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Politik

Das Ende der Reise ist der Anfang der Hoffnung

Hunderte malische Flüchtlinge werden von Marokko in ihre Heimat zurückgeflogen - das unfreiwillige Ende einer gnadenlosen Reise. Aber auch Ausgangspunkt für neue Träume. Tina Gerhäusser hat die Rückkehrer getroffen.

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Vorne auf Diallos Stoffmütze prangt die marokkanische Flagge. Das ist keine Absicht, sondern ein dummer, aus der Not geborener Zufall. Und in diesen Tagen einmal mehr ein Streich, den das Leben dem jungen Malier spielt. Wenn man wie Diallo in Wildnis und Wüste überleben muss, nimmt man jede Mütze – auch die seiner Gegner. Und man lernt, sie aufzubehalten. "Die Algerier haben gesagt, ich soll das Ding abnehmen, sonst würden sie darauf zielen", sagt der große, durchtrainierte Mann. Diallo hat die algerischen Soldaten davon überzeugt, dass er die Mütze braucht und weiter tragen darf. Gescheitert ist er an den Marokkanern. Sie haben ihn vor ein paar Stunden ins Flugzeug nach Bamako gesetzt.

Sterben für nichts

Seit anderthalb Jahren hat Diallo an der marokkanischen Grenze zu Spanien gelauert. Im Flüchtlingswald von Sibta: tagsüber im Versteck, nachts am Grenzzaun. Vor zehn Tagen hat er sich mit 400 anderen afrikanischen Flüchtlingen zusammengetan, um den Zaun als Masse zu stürmen. "Die Marokkaner haben "Stehen bleiben!" gerufen, dann haben sie geschossen", erinnert sich Diallo. Er ist weiter geklettert, als die Menschen neben im niedersanken. Aber als er auf der anderen Seite ankam, haben ihn marokkanische Einheiten festgenommen und zur Grenze nach Algerien gebracht. "Ohne was zu essen und zu trinken, sind wir durch die Nacht gewandert", sagt Diallo. Mehr als einen Tag lang, und immer wieder.

Die Marokkaner schickten die Gruppe von 40 Flüchtlingen zu den Algeriern, und die verwiesen sie wieder nach Marokko. Ein Todestanz auf der Grenzlinie. "Ein paar von uns sind gestorben", sagt Diallo, "Für nichts. Sie haben weder Europa erreicht noch ihre Heimat wieder gesehen."

Leben von nichts

"Es ist jetzt wahnsinnig schwer geworden, nach Spanien zu kommen", sagt Diallo. Trotzdem wird er es wieder versuchen. Er ist der älteste Sohn und muss die neunköpfige Familie ernähren. In Segou, einer mit Regen und Touristen gesegneten Stadt Malis, war Diallo Elektrikerlehrling. "Ich habe versucht, dort zu arbeiten, aber das Geld reichte nicht für uns alle", sagt er. Was ihn so sicher mache, dass er in Europa Arbeit und Geld finden werde, frage ich vorsichtig. Er macht eine schnelle, entschiedene Handbewegung. "Das weiß ich, Freunde von mir haben es bis nach Spanien geschafft und arbeiten dort jetzt als Gärtner."

Gärtnern, das könne er auch gut, fügt Diallo hinzu. Ein Bus wird ihn zu seinen Eltern nach Segou bringen. Er will sie beruhigen, dass er überlebt hat - bevor er wieder ins Ungewisse abtaucht.

Der Virus Europa

Jetzt in der Abenddämmerung sind viele älteste Söhne wie Diallo hier, im Hof der Regionalverwaltung für Sozialschutz. Junge Männer mit bunten Polyesterdecken in Plastikhüllen - eine Spende vom Internationalen Roten Kreuz. Manche haben schon vier Mal versucht, nach Spanien zu kommen.

Diarra hat einen malischen Pass, ist aber in der Elfenbeinküste aufgewachsen. Dort lebt sein großer Bruder und der hatte irgendwann beschlossen, dass Diarra nach Spanien aufbrechen würde. Er gab ihm Geld, Diarra gab es den marokkanischen Schleusern. Jetzt will sich der kleine, schmale Junge die umgerechnet 1600 Euro wieder holen. Das könne er vergessen, meinen die Umstehenden. Aber jeder Zweite findet einen Grund, warum es sich lohnt, den Leidensweg noch mal anzutreten: die "reichen" Brüder in Spanien oder die unerträgliche Aussichtslosigkeit der malischen Wirtschaft.

Das Gegengift Afrika

"Ich mag keine Abenteuer", sagt Foussin. Er ist Taxifahrer und hat gerade einen heimgekehrten Flüchtling nach Hause gefahren. "Dieser Mann konnte sich nicht mehr daran erinnern, wo genau das Haus seiner Familie steht." Für Foussin sind die Rückkehrer Entwurzelte. Das ist nicht als Vorwurf gemeint, sondern eine Beobachtung voller Mitgefühl. Foussin ist kein reicher Mann, im Moment macht er wegen des Ramadan kaum Gewinn mit seinem Taxi. Aber er träumt nicht wie Diallo oder Diarra vom großen Geld jenseits des Kontinents. Dabei hätte er gute Kontakte: Seine Schwester ist mit einem Belgier verheiratet. Der hat ihn schon mehrmals eingeladen. Aber Foussin sagt dann, er wolle das Geld für die Reise nach Europa lieber in sein Leben in Bamako investieren.

Mit Foussins Standpunkt habe ich auch im Gespräch mit Diallo und Diarra argumentiert. Der kleine Diarra hat sehr genau zugehört, als ich von der kalten, vereinzelten Gesellschaft in Deutschland erzählt habe, von den vielen Formularen und den schwierigen Bedingungen für ein Visum. Und davon, wie teurer das Leben bei uns sein kann, und wie selten sich Menschen dann gegenseitig helfen. Ich habe versucht, keinen Vortrag zu halten und keine falschen Vergleiche zu ziehen. Aber als ich zu Ende erzählt hatte, wollte Diarra nur noch eines wissen: Ob ich nicht Freunde in Deutschland hätte, die ihn aufnehmen würden.