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Sport

Das Ende eines wunderbaren Märchens

Seine Geschichte war zu schön, um wahr zu sein: Vom Krebs geheilt gewann Lance Armstrong die Tour de France - und zwar sieben Mal. Doch nun wird er wegen Dopings alles verlieren, die Beweislast ist überwältigend.

23. Juli 2004: Eine unbedeutende Etappe der Tour de France. Sieben Fahrer aus der zweiten Reihe attackieren in der vagen Hoffnung auf einen Etappensieg, für den Gesamtsieg reicht es ohnehin nicht mehr. Den wird sich Lance Armstrong holen, der Texaner hat schon beruhigende vier Minuten Vorsprung. Seit Tagen trägt er das Gelbe Trikot, das dem Führenden zusteht. Die sieben Fahrer könnten ihm egal sein. Und trotzdem tritt er in die Pedale und holt die Ausreißer ein. Die Reporter wundern sich, das Hauptfeld verschärft das Tempo. Der Ausreißversuch droht zu scheitern und das nur aus einem Grund: Armstrong will einem der Ausreißer, Filippo Simeoni, eine Lektion erteilen.

Der Italiener war damals Hauptbelastungszeuge gegen den italienischen Sportarzt Michele Ferrari, Armstrongs Freund und Dopingarzt, wie man heute weiß. Simeoni hatte mutig von Dopingpraktiken bei Ferrari berichtet, doch auf der Straße gibt er auf, lässt sich mit Armstrong vom Feld einholen. Die Episode verdeutlicht: Damals war Armstrong das Gesetz auf der Landstraße, damals hörte die gesamte Radsportwelt auf ihn. Damals.

Überweisungen, E-Mails, Geständnisse sagen eins: Armstrong hat gedopt

Heute ist das anders. Seine treuesten Begleiter haben ihn verraten. So wird es jedenfalls Armstrong selbst empfinden, denn insgesamt elf ehemalige Teamkollegen und 15 weitere Personen haben ausführlich über das Dopingsystem im Rennstall US Postal (später Discovery Channel) ausgesagt. Ergebnis: Eine 1000 Seiten starke Urteilsschrift der US-Anti-Doping-Agentur (USADA), die zur lebenslangen Sperre von Armstrong führte und nun an den Radweltverband (UCI), die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und den Welttriathlonverband (WTC) geschickt wurde.

Demonstranten versuchen am 13.07.2005 während der 11. Etappe der Tour de France mit großen Papp-Spritzen in der Hand auf die Doping-Problematik im Radsport aufmerksam zu machen, US-Amerikaner Lance Armstrong (2.v.r.) vom Team Discovery Channel im Gelben Trikot und dem Dänen Mickael Rasmussen (3.v.r.) im Trikot des besten Bergfahrers fahren im Hauptfeld daran vorbei. (Foto: dpa)

Gegen Ende seiner Laufbahn begleitete ihn der Verdacht: Lance Armstrong (2.v.r.) bei seinem letzten Toursieg

Einen Teil der Schrift machte die USADA gleichzeitig auf ihrer Internetseite öffentlich. Darunter die ausführlichen Geständnisse von 15 Rennfahrern. Außerdem belegen "Banküberweisungen, E-Mails, wissenschaftliche Daten und Testresultate den Gebrauch, den Besitz und die Verteilung leistungssteigernder Dopingmittel durch Lance Armstrong und somit die enttäuschende Wahrheit der betrügerischen Aktivitäten des US-Postal-Teams", wie USADA-Chef Travis Tygart in einem Statement betont. Sein Fazit: Die Machenschaften in Armstrongs Team seien das "ausgeklügelste, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das der Sport jemals gesehen hat".

Fünf positive Proben ohne Folgen

Das Märchen des Lance Armstrong, der mit geringen Überlebenschancen 1997 den Krebs besiegte und danach wie aus dem Nichts siebenmaliger Toursieger wurde - es hatte viele staunen lassen. In seinem Heimatland schien das Vertrauen in ihn lange ungebrochen, während in Europa die Zweifel wuchsen. Fünf positive, aber rechtlich nicht mehr verwendbare Dopingproben Armstrongs aus dem Jahr 1999 waren eigentlich Hinweis genug. Doch der Glaube an die unfassbare Geschichte des Lance Armstrong blieb bei vielen Radsportfans erhalten - bis heute.

