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Politik

Das Ende des vietnamesischen Wunders

Vietnam, einst Lieblingsland der Analysten, hat schwere Schrammen abbekommen. Die Inflation schießt nach oben, die Börse nach unten - droht eine neue Asienkrise?

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Wieviel ist der Dong heute noch wert?

Noch vor einem Jahr war Vietnam das neueste Tigerland Asiens. Die Börse galt als eine der heißesten der Welt, Immobilien boomten, das Wirtschaftswachstum lag bei 8,5 Prozent. Mehr als 20 Milliarden Dollar Investitionen strömten 2007 ins Land. Doch im Sog die Öl- und Lebensmittelkrise fiebert der vietnamesische Tiger: "Wir sehen in Vietnam momentan Überhitzungstendenzen", sagt Steffen Dyck, Asienexperte bei der Deutschen Bank Research. Die Kreditbewertungsagenturen stuften Vietnam von stabil auf negativ herab - ein Alarmzeichen für die Weltregion mit den höchsten Wachstumsraten überhaupt. Es gibt Gerüchte über einen bevorstehenden Kollaps des Banksektors, einige Analysten sehen das Gespenst einer neuen Asienkrise umgehen.

Vietnam Inflation Reissäcke

Preise um 42 Prozent gestiegen

Nach Jahren des Bergaufs ist Vietnam nun ins Rutschen gekommen: Der Aktienmarkt hat binnen weniger Monate um 60 Prozent nachgegeben, ähnlich sieht es bei den Immobilienpreise aus. 2008 ist nun schon ein Außenhandelsdefizit von 14,4 Milliarden Dollar aufgelaufen - mehr als im gesamten Vorjahr. Bei sinkenden Exporten bleibt die Nachfrage nach Lebensmitteln und Benzin aber trotz steigender Einkaufspreise stabil. Der hohe Ölpreis treibt die Inflation voran: Im Mai lag die Teuerungsrate bei über 25 Prozent - im Vergleich zu gerade einmal 7,9 Prozent im Jahresmittel 2007. Allein die Lebensmittelpreise sind im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent gestiegen - gerade für die 20 Prozent Vietnamesen unterhalb der Armutsgrenze eine Katastrophe.

Was Investoren wollen

Dass vor 15 Jahren noch zwei Drittel der Bevölkerung als arm galten, zeugt vom Aufstieg des Landes nach der wirtschaftlichen Öffnung. Vietnam mit seinen 85 Millionen Einwohnern liegt im Schatten des mächtigen Nachbarn China, kann aber seit den 1990er Jahren Wachstumszahlen rund um die acht Prozent vorweisen. Schrimps, Schiffe und Schuhe, Kaffee, Pfeffer, Reis und Möbel - überall gehört Vietnam zur Weltspitze der Exporteure. Nach der Schuh- und Textilindustrie strömen die Computerhersteller ins Land. Die Löhne sind niedrig, die politischen Verhältnisse im Ein-Parteien-Staat stabil, ethnische oder gar religiöse Konflikte weitgehend unbekannt: Vietnam hat, was Investoren wünschen. Anfang 2007 wurde das Land mit der Aufnahme in die World Trade Organisation (WTO) belohnt.

APEC Hanoi Vietnam George W. Bush und Russlands Präsident Wladimir Putin und Surayud Chulanont (Thailand), Hu Jintao (China), Michelle Bachelet (Chile)

Als alles noch gut war: Beim Apec-Gipfel wurde Vietnam in die WTO aufgenommen - und sich landesüblich gekleidet

"Vietnam konsolidiert sich jetzt gerade, das muss für die Entwicklung nicht schlecht sein", meint Oliver Massmann. Der Wirtschaftsjurist arbeitet seit 17 Jahren in Hanoi und hat neben Investoren auch die vietnamesische Regierung bei den Verhandlungen zum WTO-Beitritt beraten. Er hält die Krise für größtenteils hausgemacht. Bürokratie, Korruption, mangelnde rechtliche Rahmenbedingungen werden immer wieder genannt, dazu kommt die bröckelnde Infrastruktur. "Hier sind in den nächsten Jahren Investitionen in Milliardenhöhe ein Muss", sagt Massmann.

Zu spät, zu schwach?

Sorgen bereitet aber auch das politische Krisenmanagement. Die Zentralbank hat den vietnamesischen Dong gegenüber dem Dollar um zwei Prozent abgewertet und zugleich die Kreditzinsen drastisch auf 14 Prozent erhöht - zu späte und zu schwache Maßnahmen, meinen viele Analysten, im jeden Fall aber Fall "Schritte in die richtige Richtung", meint Deutsche-Bank-Volkswirt Dyck.

Kleiderfabrik in Vietnam

Langfristig blendend: Produktionsstandort Vietnam

Die Zinsenerhöhung um die Inflation einzudämmen, verspricht nun eine kräftige Wachstumsdelle zu hinterlassen. Die stets hyperoptimistische vietnamesische Regierung schraubte die Wachstumserwartungen schon von neun auf sieben Prozent herunter. "Zweistelligen Wachstumsraten werden wir nun nicht mehr sehen", sagt Massmann.

Eine zweite Asienkrise wie 1997, als nach einer erzwungenen Freigabe des thailändischen Baht in einer Kettenreaktion Währungen und Kurse in verschiedenen asiatischen Länder kollabierten und das Ausland die Investitionen abzog, sehen inzwischen nur noch wenig Investment-Banker. Trotzdem wird mit Sorge gesehen, dass in Asien von Pakistan bis zu den Philippinen in fast allen Ländern die Inflationsraten im Mai höher waren als erwartet. "Einige Investoren könnten sich die Wachstumsgeschichten Asiens schon noch mal genau ansehen", warnte etwa Barclays Capital.

Diese Gefahr besteht in Vietnam nun wieder nicht: Selbst die Kreditbewertungsagenturen betonen stets die glänzenden langfristigen Chancen des Landes - wie etwa die günstige demographische Struktur als eines der jüngsten Länder Asiens, die Rohstoffe und den vergleichsweise hohen Bildungsstand der Bevölkerung. Mit der politischen Ruhe könntes es hingegen bald vorbei sein: Wie in China legitimiert sich die Machtposition der Kommunisten vor allem mit dem wirtschaftlichen Aufschwung.

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