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Politik & Gesellschaft

Das Ende der Familienshow

Showmaster Thomas Gottschalk hat zum letzten Mal eine reguläre Ausgabe von "Wetten, dass..?" moderiert. Damit dürfte die traditionelle Familienunterhaltung im deutschen Fernsehen aussterben.

Die Entertainerin Désirée Nick und die Moderatoren Thomas Gottschalk Michelle Hunziker sitzen am bei der letzten regulären Ausgabe der ZDF-Fernsehsendung 'Wetten, dass..?' in Offenburg auf dem Sofa (Foto: dpa)

Gottschalk bei seinem letzten "Wetten, dass..?"-Auftritt

Samstagabend, 23 Uhr. Thomas Gottschalk hat mal wieder überzogen, wenn auch nur eine Viertelstunde. Zum letzten Mal winkt der bekannteste deutsche Showmaster dem "Wetten, dass..?"-Publikum zu. Europas erfolgreichste Fernsehshow hat Teil eins ihres Abschieds auf Raten hinter sich. Nur einmal wirkte der lange Blonde ein wenig sentimental, als er "zum letzten Mal hier in Offenburg" die durch diese Sendung berühmt gewordene Formel sprach "Top, die Wette gilt!". Es war die 195. Ausgabe dieser Samstagabendshow, die erst vor kurzem 30 Jahre alt geworden war. Einer Show, die sich charakterisieren lässt als Schaulaufen nationaler und internationaler Top-Stars, die den Paten geben für teils skurrile Wetten - zum Abschluss wollte zum Beispiel ein junger Mann verschiedene Autoreifen an ihrem Geschmack erkennen, eine Frau erkannte am Schulterzucken ihres Partners Musiktitel, die ihm mittels Kopfhörer vorgespielt wurden.

Und mittendrin immer ein gutgelaunter, blondgelockter Thomas Gottschalk. Auch wenn nicht er, sondern Frank Elstner in den 1980ern der Urheber der Sendung war und zwischendurch ein paar Ausgaben auch mal ein gewisser Wolfgang Lippert moderieren durfte - Gottschalk ist und bleibt "Wetten, dass..?".

Unfall eines Kandidaten läutet das Ende ein

Thomas Gottschalk bei seiner ersten 'Wetten, das..?'-Moderation (Foto: dpa)

Gottschalks "Wetten, dass..?"-Premiere im September 1987

Im Februar aber hatte Gottschalk seinen Rückzug angekündigt. Anlass war der schreckliche Unfall eines jungen Wettkandidaten, der seither gelähmt ist. Er könne "in dieser Show nicht weitermachen, als wäre nichts passiert", begründete der 60-Jährige seine Entscheidung. "Für mich persönlich liegt auf 'Wetten, dass..?' jetzt einfach ein Schatten, der es mir schwer machen würde, jemals wieder zu der guten Laune zurückzufinden, die Sie zu Recht von mir in dieser Sendung erwarten." Eine Spezialausgabe im Sommer auf Mallorca wird er nun noch moderieren, dazu dann im Herbst drei Rückblicke.

"Wetten, dass..?" wird es wohl auch weiter geben im Zweiten Deutschen Fernsehen, eine Entscheidung über die Nachfolge Gottschalks ist nach Aussage von ZDF-Intendant Markus Schächter aber noch nicht gefallen: "Da gibt es keinen Zeitdruck." Gottschalks aktuelle Assistentin Michelle Hunziker wird ebenso gehandelt wie TV-Quasselstrippe Barbara Schöneberger oder die Entertainer-Multitalente Stefan Raab und Hape Kerkeling.

Tradition seit über 50 Jahren

Hans-Joachim Kulenkampff in der ARD-Show 'Einer wird gewinnen' (Foto: dpa)

Fernseh-Legende: Hans-Joachim Kulenkampff

Wie auch immer diese Personalfrage ausgehen sollte - eines scheint klar: Mit Gottschalks Rücktritt ist die gute alte Familienshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Geschichte.