US-Pop-Sängerin Sheryl Crow neben Lance Armstrong während der Tour de France. (Foto: dpa)

Auch Armstrongs Ex Sheryl Crow soll vom Doping gewusst haben

Die Aufklärungsarbeit von Tygart und seinen Leuten, die auch von einer staatlichen Untersuchung durch den Sonderermittler Jeff Novitzky profitierte, wird Konsequenzen haben. Die UCI wird nicht umhin kommen, Armstrong seine sieben Tour-Siege nun auch formal abzuerkennen. Die noch aktiven geständigen Profis Levi Leipheimer, Christian Vande Velde, Tom Danielson und David Zabriskie werden gesperrt, in Anerkennung ihrer Aussagen aber nur für den ohnehin rennfreien Winter. Und das Ganze könnte auch noch ein juristisches Nachspiel haben. Das Dopingsystem habe die Athleten unter Druck gesetzt, gefährliche Dopingmittel einzunehmen, argumentiert Tygart und deutet damit die strafrechtliche Dimension des Falls an.

Doping-Vorträge im Trainingslager

So beschreibt Armstrongs Ex-Teamkollege Floyd Landis, dem 2006 sein Toursieg wegen Dopings aberkannt wurde, wie ihm Teammanager Johan Bruyneel als jungem Fahrer klargemacht habe, "was von mir als Teammitglied in Hinblick auf den Gebrauch leistungssteigernder Mittel erwartet wird." Bruyneel habe ihn 2002 zu Armstrong ins schweizerische St. Moritz geschickt, wo ihn der Toursieger mit Dopingmitteln erwartete: "Er gab mir vor den Augen seiner Frau Kristin ein Päckchen mit 2,5 ml Testosteron-Pflastern", sagte er gegenüber der USADA  aus. Mit solchen verbotenen Pflastern wurde er vier Jahre später bei der Tour de France erwischt.

Versorgt mit Dopingmitteln wurden neben Armstrong insgesamt neun seiner Teamkollegen von Dr. Michele Ferrari, dem wohl berüchtigtsten Doping-Arzt der Sportszene. "Dottore Epo", wie sein Beiname lautet, referierte im US-Postal-Trainingslager über die Vorteile von Blutdoping, wie George Hincapie in seiner Aussage gegenüber der USADA beschreibt. 15.000 Dollar habe ihn die Zusammenarbeit mit dem Dopingarzt jährlich gekostet. Bei Lance Armstrong war es deutlich mehr Geld: Über eine Millionen Dollar zahlte Armstrong laut der vorliegenden Bankauszüge an Ferrari. Ein offenbar lohnendes Investment für den siebenfachen Toursieger, der zwischen 1999 und 2005 bei der Tour nahezu unbesiegbar schien.

UCI zeigte "null Interesse" an Aufklärung

Armstrongs US Postal war aber nicht der einzige Rennstall mit einem Dopingsystem zu jener Zeit. Die Konkurrenz tat weitgehend dasselbe: Das Team Telekom (später T-Mobile) erschien regelmäßig zum Blutdoping in der Uniklinik Freiburg, wie eine hochrangige Expertenkommission 2009 feststellte. Das Team ONCE (später Liberty Seguros) setzte größtenteils auf die Dienste des 2006 überführten Dopingarztes Eufemiano Fuentes, der ebenfalls Fahrer des CSC-Rennstalls von Bjarne Riis "betreute".

Die US-amerikanischen Radprofis Lance Armstrong und George Hincapie vom Team Discovery Channel stoßen am 24.07.2005 auf der letzten Etappe der Tour de France nach Paris (Frankreich) an. (Foto: dpa)

Armstrongs Intimus George Hincapie (r.) sagte aus, Armstrong habe seit 1999 EPO genommen

Jörg Jaksche fuhr für alle dieser mit US Postal konkurrierenden Teams. Der deutsche Rundfahrtspezialist machte 2007 gegenüber dem Radweltverband und dessen Präsidenten Pat McQuaid umfassende Aussagen über die Dopingpraktiken in seinen Mannschaften. "Die UCI zeigte null Interesse daran, die ganze Geschichte über das Doping in diesen Teams zu hören", sagte Jaksche der US-Anti-Dopingagentur. "Ich bin überzeugt, dass die UCI nicht einen einzigen der Beweise, die ich ihnen gab, weitergeleitet hat." Vielmehr habe McQuaid ihm gesagt, dass er sich von Jaksche einen anderen Umgang mit dieser Sache gewünscht hätte. Jaksches Aussagen belegen, wie wenig die UCI bisher für eine umfassende Doping-Bekämpfung tat.

Vertuschung beim Radsport-Weltverband?

Und so wird sie sich auch im Fall Armstrong schwer tun, ihr einstiges Zugpferd endgültig zu verdammen. Denn der Weltverband könnte tief mit drin stecken in der Affäre Armstrong. Die UCI soll eine positive Dopingprobe Armstrongs während der Tour de Suisse 2001 verheimlicht haben, sagte Ex-Teamkollege Tyler Hamilton, was ihm Armstrong selbst stolz erzählt habe. Die Macht des Lance Armstrong über den Weltradsport schien unbegrenzt - und hat nun doch ein Ende.

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