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Wissen & Umwelt

Das Ende des Werbebrüllens

Im deutschen Fernsehen darf es künftig keine unverhältnismäßig lauten Werbeblöcke, Teaser oder Popmusik-Einlagen mehr geben - eine neue Norm soll mit dem Wettlauf um die Lautstärke Schluss machen.

Jeder kennt es: Man hört oder schaut gerade Nachrichten, Informationssendungen oder auch ruhige Musik im Radio oder Fernsehen und plötzlich brüllt einen ein Werbeblock, Popmusik oder ein Trailer unverhältnismäßig laut an. Da hilft nur noch, das Radio schnell leise zu stellen oder auf der TV-Fernbedienung den Knopf mit dem durchgestrichenen Lautsprecher zu drücken.

Zumindest im deutschen Fernsehen ist jetzt Besserung in Sicht: Ab 01.09.2012 gilt die neue Lautheitsnorm R128, auf die sich der Dachverband der europäischen Rundfunkanstalten (European Broadcasting Union) verständigt hat. Eigentlich galten auch bisher klare Regeln: Der Audio-Pegel des Programms muss sich in einem genau definierten Rahmen bewegen. Doch einen Wettlauf um die Lautheit, den meistens die Werbebranche für sich entschied, konnte das bislang nicht verhindern.

Nicht nur die Spitzen entscheiden

Der Grund dafür: Laut wirkende Werbeblöcke haben technisch denselben Pegel wie leise klingende Sprachbeiträge. Ein nervig plärrendes Pop-Musikstück ist genauso hoch ausgesteuert wie eine entspannt wirkende Jazz-Interpretation. Dass das eine trotzdem viel lauter wirkt als das andere, liegt daran, dass die Produzenten einen Trick anwenden. "Man sorgt dafür, dass die leisesten Stellen innerhalb eines Programmes so laut wie möglich sind, und die lauten so laut bleiben, wie sie sind", erklärt Jörg Morawetz, Tontechniker Bei der Deutschen Welle, "dadurch werden die leisen Stellen innerhalb eines Programmes nahe herangebracht an die lauten Stellen."

So sieht eine Audio-Tonkurve in einem üblichen digitalen Audioschnittprogramm aus, wie es die Deutsche Welle verwendet (in diesem Fall DIRA): Links ist eine Sprachaufnahme mit einer hohen Ton-Dynamik zu erkennen - nur wenige Spitzen erreichen den höchsten Pegel. Rechts ist ein komprimierter Werbeblock zu sehen - alle Teile des Audios sind auf maximale Lautheit ausgepegelt. Denoch haben technisch beide Teile den selben Pegel, weil die Spitzen gleich hoch sind. Allerdings unterscheidet sich die Lautheit erheblich. Die Neue Norm R128 der Europäischen Rundfunkunion (EBU) führt dazu, dass übermäßig laute und komprimmierte Inhalte in Zukunft niedriger ausgepegelt werden. (Foto: DW/ Fabian Schmidt)

Gleicher Pegel, unterschiedliche Lautheit: Links dynamische Sprache, rechts komprimmierte Werbung.

Fachleute bezeichnen dieses Vorgehen als Kompression. Damit erreichen Werbeproduzenten, dass sie besser gehört werden, zum Beispiel dann, wenn Fernsehzuschauer in den Werbepausen den Raum verlassen. Für den Hörgenuss ist es aber nicht gut, denn darunter leidet die sogenannte Dynamik des Ton-Signals. Fachleute verstehen darunter die gesamte Spannbreite zwischen den leisesten und lautesten Signalen. In einem dynamischen Beitrag wirkt also ein Flüstern genauso schön, wie ein Paukenschlag.

Dynamik bedeutet Vielfalt

Laute und komprimierte Ton-Beiträge wirken vielleicht flott und treiben wohl auch den Blutdruck des Hörers nach oben, im akustischen Sinne dynamisch sind sie deshalb aber keineswegs. "Ein schönes Programm lebt davon, dass darin mal sehr leise Stellen vorkommen, oder auch sehr laute Stellen," betont Tontechniker Morawetz. Also sei Dynamik erwünscht: Sie schafft Vielseitigkeit und Abwechslungsreichtum innerhalb eines Beitrags. Umso höher die Dynamik ist, umso schöner klingt es auch für das menschliche Ohr. Wenn dann komprimierte Werbung hineinbrüllt, ist es vorbei mit dem Hörgenuss:

Damit das nicht mehr passiert, wird ab sofort nicht mehr der Spitzenpegel gemessen, sondern die Lautheit. Dafür gibt es auch eine neue Einheit namens LU (Loudness Unit). Im Prinzip entspricht eine LU der bisher für den Pegel gültigen Einheit Dezibel, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die Lautheitsmessung berücksichtigt den Pegel über einen viel längeren Zeitraum.

Der Deutsche Welle Tontechniker Jörg Morawetz am 29.08.2012 in einem TV Studio im Funkhaus der DW in Bonn (Foto: DW/ Fabian Schmidt)

Tontechniker Jörg Morawetz war an der Umsetzung der neuen Lautheits-Norm R128 bei der DW beteiligt.

"Bisher wurden Signale mit einem Zeitintervall von zehn Millisekunden in die Messung einbezogen", erklärt Morawetz, der bei der Deutschen Welle für das Projekt Lautheit zuständig war. "Dadurch wurden kürzeste Signalspitzen bei der Messung berücksichtigt und der Pegel eines Messinstrumentes ist sehr hoch ausgeschlagen". Diese Spitzen sind aber manchmal so kurz, dass der Mensch sie mit seinem Gehör gar nicht wahrnehmen kann. Die Messinstrumente, die Lautheit ermitteln, nutzen hingegen eine Integrationszeit von 400 Millisekunden. "Das ist fast eine halbe Sekunde", verdeutlicht Morawetz, "dadurch passt sich dieses Messverfahren dem menschlichen Gehör viel besser an."

Hoffen auf schönere Beiträge

Zunächst wird das dazu führen, dass laute und stark komprimierte Ton-Beiträge nun leiser ausgesteuert werden. Mittelfristig, könnte die neue Regelung aber auch noch eine weitere Wirkung entfalten. "Man würde sich erhoffen, dass in Zukunft die Produzenten der Werbebranche oder auch anderer Trailer wieder mehr Dynamik in ihrem Programm zulassen," so der Tontechniker.

Dann klingen Werbebeiträge nicht nur einfach laut, sondern vielleicht auch wieder schön. Denn dadurch, dass die Produzenten alles nur immer lauter machen, haben sie ja ab September nichts mehr zu gewinnen.