Seit den 1950er-Jahren lockten Hans-Joachim Kulenkampff, Lou van Burg, Peter Frankenfeld, Rudi Carrell, Wim Thoelke oder Hans Rosenthal regelmäßig ein zweistelliges Millionenpublikum vor die Fernsehgeräte. "EWG - Einer wird gewinnen", "Dalli Dalli", "Der goldene Schuss", "Der Große Preis" oder "Am laufenden Band" waren abendliche Pflichtveranstaltungen. "Fernsehen war damals für alle da, Fernsehen war ein Gemeinschaftserlebnis", schreibt auch Nils Dienemann in seiner Bachelorarbeit über die "Erfolgsfaktoren der Samstagabend-Unterhaltung am Beispiel von 'Wetten, dass..?'".

"One size fits all" ist nicht mehr gefragt

Aber vor allem mit dem Aufkommen der privaten Sender in Deutschland Mitte der 1980er-Jahre änderte sich das. Statt alle Altersgruppen mit einer Show zu unterhalten, also "Broadcasting" zu betreiben, hieß die Zielrichtung bald "Narrowcasting": Zielgruppen- und programmspartenorientiertes Fernsehen. Oma und Opa wollten, so die Theorie, etwas anderes sehen als Papa und Mama und besonders als die Enkel. Heraus kamen Talent-, Reality- und Comedy-Shows auf der einen Seite und Chart- und Volksmusik-Sendungen auf der anderen. Einzig "Wetten, dass..?" hielt sich über Jahrzehnte als Dinosaurier des Familienfernsehens.

Weit über 20 Millionen Zuschauer gierten in den Gründerjahren nach dem Spektakel um den eigenwillig bis geschmacklos gekleideten Gottschalk. Aber wo einst die Konkurrenzsender resigniert nur B-Ware gegen den Branchenführer stellten, fordern sie Gottschalk und das ZDF inzwischen selbstbewusst mit Premiumangeboten heraus. Das Ergebnis: Teilweise sank die Resonanz auf "Wetten, dass..?" auf nur noch neun Millionen ab.

Die Zeiten haben sich geändert - Gottschalk auch

Gründe für diese Entwicklung gibt es viele. Das geänderte Programmangebot wurde schon erwähnt. Hinzu kommt ein geändertes Fernsehverhalten. Früher war ein Fernsehgerät pro Haushalt die Regel, inzwischen stehen oft Zweit- und Drittgeräte in Schlaf- und Kinderzimmern. Es wird nicht mehr das gesehen, was das Familienoberhaupt bestimmt oder worauf sich der Familienrat beim Abendessen einigt, sondern das, was jeder Einzelne will.

Stefan Raab mit weit aufgerissenen Augen und herausgestreckter Zunge (Foto: dapd)

Der mögliche Gottschalk-Nachfolger Stefan Raab gilt als innovativ und spricht eher das junge Publikum an

DVD- und Internet-Nutzung unterstützen diesen Trend. Und zuletzt ist es auch der Showmaster an sich, der in der Publikumsgunst verloren hat. Allzu oft vermittelte Thomas Gottschalk in den letzten Jahren den Eindruck, zwar charmant drauflos schwadronieren zu können, aber wirklich gehaltvoll waren die wenigsten seiner Moderationen. Der Berufsjugendliche war nur noch der älteren Generation glaubhaft zu vermitteln, wenn er allzu oft Anekdötchen über weit zurückliegende Zusammentreffen mit seinen aktuellen Gästen zum Besten gab.

Dinge treiben, die im Grunde keiner braucht

Hans Rosenthal bei der 100. Ausgabe der Fernsehshow 'Dalli, Dalli' (Foto: AP)

Als Showmaster noch "Quizmaster" hießen: Hans Rosenthal

Wie geht es nun also weiter am Samstagabend? Die Öffentlich-Rechtlichen werden dem Trend der Zeit Rechnung tragen und ihr Programm anpassen müssen. Denn selbst wenn Gottschalk über die vier geplanten Sondersendungen hinaus weitermachen würde, bleibt festzuhalten: Die Familienunterhaltung des letzten Jahrhunderts gibt es nicht mehr, der von TV-Entertainer Jürgen von der Lippe geprägte Satz: "Der Samstagabend ist der Hochaltar der deutschen Fernsehunterhaltung" ist längst überholt.

Gottschalk selbst kommentiert seine Entscheidung in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" übrigens eher lapidar: "Ich weiß genau, dass wir alle etwas treiben, was im Grunde keiner braucht." Insofern sei es nichts Dramatisches, "wenn ein Entertainer nach 25 Jahren sagt: Mit dieser Show ist jetzt Schluss für mich".

Autor: Tobias Oelmaier
Redaktion: Pia Gram

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