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Deutschland

Das Ende der Ostermärsche

Auf Ostermärschen finden sich heute meist nur ein paar Altlinke ein, um gegen Krieg und Kernwaffen zu demonstrieren. Vor 30 Jahren war die Angst vor dem Atomkrieg größer: Hunderttausende gingen Ostern auf die Straße.

Ostermarsch in Frankfurt 1963 (Foto: DPA)

Hunderttausende marschierten in den 60ern und 70ern für den Frieden

Ostern 1984: Mehr als 600.000 Menschen versammeln sich in den Großstädten der Republik, Demonstranten bilden Menschenketten, durchs ganze Land ziehen Märsche. Der Traum der Protestler ist eine Welt ohne Kriege, eine Welt ohne Atomwaffen.

Proteste gegen den NATO-Doppelbeschluss

Ostermarsch 1982 von Duisburg nach Dortmund (Foto: AP)

Anfang der 80er sorgte der NATO-Doppelbeschluss für den Höhepunkt der Oster-Proteste

Anfang der 80er Jahre erreichen die Ostermärsche ihren Höhepunkt. Denn immer größer wird die Angst vor einem Atomkrieg in Europa. 1979 setzt Bundeskanzler Helmut Schmidt den NATO-Doppelbeschluss durch. Mehr als 200 Mittelstreckenraketen und Cruise Missiles sollen in Deutschland stationiert werden, bestückt mit Atomsprengköpfen - genug, um ganz Europa den Tod zu bringen.

Immer mehr Menschen schließen sich nun der Friedensbewegung an. Einer der geistigen Köpfe ist der Sozialdemokrat Erhard Eppler. "Friedensbewegung ist der Zweifel an einer Sicherheitskonzeption, die letztlich nur mit dem eigenen Selbstmord drohen kann", sagt er auf einer Demonstration. Der Friede sei eine viel zu ernste Sache, "als dass man ihn den Raketenzählern und Lobbyisten überlassen könne".

Es begann in Großbritannien

Die Tradition, an Ostern auf die Straße zu gehen, hat ihren Ursprung in Großbritannien. An einem kalten Ostertag 1958 fängt alles an. Rund 1000 Demonstranten marschieren von London aus zur 83 Kilometer entfernten Atomforschungsanlage Aldermaston. Sie wollen mit ihrer überparteilichen "Campaign for Nuclear Disarmament" erreichen, dass radioaktive Waffen weder getestet noch hergestellt werden.

Zwei Jahre später marschierten die ersten Atomwaffengegner in Deutschland: In einem Sternmarsch geht es aus verschiedenen norddeutschen Städten nach Bergen-Hohne, wo die Amerikaner Raketen testeten.

Eine bunte Mischung

Ostermarsch 2007 in Berlin (Foto: DPA)

Heute nehmen häufig nur ein paar Hundert Demonstranten an Ostermärschen teil

Gewerkschaftler, Kirchengruppen, bürgerliche Intellektuelle - auch in Deutschland ist es eine bunte Mischung, die an den Ostertagen für den Frieden eintritt. Diese Vielfalt war damals etwas Neues in der politischen Landschaft Deutschlands, sagt Andreas Buro, der den ersten Ostermarsch in Deutschland mitorganisiert hat. "Es war eigentlich die erste neue soziale Bewegung in der Bundesrepublik, die unabhängig von Parteien aus eigener Kraft und eigener Finanzierung über Spenden eine sehr bunte, neuartige Protestkultur entwickelt hat", sagt der Politikwissenschaftler, der heute als Mentor der Friedensbewegung gilt.

In den nächsten Jahren steigt in Deutschland die Zahl der Teilnehmer an den Ostermärschen von 1000 auf 300.000. In den 60ern sind es vor allem die Notstandsgesetze der Großen Koalition und der Vietnamkrieg, die die Menschen auf die Straßen treiben. Mit der Diskussion über die Nachrüstung Ende der 70er erreicht die Bewegung ihren Höhepunkt.

Die Erben sind Attac-Aktivisten

1989 ist der Kalte Krieg vorbei. Damit ist auch die Bedrohung weg, die Christen, Sozialisten wie Ökos in der Friedensbewegung zusammengeschweißt hat. Sie zerfällt in unterschiedliche Gruppen und Grüppchen.

Attac-Aktivisten auf einer Anti-WTO-Demo in Frankfurt 2001 (Foto: AP)

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac mobilisiert heute weit mehr Menschen, als die Friedensbewegung

Wenn heute Hunderttausende auf die Straße gehen, dann geht es meist nicht um Atomwaffen oder die NATO. Das Erbe der Friedensbewegten haben die Globalisierungskritiker von Attac angetreten. Die sind zwar auch irgendwie gegen Krieg und Gewalt. Vor allem aber protestieren sie gegen die negativen Folgen der Globalisierung, gegen Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeit. 2009 scheint die Angst vor dem sozialen Abstieg größer zu sein, als die Bedrohung durch Atomwaffen - obwohl heute mehr Länder die Bombe haben oder daran basteln als 1984.

Autor: Manfred Götzke

Redaktion: Kay-Alexander Scholz