicher für radioaktive Abfälle. Jetzt beginnt in Deutschland die Suche von neuem und soll vor allem transparent sein. Freut Sie das?

Michael Sailer: Ich bin sehr froh, dass sich endlich alle Parteien auf einen gemeinsamen Weg geeinigt haben. In den letzten 30 Jahren haben wir immer wieder erlebt, dass unterschiedliche Wahlergebnisse und verschiedene Auffassungen zum Standort Gorleben alles blockiert haben. Dabei haben wir seit 50 Jahren Abfälle produziert - wir müssen unbedingt für einen sicheren Verbleib sorgen.

Es werden drei Endlagerungskonzepte verfolgt: die Einlagerung unter der Erde in Salz, in Ton und in Granit. Wie sicher sind solche Lagerstätten für Atommüll, der über 100.000 Jahre strahlt?

Grundsätzlich kommt es darauf an - unabhängig, welches der drei Konzepte gewählt wird - dass man nachweisen kann, dass keine Radioaktivität aus dem Endlager herauskommt. Das bedeutet: Nicht jeder Salzstock und nicht jede Tonschicht eignet sich. Es muss eine besonders geeignete Stelle sein. Diese zu ermitteln ist Sinn des Suchverfahrens. Wichtig ist, dass sich dort die Erde in den letzten Millionen Jahren wenig bewegt hat.

Zusätzlich muss man aber auch voraussagen können, was dort höchstwahrscheinlich in den kommenden Millionen Jahren passieren wird. Man muss wissen: Wie gut ist die Abdichtqualität? Sind da störende Schichten beim Salz oder wie dick und durchlässig ist der Ton? Da gibt es sehr unterschiedliche Qualitäten in der Natur.

Gelbe Fässer für Atommüll (Foto: dpa)

In diesen Fässern lagert radioaktiver Müll

Sollte ein geologisch ideales Endlager gefunden werden, kann dann ausgeschlossen werden, dass Radioaktivität in den nächsten Millionen Jahren austritt?

Absolut sicher kann man sich natürlich nie sein. Aber man muss zwei Dinge tun: Man muss die geologische Entwicklung von einer Million Jahren abschätzen können und zeigen, dass die Abfälle auch bei Erdbewegungen, geologischen Kräften, Erosion oder Veränderungen beim Grundwasser sicher im Endlager festgehalten werden.

Außerdem muss eine sehr ausführliche Szenarienanalyse erstellt werden, bei der alle möglichen, unerwarteten Störungen berücksichtigt sind. Bei all diesen Szenarien müssen Sie vorführen können, dass auch dann keine Radioaktivität nach außen gelangt..

Allein das Suchverfahren scheint ein enormer und teurer Aufwand zu sein. Lassen sich die gesamten Kosten für eine sichere Endlagerung in der Zukunft absehen?

Ich bin sehr vorsichtig mit Zahlen. Die Kosten für die Erarbeitung der Auswahlkriterien bewegen sich jedes Jahr in Millionenhöhe. Teuer wird es, wenn man in die unterirdische Erkundungsphase kommt. Diese Kosten können mehrere hundert Millionen Euro pro Standort betragen. Und bei der Errichtung des entsprechenden Endlagers muss man mit der Größenordnung von anderthalb bis drei Milliarden Euro rechnen. Wenn Sie das mit den Kosten vergleichen, die insgesamt in der Kernenergie umgesetzt worden sind, dann sind das zwar keine unerheblichen Beträge, aber sie sind auch nicht gewaltig hoch.

Sind andere Länder bei der Endlagersuche schon weiter als Deutschland?

Ja, deutlich. Besonders die europäischen Länder. Darüber hinaus ist bisher nicht so viel passiert - auch in den USA fängt die Endlagersuche gerade wieder von vorne an.

Aber in Finnland zum Beispiel ist der Bau des Endlagers genehmigt. In Schweden wurden mehrere Standorte bewertet und es gibt einen konkret ausgewählten Standort. In Frankreich gibt es einen gesetzlichen Fahrplan für die Suche und es gibt ein Untertage-Labor in Ton. Die französischen Kollegen vermuten, dass 2015 für diesen Ort der Antrag auf Endlagerung gestellt wird. Die Schweizer haben ein Auswahlverfahren, ähnlich wie es jetzt in Deutschland diskutiert wird. Derzeit sind sie in der zweiten Phase. Das heißt, man beurteilt jetzt die Standorte, die sich in der ersten Phase als möglicherweise sinnvoll herausgestellt haben.

Ein Einblick ins Erkundungsbergwerk Gorleben. Es war als mögliches Endlager für radioaktive Abfälle im Gespräch. (Foto: Julian Stratenschulte dpa/lni)

Bei der Suche nach einem neuen Endlager ist wichtig, dass keine Radioaktivität nach außen kommt

Das deutet generell auf eine positive Entwicklung hin?

Ja. Diese Länder haben es vor langer Zeit verstanden, dass sie die Verantwortung wahrnehmen müssen.

Die Endlagerung von Atommüll ist also lösbar?

Wichtig sind die richtigen Schritte, eine gute Qualitätssicherung und keine falschen Entscheidungen. Bei dem Atomlager Asse konnte man zum Beispiel absehen, dass die Entscheidungen fachlich falsch waren. Und wenn garantiert ist, dass nur fachlich qualifizierte Entscheidungen zustande kommen, dann gibt es mehrere Endlager in Europa. In Finnland kann das in zehn Jahren sein, in den anderen Ländern in 20, 30, 40 Jahren.

Welchen Ratschlag geben Sie Ländern, die erst noch ein Endlager suchen müssen?

Man sollte früh anfangen. Es ist auch wichtig die gesellschaftliche Entwicklung der nächsten Jahrzehnte und die Ansprüche an Beteiligung und Transparenz im Blick zu haben. Auch in Ländern mit anderer Kultur und Gesellschaft werden früher oder später Bürger Fragen haben und auch protestieren. Deswegen ist es wichtig, dass das Verfahren von Anfang an bei den Menschen auf Akzeptanz stoßen kann. Die Entscheidung für einen Endlagerort muss auf geologischen und technischen Kriterien fußen und nicht auf politischen. Es dürfen keine benachteiligten Landesteile ausgewählt werden, wenn dort die geologischen Bedingungen nicht so gut sind wie an anderen Stellen.

Michael Sailer ist Gutachter für nukleare Sicherheit und Entsorgung von radioaktiven Abfällen, Mitglied der Reaktorsicherheitskommission in Deutschland, Mitglied im Wissenschaftskomitee von Euratom und seit 1983 Leiter des Fachbereichs Nukleartechnik und Anlagensicherheit am Öko-Institut in Berlin.

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