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Wissen & Umwelt

Das Ende der Ölplattformen?

Sind Erdölplattformen schwimmende Zeitbomben? Die Katastrophe im Golf von Mexiko zeigt: Der Abbau von Bodenschätzen im Meer ist riskant. Doch Experten sagen: Es gibt auch Wege, Erdöl sicher ans Tageslicht zu holen.

Eine Bohrinsel vor Argentinien (Foto: AP)

Bald unter Wasser? Eine Bohrinsel vor Argentinien

Atlantischer Ozean, ein paar hundert Kilometer vor der brasilianischen Küste. An Bord der "Isup Constructor" setzt sich ein Schwerlastkran in Bewegung. Mit vier Seilen hält er eine tonnenschwere Rohrkonstruktion, ein käfigartiges Gebilde, das er ins Wasser hievt. Die Tauchfahrt beginnt, es geht runter bis auf dreitausend Meter Tiefe. Am Meersboden erwarten schon Tauchroboter den Käfig. Mit ihren Greifarmen ziehen sie ihn über das Ende des Rohres, das aus dem Bohrloch ragt und aus dem in Zukunft Öl und Gas sprudeln sollen.

Grafische Darstellung einer Ölfabrik am Meeresboden (Foto: DW-TV)

Eine Ölfabrik am Meeresboden - die Kraft von Stürmen und Wellen kann hier nichts ausrichten

Was nach einer Szene aus einem Science-Fiction-Film klingt, ist die Vision einer kleinen Gruppe von Spezialfirmen und Forschungsgruppen. ISUP heißt ihr Projekt - "Integrierte Systeme für die Unterwasser-Produktion von Öl und Gas". Es ist die Vision von der Ölfabrik am Meeresboden, von einer Förderplattform, auf der nicht Menschen arbeiten, sondern Roboter - ferngesteuert von einer Leitwarte aus, irgendwo auf dem trockenen Land. Mit der Ölplattform am Meeresboden sind sie über ein langes Glasfaserkabel verbunden.

Montage mit Steckverbindungen

"Der Vorteil einer solchen Förderplattform ist, dass man aus dem Bereich der Meeresoberfläche herauskommt", sagt Michael Wiedicke, Meeresgeologe am Geozentrum Hannover und Rohstoffexperte. Denn dort wirke die gewaltige Kraft von Stürmen und Wellen: So wurden allein im Jahr 2005 mehrere Dutzend Ölplattformen im Golf von Mexiko durch Hurricanes zerstört. "Aber auch in anderen Regionen, etwa in eisbedeckten Gebieten, könnte man über lange Zeiträume schwerlich eine Förderplattform installieren."

Fast von selbst muss so eine Montage am Meeresgrund vor sich gehen. Denn in mehreren tausend Meter Tiefe kann der Mensch nur per Fernsteuerung eingreifen. Deshalb besitzen die Bauteile armdicke Steckverbindungen, mit denen sie aneinander andocken können wie eine Weltraumkapsel an der Raumstation.

Das Herz: die Multiphasenpumpe

Zum Beispiel die Förderpumpe, die auf dem Stahlgerippe am Meeresboden befestigt werden muss. Axel Jäschke, Experte für Unterwassertechnik beim Pumpenbauer Bornemann, hat sie mitentwickelt. Sie wird am Kran in einem Stück abgesenkt. "Alle Verbindungsstellen gehen dann mehr oder weniger gleichzeitig in ihre richtige Position und stellen ihre Verbindung her."

Grafische Darstellung der Multipahsen-Pumpe des ISUP Projekts, die ein Gemisch aus Erdgas, Erdöl, Meerwasser und festem Methan-Eis befördert (Foto: DW-TV)

Die Multiphasen-Pumpe - das Herzstück der Anlage. Sie muss ein Gemisch aus Erdgas, Erdöl, Meerwasser und festem Methan-Eis befördern

Überhaupt - die Pumpe hat es in sich: Ein Testexemplar steht in einer Fabrikhalle in der Nähe von Hannover. Ein fünf Meter hoher gelber Stahlzylinder, der eine sehr spezielle Aufgabe zu erfüllen hat: Er muss ein Gemisch aus Erdgas, Erdöl, Meerwasser und festem Methan-Eis befördern, und das störungsfrei und 24 Stunden am Tag. Multiphasen-Pumpe nennt Jäschke das, fast zehn Jahre hat die Entwicklung gedauert.

Neue Erdöllager werden erschlossen

Was aber, wenn die Pumpe oder andere Teile der Anlage ausfallen? - Sven Hoog von der Ingenieursfirma IMPAC, zuständig für die Automatisierung der Unterwasseranlage, ist da ganz entspannt: "Wir können Ersatzteile unter Wasser bereithalten, die dann im Bedarfsfall durch Tauchroboter ausgewechselt werden."

Mit Anlagen wie ISUP kann die Ölindustrie in Zukunft auch Vorräte erschließen, die sich in größeren Tiefen befinden und bislang zu teuer für eine Nutzung waren. Doch das ändert nichts daran, dass die Erdölvorräte begrenzt sind. "Wir haben den Peak der Vorräte bereits überschritten", sagt Rohstoffexperte Wiedicke. Die Erdöllager, die jetzt noch nicht erschlossen sind, lägen vor allem an den Kontinenträndern, also am Übergang von der Küste zur Tiefsee - so wie im Atlantik vor Brasilien, wo vor kurzem große Mengen an Öl und Gas gefunden wurden.

Ist Rohstoffabbau im Meer zu verantworten?

Ölverschmutzter Vogel (Foto: AP)

Der Abbau von Rohstoffen birgt immer Gefahren und ist ein Eingriff in die Natur

Hätte sich mit ISUP eine Katastrophe wie die im Golf von Mexiko vermeiden lassen? Klares Nein, versichert Michael Wiedicke. "Was in der Karibik passiert ist, ist der Untergang einer Bohrinsel." Deren Aufgabe sei es, das Bohrloch zu bohren, ein Rohr einzuzementieren, Sicherheitsventile anzubringen und anschließend das Bohrloch wieder zu versiegeln. ISUP dagegen sei der Ersatz für eine Förderinsel - also für die Plattform, die erst später angebracht wird, das Bohrloch wieder öffnet und daraus Öl und Gas fördert.

Die Kritik, der Abbau von Rohstoffen am Meeresboden sei aus ökologischen Gründen bedenklich, will Wiedicke nicht teilen. Es sei ähnlich wie bei der Förderung an Land: Wer Rohstoffe abbauen will, greife in die Landschaft ein. Die Herausforderung bestehe darin, diesen Eingriff so zu begrenzen, dass er erträglich und verantwortbar sei.

Autorin: Mabel Gundlach

Redaktion: Klaus Dartmann/Judith Hartl

Ein Video dazu finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Projekt Zukunft, dem Wissenschaftsmagazin auf DW-TV.

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