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Wissen & Umwelt

Das Elektroauto aus der Hochschulwerkstatt

An der Technischen Universität München (TUM) haben 200 Wissenschaftler den Hörsaal in eine Automanufaktur verwandelt. Gemeinsam baut die Universität am Auto der Zukunft. Herausgekommen ist MUTE – das Stadtauto für alle.

MUTE-Elektroauto von der Technischen Universität München. Foto: WotanWilden/ TU München

Es sieht nicht aus, als ob hier ein Auto gebaut werden könnte. Das Gebäude der Fakultät für Maschinenwesen an der Technischen Universität München (TUM) empfängt seine Besucher mit moderner Glas-Beton-Architektur, mit hellen Fluren in denen verspielte Kunstskulpturen stehen. Eine Gruppe von Studenten bevölkert eine Espressobar. Und doch: genau hier wird am Auto der Zukunft gebaut. Seit beinahe zwei Jahren entwickeln und bauen Professoren, Wissenschaftliche Mitarbeiter, Doktoranten und Studenten gemeinsam ein völliges neues Elektroauto. Sein Name, wie könnte es anders sein an so einem ruhigen Entstehungsort: MUTE, was im Englischen auch für 'leise' steht.

200 Wissenschaftler, 20 Lehrstühle, ein Ziel

Technische Universität München (Foto: Richard A. Fuchs)

Kaderschmiede für Deutschlands Ingenieur-Nachwuchs: TU München

Stephan Fuchs sitzt für gewöhnlich in der dritten Etage des Gebäudes, in den Büros des Lehrstuhls für Fahrzeugtechnik. Seine Aufgabe ist nicht leicht, denn er muss als einer von drei Projektleitern die Kreativität und Experimentierfreude von 200 Wissenschaftlern aus 20 unterschiedlichen Lehrstühlen bündeln. Am 15.September muss alles zusammen passen, dann wird das Elektroauto aus der Hochschulwerkstatt auf der 64. Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) im Salon für Elektromobilität (Halle 4) in Frankfurt vorgestellt.

Doch auch wenn das Fahrzeug der Münchner Wissenschaftler neben den anderen Exponaten namhafter Hersteller wie Daimler, Opel, Renault oder Mitsubishi steht: MUTE wird anders sein, sagt der Ingenieur Stephan Fuchs. "Um ein Elektrofahrzeug zu bauen reicht es eben nicht, aus einem konventionellen Fahrzeug mit einem Verbrennungsmotor den Motor herauszunehmen und den Elektromotor reinzubauen". Weil die bisher gebauten Elektroautos aber noch zu wenig für die Anforderungen der elektromobilen Welt angepasst sind, würden viele an den ähnlichen Problemen kränkeln: zu teuer, zu uneffizient und vielfach auch zu unsicher.

MUTE soll all das besser machen, versichert der 29-Jährige selbstbewusst. Dabei sei entscheidend zu wissen, für wen dieses Fahrzeug eigentlich gedacht ist. "Viele Fahrzeuge mit großen Reichweiten, vielen Sitzplätzen und großem Kofferraum werden häufig einfach nicht genutzt". Und noch eine weitere Erkenntnis ihrer Marktanalyse ließ die Forscher aufhorchen: 98 Prozent aller Wegstrecken eines Deutschen hätten eine Reichweite von unter 100 Kilometern. Die Schlussfolgerung klingt daher einleuchtend. Wenn ihr Elektroauto zum "Volkswagen" der Elektromobilität werden soll, dann muss MUTE als Stadt- und Regionalfahrzeug konzipiert werden. "Wir haben die Gewichtsspirale konsequent nach unten gedreht und die Anforderungen auf das zurückgeschraubt, was man für solche Fahrten wirklich braucht am Fahrzeug", erklärt Stephan Fuchs die Philosophie des MUTE.

Das MUTE-Design Foto: Wotan Wilden / TU München

Zwei Personen, zwei große Gepäckstücke und viel Hightech an Bord: das MUTE-Konzeptdesign

Weniger Gewicht, weniger Energie, weniger Kosten

Große Kompromisse müssen MUTE-Fahrer auf ihren alltäglichen Fahrten trotzdem nicht befürchten: Zwei Personen und zwei große Gepäckstücke passen entspannt in das Auto. Damit entspricht das Fahrzeug der heutigen Kleinwagenklasse bei den Verbrennungsmotoren. Klein bedeute beim MUTE aber nicht unsicher, diese Botschaft ist dem Doktorand Stephan Matz wichtig. Er ist für die Entwicklung und Konstruktion des Münchner Elektroautos zuständig. "Bei Elektroautos ist Leichtbau noch viel entscheidender als bei normalen Autos".

Um ein stabiles Auto zu bauen, müssten die richtigen Materialen am richtigen Ort verbaut werden. So ist der Fahrzeugrahmen aus Aluminium, die Karosserie dagegen aus verstärktem Kunststoff. Spezialkunststoffe kommen dort zum Einsatz, wo bei Unfällen die größten Kräfte wirken. Selbst die Sitze sind auf Hightech und Gewichtsparen getrimmt: sie bieten optimalen Komfort für mindestens zwei Stunden Fahrt, aber eben nicht für fünf.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. MUTE ist mit nur 500 Kilogramm das mit Abstand leichteste, vollwertige Elektrofahrzeug in seiner Fahrzeugklasse. Mit entscheidenden Vorteilen für die Kunden, sagt Stephan Fuchs. "Weil wir so ein leichtes Fahrzeug haben, kommen wir mit einer sehr kleinen Batterie aus, was momentan der größte Kostenblock bei Elektrofahrzeugen ist." Es reicht daher, MUTE von 1200 Lithium-Ionen Zellen antreiben zu lassen. Das entspricht in etwa 1200 Batterien, wie sie auch in heutigen Notebooks stecken.

Das Projektteam des MUTE-Elektroauto Projekts Foto: Richard A. Fuchs

Projektleiter Stephan Fuchs (Links), Fahrsicherheitsexperte Frank Diermeyer (Mitte) und Konstruktionsleiter Stephan Matz


Ersatzbatterie für Notfälle

Für den Fall, dass die Fahrt doch mal länger als 100 Kilometer wird, ist ein Zusatz-Akku eingebaut. Dieser "Range-Extender" wurde vom Lehrstuhl für Fahrzeugtechnik konzipiert und lässt das Auto noch einmal 50 Kilometer weiter fahren. "Mit MUTE wollen wird zeigen, dass Elektromobilität bezahlbar ist für den Kunden und dass Elektrofahrzeuge nicht immer nur superteure Fahrzeuge sein müssen", zieht Stephan Fuchs sein Resümee aus der anstrengenden Gemeinschaftsleistung.

Die Technik sei da, sagt auch Konstruktionsleiter Stephan Matz im Rückblick auf beinahe zwei Jahre Konstruktions- und Verbesserungsarbeit. Jetzt müssten sich die Menschen nur noch auf die Elektromobilität einlassen. "Das eigene Auto wird in Zukunft nicht mehr alles können müssen", sagt Matz. "Die Menschen werden eher ihr Mobilitätsbedürfnis aufsplitten, um Überlandfahrten mit dem konventionellen Auto zu machen, kürzere Fahrten dagegen mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder eben einem Fahrzeug wie dem MUTE."

Autor: Richard A. Fuchs

Redaktion: Judith Hartl

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