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Wirtschaft

Das Ende der Produktivität

Weil die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, wird derzeit viel über das kapitalistische System diskutiert. Muss der Staat für mehr Umverteilung sorgen? Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Edmund Phelps ist skeptisch.

Für sein Buch "Kapital im 21. Jahrhundert" hat der französische Ökonom Thomas Piketty eine große Menge historischer Daten untersucht. Sein Ergebnis: In einer langsam wachsenden Volkswirtschaft wachsen bestehende Vermögen stärker als die Löhne. Die Kluft zwischen den Reichen und der Mittelklasse wächst, und schuld ist der Kapitalismus.

Französischer Ökonom Thomas Piketty

Thomas Piketty sorgte mit seinem Buch über das Kapital im 21. Jahrhundert für Wirbel

Es sei irreführend, meint dagegen der Nobelpreisträger Edmund Phelps, den Kapitalismus für irgendwas verantwortlich zu machen. "In westlichen Nationen wird immer ein Großteil der Wirtschaft in privater Hand sein. Wenn man das Kapitalismus nennen will, meinentwegen", so Phelps gegenüber DW. Doch das System sei nur der Rahmen, in dem zahllose Einzelpersonen agieren.

Der über 80-jährige Ökonom lehrt an der Columbia Universität in New York, hat viele bedeutende Wirtschaftswerke geschrieben und 2006 den Wirtschaftsnobelpreis erhalten.

"Es ist bedauerlich, dass manche meinen, die Ungleichheit der Vermögen biete jetzt die einmalige Gelegenheit, das Geld einfach an arme Lohnempfänger umzuverteilen", sagt Edmund Phelps. Man könne nicht einfach nur den Reichtum ganz oben abschöpfen. Früher oder später werde auch die Mittelschicht davon getroffen.

Vermögen wachsen stark, Einkommen kaum

Trotz aller Kritik will auch Phelps nicht leugnen, dass sich Einkommen und Vermögen unterschiedlich entwickelt haben – zum Nachteil der unteren und mittleren Schichten. Das habe sich erst über die Zeit so entwickelt. "Im 19. Jahrhundert ist die Wirtschaft in Großbritannien und den USA sehr schnell gewachsen, später auch in Deutschland und Frankreich", erklärt Phelps. Damals hätte die Einkommen viel stärker zugelegt als die Vermögen.

2013 Boao Forum for Asia in Boao Hainan

Edmund Phelps erhielt 2006 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften

Heute sei es dagegen umgekehrt. "Die Vermögen sind im Verhältnis zu den Einkommen stark angestiegen, weil die Produktivität nur noch sehr langsam wächst", sagt Phelps.

Trotzdem hätten heute viele Menschen eine Abneigung gegen Innovationen, die wieder für mehr Produktivität sorgen könnten. Als Beispiel nennt er den Taxi-Service Uber, eine Smartphone-App, mit der jeder Autofahrer anderen seine Fahrdienste anbieten kann. "Man braucht kein eigenes Auto mehr", schwärmt Phelps, "man kann immer jemanden rufen, der einen fährt." Deswegen gingen die Taxifahrer auf die Straße und demonstrieren.

Vielen Menschen scheinen die Vorteile des neuen Dienstes egal zu sein. "Sie unterstützen die Taxifahrer - und damit auch die traditionelle Art, wie Autos produziert und verkauft werden." In den vergangenen Wochen seien in Europa Tausende auf die Strasse gegangen, um mit der Taxi-Industrie gegen Uber zu demonstrieren. Das Signal, so Phelps: Keine Neuerungen, sondern Schutz für alte Systeme. Gleichzeitig aber müssten traditionelle Unternehmen sparen, auch an den Löhnen, weil ihnen die Produktivität fehlt.

Produktivität nur durch Innovationen

Taxifahrer Streik wegen Handy-Apps 11.06.2014 Berlin

Auch in Berlin streikten im Juni Taxifahrer gegen die Smartphone-App Uber

"Spannende, herausfordernde und lohnende Arbeit kann es nur geben, wenn Firmen etwas Neues wagen, wenn sie neue Dinge erfinden oder auf die Erfindungen anderer reagieren", glaubt Phelps. Die alten Systeme könnten irgendwann kein Wachstum mehr generieren. Neues zu schaffen sei aber gesellschaftlichtlich nicht anerkannt. Die Folge: Lähmung und Stillstand.

In allen Industrienationen wachse die Produktivität nur noch "so gering, dass einem schlecht wird", sagt Phelps. "Das bedrückt die Jugend, die ihre Jobs irgendwann zu hassen beginnt. Und es lähmt auch die Mittelschicht." Die werde es nie zu Wohlstand bringen, wenn die gesamte Gesellschaft den Erfindern und Erneuerern ablehnend gegenüber steht.

Aktualisierter Artikel vom 07.07.2014

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